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Glücksfall für Mieter und Vermieterin

Altengerechtes Wohnen auf dem Land Glücksfall für Mieter und Vermieterin

Futtertröge und Plumpsklo sind verschwunden. Im früheren Viehstall ist eine altengerechte Wohnung entstanden. Gerlind Aryceus hat 125.000 Euro in den Umbau investiert. Ein Teil des Geldes kam vom Staat.

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Neues Leben für einen Oberrospher Dreiseit-Hof: Aus dem einstigen Viehstall (links) ist eine barrierefreie 50-Quadratmeter-Wohnung geworden. Der pflegebedürftige Erwin D. (Name von der Redaktion geändert) ist der erste Mieter von Gerlind Aryceus (hier mit Sohn Adrian). Die 52-jährige Architektin hat den gut 300 Jahre alten Fachwerkhof vor 20 Jahren gekauft und seither kontinuierlich ­saniert und umgebaut.

Quelle: Carina Becker-Werner

Oberrosphe. „Es ist eine große Verbesserung für mich“, sagt Erwin D. (Name von der Redaktion geändert). Der 52-Jährige, der seinen tatsächlichen Namen nicht in der Zeitung preisgeben möchte, ist der erste Mieter eines frisch umgebauten Viehstalls im alten Ortskern von Oberrosphe. Zuvor lebte er in einem 20-Quadratmeter-Appartement, „kein Vergleich mit dieser Wohnung“, sagt er.

Erwin D. leidet unter mehreren Stoffwechselerkrankungen, ist auf Rollator und Gehstützen angewiesen. Ärztlicher Prognose zufolge wird er in einigen Jahren einen Rollstuhl benötigen. „Es ist ein großes Problem für ältere oder behinderte Menschen, wenn sie weiterhin auf dem Land wohnen wollen“, erklärt der 52-Jährige. In Marburg und Umgebung müsse man fünf bis zehn Jahre auf eine barrierefreie Wohnung warten. „Und die Chancen, dass man in seinem Dorf bleiben kann, sind sehr gering“, führt Erwin D. aus, der sein ganzes Leben in Oberrosphe verbracht hat und nun glücklich ist, dass er dort auch bleiben kann, in der Nähe seiner Freunde. Wohnung und Umfeld im alten Ortskern gefallen ihm sehr gut, von der Atmosphäre im einstigen Viehstall schwärmt der 52-Jährige.

„Mit meinem Mieter habe ich wirklich Glück“

„Es ist sehr angenehm in diesem Backsteinhäuschen. Mit dem Kalkputz innen ist es eine Wohltat für die Atemwege.“ Durch stilecht erneuerte Sprossenfenster mit Rundbogen schaut Erwin D. auf die Fachwerkhäuser ringsum. Über den Hof winkt er zu Gerlind Aryceus und deren Sohn Adrian hinüber. Auf dem Hof treffen sich Mieter und Vermieterin gern einmal zu einem kleinen Kaffeeklatsch.

„Es ist schön, nicht mehr auf ein leerstehendes Gebäude zu schauen“, freut sich Gerlind Aryceus. „Und mit meinem Mieter habe ich wirklich Glück, er ist ein ruhiger, angenehmer Mensch.“ Die 52-Jährige bringt Erwin D. gern einmal Brötchen aus dem kleinen Laden im Dorf mit – oder sie begleitet ihn gemeinsam mit ihrem Sohn Adrian (8 Jahre) auf einem kleinen Rollator-Spaziergang durch den alten Ortskern. In späteren Jahren will Gerlind Aryceus die ­altengerechte Wohnung selbst nutzen. „Das ist meine Vorsorge“, sagt die Witwe und denkt daran, dass die steilen Stiegen in ihrem alten Fachwerkhaus einmal zum unüberwindbaren Hindernis werden könnten.

Mit Fördermitteln gelingt das beispielhafte Projekt

Die Mieteinnahmen aus der altengerechten Wohnung leisten jetzt einen wertvollen Beitrag, um die Kosten für den Ausbau wieder reinzuholen, „auch, wenn der Abtrag damit nicht ganz gedeckt ist“. Für den Umbau hat die 52-Jährige 125.000 Euro in die Hand genommen. 20.000 Euro erhielt sie als Preisgeld vom Landkreis, der das Oberrospher Projekt im Wettbewerb „Wohnen im Alter – ­Moderne Wohnformen“ vor zwei Jahren ausgewählt hat.

Weitere 23.000 Euro aus Dorferneuerungsmitteln kamen hinzu, „ein finanzieller Grundstock, der es möglich gemacht hat, den Umbau zu stemmen“, sagt Gerlind Aryceus und will mit ihrem Beispiel andere potenzielle Bauherren ermutigen, aus ihren ungenutzten Nebengebäuden etwas zu machen. Der Umbau, den Fachfirmen übernahmen, begann im Juli 2016. Ende April dieses Jahres zog Erwin D. ein.

„Dass, was ich mir für mein ­Alter wünsche und mich im ­Moment noch nicht betrifft, kann ich mit der Umsetzung des Projektes einem anderen Menschen geben“, freut sich die Oberrospherin.

von Carina Becker-Werner

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