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Wer ging nun auf wen mit der Spaltaxt los?

Aus dem Gericht Wer ging nun auf wen mit der Spaltaxt los?

Aussage gegen Aussage: Gestern begann der Prozess gegen einen Mann, der einen anderen Mann mit einer Axt attackiert haben soll. Der Angeklagte sagte indessen, dass er angegriffen worden sei.

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Der Angeklagte, hier mit seinem Verteidiger Sascha Marks, stellte sich gestern eher als Opfer denn als Täter dar.Foto: Ina Tannert

Marburg. Der Mann, der eine Kopfverletzung erlitten hatte, ist ein Arbeitskollege der ehemaligen Lebensgefährtin des Beschuldigten, der zur Tatzeit zwischen den beiden eine Affäre vermutete. Entsprechend geladen sei er gewesen, als er den anderen, halb so alten Mann an diesem Abend anrief und dieser schließlich einen spontanen Besuch in der Wohnung des Paares angekündigt habe, sagte der Angeklagte. Vor Gericht trat der 50-Jährige freundlich auf, gab sich mitteilsam. Als der junge Mann vorbeikam, zogen sich die beiden in den Hobby-Keller des Angeklagten zurück.

Dort hätten sie sich einen Joint geteilt, einige Biere und Schnäpse getrunken. Während des längeren Gesprächs sprachen sie über alles mögliche, so der Angeklagte. Irgendwann habe er den Jüngeren schließlich direkt gefragt, ob er eine sexuelle Beziehung mit seiner Freundin habe. Das habe der Angesprochene verneint. „Damit habe ich mich abgefunden, aber dann wurde es komisch“, berichtete der Angeklagte weiter. Der andere habe ihm angeblich zur Trennung von seiner Freundin geraten. Da fühlte er sich „aufgehetzt“, wollte den Besucher nur noch loswerden.

In seinem Keller befinde sich ein Holzofen - daher stehe da auch die lange Spaltaxt, die von den Prozessbeteiligten während der Verhandlung ausgiebig begutachtet wurde. Das schwere, sichtbar gebrauchte Werkzeug will jedoch nicht er an diesem Abend in die Hand genommen haben. Viel mehr soll sein Besucher die Axt plötzlich aufgehoben und mit dem stumpfen Ende immer wieder in die Handfläche geklopft haben. „Er hat mich mit der Axt provoziert, ich fühlte mich bedroht.“ Daher versuchte er, ihn mit einer „Finte“ zu entwaffnen.

Er habe erst so getan, als wolle er ihn umarmen, und habe dann blitzschnell nach der Axt gegriffen. Bei dem folgenden „Gerangel“ hätten sie beide an der Axt gezerrt. Dabei schlug dann das stumpfe Ende des Werkzeugs an den Kopf des Angeklagten, der dadurch eine Platzwunde erlitt. So weit die Version des Angeklagten, der mehrfach betonte, dass der andere ihn angegriffen habe und er nur auf der Anlagebank sitze, weil er zu spät bei der Polizei angerufen hatte. Tatsächlich saß der Mann einige Wochen in Untersuchungshaft, bevor sie wieder aufgehoben wurde.

Der Besucher stellte das Geschehen indes völlig anders dar. Er wollte dem älteren Mann ins Gewissen reden, ihn auf die Übergriffe gegen seine Freundin ansprechen. Von diesen habe die Frau ihm zuvor berichtet. Bei dem „merkwürdigen“ Gespräch, das der Zeuge erst als ruhig, dann als zunehmend angespannt beschrieb, habe der Angeklagte nach der Waffe gegriffen, sei direkt auf ihn zugekommen. „Ich bekam Angst, fühlte mich bedrängt“. Der Beschuldigte versuchte ihm gegen den Kopf zu schlagen, nur durch ein rasches Wegducken und einigen Kraftaufwand sei es ihm gelungen, der Axt zu entkommen und den Stiel zu ergreifen, berichtete der Zeuge. Es folgte ein Gerangel um den Besitz der Waffe. Schließlich habe er sich befreien und fliehen können, während der ältere Mann ihm brüllend mit der Axt in der Hand hinterher gelaufen sei.

Die Auseinandersetzung bekam die Freundin des Mannes zum Teil mit. Sie war der Grund, warum der Zeuge sich überhaupt zu einem Besuch entschieden hatte. Beide kannten sich nicht nur durch die Arbeit. Sie unternahmen auch gemeinsame Spaziergänge mit ihren Hunden. Zwischen ihnen sei es einmal zu einem kurzen sexuellen Kontakt gekommen, sagte der Kollege. Obwohl ihr Freund davon zum damaligen Zeitpunkt nichts wusste, soll er ihr gegenüber mehrfach damit gedroht haben, ihren Kollegen und dessen Hund mit einem Jagdgewehr zu erschießen, sollte er sie beide jemals erwischen.

Gewalt soll bereits mehrfach Thema in der langjährigen Beziehung zwischen dem Angeklagten und seiner Lebensgefährtin gewesen sein. Er steht zusätzlich wegen dreifacher vorsätzlicher Körperverletzung vor Gericht. Er gab die Taten alle zu. Einmal habe er sie nach einem Streit im Auto, in dessen Verlauf sie ausgestiegen war, an den Haaren gezogen und sie so dazu gebracht, die Fahrt fortzusetzen. Wochen später schubs­te er sie, dass sie fiel und sich leicht verletzte. Und als sie die Verletzung ihres Kollegen untersuchen wollte, habe er ihr „aus einer Emotion heraus“ ins Gesicht geschlagen.

„Ihm ist bewusst, dass er sich nicht richtig verhalten hat“, erklärte Verteidiger Sascha Marks im Namen seines Mandanten. Derzeit hat das ehemalige Paar keinen Kontakt, er würde indes die Beziehung gerne wieder aufnehmen, „wenn sie mir meine Fehler verzeihen kann“, beteuerte der Angeklagte.

Der Prozess wird am morgigen Freitag fortgesetzt.

von Ina Tannert

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Der Anklagte mit seinem Rechtsanwalt Sascha Marks. Foto: Thorsten Richter

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