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Wetter ist im Grenzegang-Rausch

Festwochenende Wetter ist im Grenzegang-Rausch

5.25 Uhr am Freitagmorgen. Der Marktplatz ist leer. Binnen der nächsten halben Stunde wird sich dies ändern. Schließlich laufen 4000 Menschen los, um die Grenzen der Kernstadt abzuschreiten.

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Sonnenaufgang im Feld bei Wetter und rund 4000 Menschen erleben ihn gemeinsam während des Grenzegangs. Die Grenzläufer "hubchen" Bürger und Ehrengäste über den Grenzstein.

Quelle: Thorsten Richter

Wetter. 5.30 Uhr: Nach und nach treffen die Grenzegänger in Grüppchen ein. 5.45 Uhr: Auf dem Marktplatz wird es voller. Bürger und Politprominenz sind dabei. SPD-Landtagsabgeordnete Angelika Löber aus Lahntal hat den hessischen SPD-Vorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel mitgebracht. „Sie hat mich überredet“, bekennt er und freut sich auf seinen ersten Grenzegang in Wetter.

5.49 Uhr : Die Grenzeläufer kommen, begleitet von Festkomitee und Blasmusik auf den Markplatz. Laut lassen sie ihre Peitschen knallen. 5.50 Uhr: Ein Prost auf den Grenzegang. Aus den Nachbardörfern sind viele mit dabei, so auch Benjamin Sauerwald aus Oberrosphe, der sich mit Freunden auf dem Marktplatz trifft und schon mal auf den gemeinsamen Tag anstößt. „Vor sieben Jahren war ich auch dabei“, erzählt der 25-Jährige.

6 Uhr: Böllerschüsse - spätestens jetzt sind alle richtig wach. Gut so, denn schon setzen sich die Menschenmassen in Bewegung. 6.06 Uhr: Der erste Stau - viele weitere werden folgen. Durch die Gassen der Stadt geht es langsam voran. Wetteraner, die daheim bleiben an diesem Tag, schauen sich das Spektakel vom Fenster aus an. Viele treten in der Altstadt aus ihren Häusern und stoßen zum Grenzegang dazu.

6.10 Uhr : Der Zug der Grenzegänger lichtet sich allmählich. Die zweieinhalbjährige Annelie Rotter kann so leicht nicht verloren gehen. Sie gehört zu den vielen Kindern, die den Grenzegang vom Bollerwagen aus erleben. Vater Heiko zieht sie, Mutter Martina, eine waschechte Wetteranerin, läuft nebenher. „Wir sind immer mit dabei“, sagt sie und lacht, „die Gemeinschaft ist einfach toll. Vor sieben Jahren haben wir statt einer Hochzeitsreise beim Grenzegang mitgemacht.“

6.22 Uhr: Demnächst verlassen die Grenzegänger die Stadt. Johannes Kurz, früherer daheim in Wetter, jetzt in Kassel, ist für den Grenzegang in seine alte Stadt gekommen - und läuft barfuß mit. „Das hab ich mir vorgenommen, ich will den ganzen Grenzegang ohne Schuhe machen.“ Wie das funktioniert? „Na, einfach laufen“, sagt er, bekennt aber, dass er oft ohne Schuhe unterwegs sei und deshalb quasi Übung habe.






 
 
 
 
 
 
 
 
 
 



6.25 Uhr : Kathi Payer und weitere Helfer vom Grenzegangverein verteilen kostenlose Brotdosen und süßes Gebäck an die vorbeiziehenden Kinder. 6.35 Uhr: Elisabeth Muth läuft mit ihren Walking-Stöcken im Feld der Grenzegänger mit. Für die 75-Jährige ist es eine Premiere. „Dabei wohne ich seit 45 Jahren in Wetter, das muss man sich mal vorstellen - aber irgendwie hat es nie geklappt. Und diesmal wollte ich unbedingt, weil ich das in sieben Jahren vielleicht nicht mehr schaffe.“

6.42 Uhr: Opa Dieter Letzke und Enkel Marius Letzke freuen sich auf den Stopp am ersten Grenzstein. „Dann gibt’s die Ohrfeige“, verrät der 78-Jährige dem 12-Jährigen. Erster ist ein alter Grenzegang-Hase. „Ich wohne seit 1949 in Wetter - seither war ich bei jedem Grenzegang dabei, das darf man einfach nicht verpassen.“ Sein Enkel Marius freut sich auf den Tag. „Ich find’s cool - und das frühe Aufstehen habe ich gut hingekriegt.“

„Es ist immer das Gleiche - und es ist immer toll“

6.50 Uhr : Der Schüler Fabian Metzger kassiert eine Ohrfeige vom Bürgermeister. Nein, das ist kein Fall für die Polizei, sondern alte „Wettersche“ Tradition. Beim Grenzegang muss der älteste Schüler der Stadt sich den Verlauf der Grenze einprägen. „Merke es dir“, sagt Kai-Uwe Spanka, hebt die Hand und deutet die Ohrfeige an, „und hiermit wird es nachhaltig in deinen Kopf gebracht“.

6.55 Uhr: Man kann nun von den Grenzläufern Jens Jesberg, Andreas Schmauch und Holger Damm lernen, wie man längere Arme in 20 Minuten bekommt. Die Männer „hubchen“ (heben und werfen) ausdauernd einen Ehrengast nach dem anderen über den Grenzstein, angefangen mit dem Bürgermeister als „ersten Bürger der Stadt“, wie der Ausrufer Heinz-Harald Kögel verkündet.

7 Uhr : Grenzegang Wetter ist international. Viele Gäste aus Partnerschaften mit Stadt und Vereinen sind mit dabei. So auch rund 30 Männer und Frauen von der Feuerwehr Deutschkreutz in Österreich. Die 43-jährige Hermine Kovacs läuft schon zum dritten Mal in Wetter mit - immer mit Tochter Kerstin (22 Jahre), die als achtjährige erstmals den Grenzegang erlebte. „Das ist schön“, sagt sie, „so etwas gibt’s bei uns nicht“.

7.15 Uhr: Wer jetzt noch nicht gehoben wurde und noch will, der muss warten. Die nächste Station gibt es erst am Grenzstein bei Amönau. Bis dahin hat der Zug der Grenzegänger ein Stückchen Weg durchs Feld mit einigen engen Trampelpfaden vor sich.

7.30 Uhr: Mit der frühmorgendlichen Frische ist es vorbei. Die Grenzegänger kommen allmählich ins Schwitzen.

Grenzegang Wetter. Foto: Thorsten Richter (thr)

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7.58 Uhr: Ein weiteres Stück Weg ist geschafft. Zwischen Wetter und Amönau steht der Grenzstein. Auch das ist Tradition. Hier wird als Erster der Ortsvorsteher von Amönau über den Grenzstein gehoben. In diesem Fall ist es eine Ortsvorsteherin, Sigrid Diehl.

8.20 Uhr: Grenzegang im Stil eines entspannten Spaziergangs ist erstmal vorbei. Oberhalb von Amönau geht es steil hinauf in den Wollenberg. Den älteren Teilnehmern werden jetzt helfende Hände gereicht, beim Tragen von Kinder- und Bollerwagen über Wurzelwerk und Steine packen viele mit an.

8.30 Uhr: Der Grenzegang wird zur Waldwanderung. Es geht tief hinein in den Wollenberg auf verschlungenen Pfaden, mal bergauf, mal bergab, an Engpässen mit gelegentlichen Staus und über kleine Bächlein hinweg, die das Team für die Streckenvorbereitung sorgfältig mit Holzübergängen ausgestattet hat. Alle kommen sicher voran.

9.15 Uhr : Die Fragen, wie weit es denn noch zum Frühstücksplatz sei, häufen sich. Vor allem die Kinder können es kaum abwarten. Die neunjährige Lina Carl aus Sterzhausen bildet da wohl die Ausnahme. Gemeinsam mit ihrer Oma Charlotte und Opa Martin läuft sie beim Grenzegang mit und bessert ganz nebenher ihr Taschengeld auf. Wie das geht? Ein paar Plastiktüten mitnehmen und das Leergut einsammeln, das andere achtlos liegen lassen. „Hab ich vom Opa gelernt“, sagt Lina.

9.30 Uhr : Es geht für ein kurzes Stück raus aus dem schattigen Wald über eine sonnenbeschienene Wiese. Die Grenzläufer lassen ihre Peitschen laut knallen. 9.40 Uhr: Grenzen laufen nicht gerade, sondern schlagen Haken. Es geht im Zickzack-Kurs durch den tiefen Wald. Erfahrene Grenzegänger behaupten, das sei jetzt schon so etwas wie der Endspurt vorm Frühstücksplatz.

9.47 Uhr : Man hört Blasmusik. Noch leise, aber allzu weit kann es nicht mehr sein. Karl-Heinz Kajewski, Vorstand des Festausschusses, schätzt, dass die Grenzeläufer nun um die sieben Kilometer geschafft haben, andere gehen von etwa acht Kilometern aus. Eine etwas kürzere Strecke folgt noch am Nachmittag. Daran mag vorerst niemand so recht denken - denn erstmal darf eineinhalb Stunden auf dem Frühstücksplatz nahe der langen Bank pausiert werden.

9.50 Uhr: Etappenziel Frühstücksplatz. Mit 4000 Grenzeläufern und weiteren Gästen, die mit dem Auto in den Wald gekommen sind, wird es schnell sehr voll zwischen Blaskapelle, Getränkepilzen und Wurstbuden. Die Stimmung ist großartig. „Es ist immer das Gleiche - und es ist immer ein tolles Erlebnis“, sagt die Wetteranerin Annika Zietlow, die zum fünften Mal beim Grenzegang mit dabei ist. Für die 31-Jährige ist ab dem Frühstücksplatz vorerst das Ende des Grenzegangs gekommen - „gleich geht’s zur Arbeit.“

Jenen, die bis zum Schluss durchhalten, stehen noch einige Kilometer bei sommerlicher Hitze bevor. Die Freude, am Nachmittag wieder die Stadt zu erreichen und dort abends gemeinsam zu feiern, wird riesig sein.

von Carina Becker

Programm am Wochenende:

Samstag

5 Uhr: Weckruf

6 Uhr: Aufstellung des Zuges auf dem Marktplatz; Zug zur alten Grenze bei Todenhausen, Verlesen der Grenzbeschreibung nach dem Weistum von 1239, Frühstück an der Hitzstube

9.30 Uhr: Kindervergnügen auf dem Frühstücksplatz

12.30 Uhr: Weitermarsch zur Grenze nach Niederwetter und zurück in die Stadt

19.30 Uhr: Abmarsch vom Marktplatz zum Festplatz

20 Uhr: Stimmung im Festzelt mit „Fischbörner Bube“

22 Uhr: Stimmung im Festzelt mit „Münchner Zwietracht“

Sonntag

7.30 Uhr: Weckruf

9 Uhr: Festgottesdienst in der Stiftskirche

10 Uhr: Platzkonzert mit buntem Programm auf dem Marktplatz

14 Uhr: Großer historischer Festzug zum Festplatz, anschließend Vorstellung der Gastkapellen

20 Uhr: Stimmung im Festzelt mit „Aischzeit“

21 Uhr: Festspiel „Wetteranus est“

22.30 Uhr: Großes Feuerwerk

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