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Angst vor unabsehbaren Schäden

Wasserlieferungen Angst vor unabsehbaren Schäden

Wasser aus dem Burgwald in das Rhein-Main-Gebiet zu pumpen, kann nicht die Lösung für Probleme vor Ort sein, sagt Dr. Anne Archinal. Ein für sie neues Schaubild zum Grundwasser bereitet ihr zusätzlich Sorgen.

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Das Wasserwerk Wohratal.

Quelle: Archivbild

Wetter. Mit der Erlaubnis des Regierungspräsidiums Gießen, Wasser aus dem Wasserwerk Wohratal, also aus dem Burgwaldgebiet, in das Rhein-Main-Gebiet fließen zu lassen, will sich die Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“ mit Sitz in Wetter nicht abfinden. Dr. Anne Archinal, Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft, freut sich darüber, dass das Hessische Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz eine Erarbeitung eines Leitbilds für ein integriertes Wasser-Ressourcen-Management Rhein-Main auf den Weg gebracht hat.

„Bemerkenswerte Grafik“ taucht auf

„Das Leitbild ist eine einmalige Chance für eine nachhaltige Wasserversorgung der nachfolgenden Generationen in Vereinbarkeit mit dem Naturschutz“, sagt sie. Sie tritt mit anderen hessischen Naturschutzverbänden im bis Mitte 2018 laufenden Verfahren in etlichen Arbeitsgruppensitzungen für den Naturraum im Wohratal und Burgwald ein. Redaktionell erarbeitet wird das Leitbild von einer Arbeitsgemeinschaft verschiedener Fachbüros unter der Federführung des Umweltministeriums.

Bereits im Januar dieses Jahres wurde den Teilnehmern das Konzept des Prozesses vorgestellt. Zudem gibt es bereits eine vorbereitende Systemanalyse der Wasserversorgung Rhein-Main zum Leitbildprozess. Und beim Studium dieser Systemanalyse stieß Anne Archinal auf eine nach ihren Worten „bemerkenswerte Grafik“, die ihr so noch nicht bekannt war. Dabei geht es um eine Auflistung der Nutzung der Grundwasserneubildung für die Wasserversorgung. Während überall im Landkreis Marburg-Biedenkopf der genutzte Anteil bei zirka 25 Prozent liegt, gibt es mit 76 Prozent im nördlichen Teil des Landkreises, in dem auch Teile des Burgwalds liegen, einen deutlichen Ausreißer nach oben. Mittendrin befindet sich das Wasserwerk Wohratal. Für Süd- und Mittelhessen ist das der höchste Ausnutzungsgrad. Im südlichen Vogelsberg wird ein Wert von 60 Prozent erreicht, im Hessischen Ried von rund 50 Prozent.

Negativbeispiel Hessisches Ried

Apropos Hessisches Ried: Da schrillen sofort die Alarmglocken. Im April vergangenen Jahres fasste die „Frankfurter Neue Zeitung“ kurz und prägnant zusammen, was es mit dem Hessischen Ried als langjährigem Wasserlieferanten für das Rhein-Main-Gebiet mit seinen rund vier Millionen Einwohnern auf sich hat. Dort gibt es zwar seit 20 Jahren ein Grundwasser-Management, doch der Natur hat dessen Umsetzung in die Praxis offensichtlich wenig genutzt. Auf 11.000 Hektar steht geschädigter Wald.

Trotz der nur mittleren Ausnutzung der Grundwasserneubildungsrate. Für die Rettung wurden im aktuellen Landeshaushalt 3,5 Millionen Euro reserviert. Nicht zuletzt die kritische Situation im Hessischen Ried hat den Ruf nach dem Leitbild mit dem Ziel, die Wasserversorgung Rhein-Main nachhaltiger zu gestalten, aufkommen lassen. „Die Systemanalyse liefert nur Fakten. Diese werden aber nicht bewertet“, erklärt Archinal. Doch der Ausnutzungsgrad der Grundwasserneubildung im nördlichen Landkreis ist für sie ein neuer Ansatzpunkt, der ihrer Ansicht nach bei allen weiteren Betrachtungen und Entscheidungen mit berücksichtigt werden muss.

 
In der Systemanalyse zur Wasserversorgung Rhein-Main heißt es zu diesem Schaubild: „Die Grundwasserneubildung der Grundwasserkörper wird in sehr unterschiedlichem Maße ausgeschöpft. Der Anteil liegt im Odenwald, im Taunus und im Spessart bei weniger als 25 Prozent, bei rund 50 Prozent im Hessischen Ried und 60 Prozent im südlichen Vogelsberg und erreicht 75 Prozent im nördlichen Landkreis Marburg-Biedenkopf.“ Grün gestrichelt ist die Leitung von Wohratal in den Vogelsberg dargestellt. Screenshot: OP

 

Im Herbst vergangenen Jahres hatte die Obere Wasserbehörde beim Regierungspräsidium Gießen die Genehmigung zur Entnahme von Grundwasser aus dem Wasserwerk Wohratal erteilt. Allerdings mit der klaren Maßgabe, dass die jährliche Fördermenge 9,5 Millionen Kubikmeter pro Jahr nicht überschreiten darf. Diese Menge hält man dort für vertretbar, zumal ein älteres, jetzt erloschenes Wasserrecht bis zu 11 Millionen Kubikmeter erlaubte. Weil der hiesige Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke (ZMW) für die eigene Versorgung aber nur ca. 7,5 Millionen Kubikmeter benötigt, beantragte er die übrigen zwei Millionen Kubikmeter, um sie über die Oberhessische Versorgungsbetriebe AG (OVAG) über dessen Vogelsbergleitung an das Rhein-Main-Gebiet abzugeben. Archinal hat schon wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass die Entnahme von 9,5 Millionen Kubikmeter Grundwasser pro Jahr für das Wasserwerk Wohratal faktisch eine deutliche Anhebung der Fördermenge bedeute.

Wie das? „Die 11 Millionen waren zwar bis 2016 genehmigt, sind aber in den letzten 20 Jahren nicht gefördert worden. Die tatsächliche Fördermenge lag bei +/– 7,5 Millionen.“ Und was bedeutet das jetzt? „Irgendwo mehr Grundwasser zu entnehmen, hat immer Folgen“, sagt Archinal. Und bestimmt keine positiven für die umliegende Flora und Fauna. In Zusammenschau mit dem bis dato für sie unbekannten Wert von 76 Prozent bei der Ausschöpfung der Grundwasserneubildung hält sie es deshalb für erforderlich, dass das Regierungspräsidium seine jetzt für 30 Jahre erteilte Fördergenehmigung kritisch überprüft und die Fördermenge deutlich nach unten korrigiert. „Es kann sowieso nicht die Lösung sein, die Trinkwasserversorgung des Rhein-Main-Gebiets über lange Leitungen quer durchs Land aufzustocken und Möglichkeiten vor Ort zur Wassergewinnung nicht zu nutzen“, so Archinal, „schließlich ist Rhein-Main eines der wasserreichsten Gebiete Deutschlands.“

von Götz Schaub

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