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Wenig Lob und wenig Lohn

Landwirte sind frustriert Wenig Lob und wenig Lohn

So gut wie erhofft fällt sie dann doch nicht aus, die diesjährige Ernte. Doch sind die Erträge mitunter der kleinste Kummer heimischer Landwirte, die sich neben faireren Erzeugerpreisen vor allem mehr Wertschätzung wünschen.

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Die Rapsernte im Kreis blieb teilweise hinter den Erwartungen der heimischen Landwirte zurück. Manchenorts wurde die ­Öl- und Futterpflanze von Pilzen befallen.

Quelle: Nadine Weigel

Wollmar. Dass der Ausbildungsstand der Landwirte in Deutschland so gut ist wie in kaum einem anderen Land, dass ihre Arbeit herausragend hochwertige Lebensmittel hervorbringt, dass die Bauern mit der Natur arbeiten statt gegen sie – und dass der Landwirt, der dort im Mähdrescher übers Feld fährt, eine unmittelbare Bedeutung für die Versorgung der Menschen vor Ort hat: „Alles Dinge, die den Leuten oft gar nicht bewusst sind“, sagt Marburg-Biedenkopfs Kreislandwirt Frank Staubitz beim Erntegespräch, zu dem gestern der Kreisbauernverband nach Wollmar auf den Hof Wagner eingeladen hatte.

Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbands, stimmte dem Kreislandwirt zu: „Die Bevölkerung ist gedanklich weit weg von dem, was wir tun. Sie kauft die Milch am liebsten billig. Viele kennen nur den Preis der Lebensmittel, aber nicht den Wert, nicht die Arbeit, die dahintersteckt.“ So verdiene der Erzeuger am klassischen Frühstücksbrötchen, das den Kunden 30 Cent koste, gerade einmal 0,4 Cent, nannte Dr. Helmut Otto, Leiter des Landwirtschaftsamts beim Landkreis, ein Beispiel dafür.

Die Situation ist frustrierend für die Landwirtschaft, vor allem, da sie in der Region noch so aufgestellt ist, dass die Menschen sich in vielen Dörfern, beispielsweise in Wollmar, zumindest theoretisch komplett mit den vor Ort erzeugten Lebensmitteln versorgen könnten. Dies hob Landrätin Kirsten Fründt (SPD) hervor, die ihre Wertschätzung für die regionale Produkte zum Ausdruck brachte. Gastgeber Johannes Wagner, dessen Familie den Hof in der dritten Generation betreibt, und seine Frau Irmgard belegten eindrucksvoll, wie die Versorgung mit regionalen Produkten funktioniert: „Das Roggenbrot hat meine Frau gebacken, mit Mehl aus der nahegelegenen Mühle, die Wurst hat mein Bruder in seiner Metzgerei hier im Dorf hergestellt, die Milch habe ich gemolken“, sagte er über das Frühstück für die Teilnehmer des Erntegesprächs.

Gerste 11 Euro, Weizen 13 Euro pro Doppelzentner

Eine Landwirtschaft, die vor Ort quasi einen Rund-um-sorglos-Service bietet, ist allerdings in Gefahr, wenn sich der starke Trend vom Haupt- und Nebenerwerbslandwirt so fortsetzt wie bisher oder gar noch verstärkt. Heinz-Hermann Nau-Bingel, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes, berichtet, dass sich zunehmend Landwirte beim Kreisbauernverband erkundigten, wie die Betriebsumstellung vom Haupt- zum Nebenerwerb gelingen könne. Betroffen sein dürften vor allem die vom Preisverfall gebeutelten Milcherzeuger. Das Landwirtschaftsamt registriert mit Zahlen vom Vorjahr 1 658 landwirtschaftliche Betriebe im Kreis mit mehr als einem Hektar Fläche. Schon jetzt wirtschaften 80 Prozent dieser Höfe im Nebenerwerb, das heißt, die Bauern haben noch andere Jobs.

Die Landwirte selbst sehen ihre Lage sehr kritisch. So wie Staubitz, der sich rege mit dem Image seines Berufsstandes befasst. Dass die Ackerbau-Betriebe schon mal als Giftspritzer gesehen werden, ist ein großer Kummer für den Kreislandwirt. „Dabei setzen wir doch alle auf integrierten Landbau, düngen und spritzen nur dort, wo es wirklich nötig ist, um akzeptable Erträge und gesunde Lebensmittel bereitzustellen“, führt er aus und berichtet von einem seiner Weizenfelder in Caldern, wo er zur Demonstration auf einer Spur von 21 Metern Länge den Weizen gänzlich unbehandelt wachsen ließ. „Erst war er rot, dann braun, dann schwarz. Und am Ende lag der Ertrag rund 40 Prozent unter dem behandelten Weizen. Von daher: Der Pflanzenschutz sollte nicht immer so verteufelt werden.“

Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln

Karin Lölkes sieht dies ähnlich: „Wenn Düngung und Pflanzenschutz so begrenzt werden wie in Dänemark, dann muss man auch daran denken, dass beim Getreide dann oft nur noch in Futterqualität, aber nicht mehr in Lebensmittelqualität geerntet werden kann.“

Den Landwirten stecken solche Diskussionen wie zuletzt über Glyphosat in den Knochen. Von der Auseinandersetzung mit der Erntesituation und dem Getreidepreis ist dies nicht zu trennen. Denn beim Einsatz von Dünger und Pflanzenschutz­mitteln geht es immer auch darum, wie viel die Bauern bei der Ernte einfahren. Die Erträge 2016 sind bislang insgesamt durchschnittlich, da ist man sich unter Fachleuten auf dem Hof Wagner einig. Einig ist man sich auch darüber, dass man bei Preisen von rund 11 Euro für die Gerste und etwa 13 Euro für den Weizen (jeweils für den Doppelzentner / 100 Kilogramm) kein Geld verdienen könne. Der Raps liegt aktuell bei rund 34 Euro pro 100 Kilogramm. Die Rapsernte fällt aufgrund von Pilzschäden mancherorts um 10 bis 20 Prozent zu niedrig aus, sagt Karin Lölkes.

Staubitz: Pro Hektar fehlen 300 Euro an Einnahmen

Um kostendeckend arbeiten zu können, so führt Staubitz aus, müsste der Getreidepreis aktuell bei 17 Euro pro Doppelzentner liegen. „Pro Hektar fehlen uns 300 Euro an Einnahmen. Die Flächenprämie, die reißt das nicht raus, die ist da ja schon eingepreist“, erklärt er.

Indes ist die Ernte im Landkreis noch nicht abgeschlossen. Ein wenig durchgängig trockenes und warmes Wetter brauchen die Bauern noch, sagt Lölkes. Beim Winterweizen stehe die Drusch bevor. Und dann kommt noch der Mais. Auf den setzt Herbert Becker vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen und prognostiziert eine gute Ernte mit satt ausgebildeten Körnern.

Bei den Kartoffeln, die im Landkreis in eher kleinem Umfang angebaut werden, sieht Becker eine schwache Ernte auf die Anbaubetriebe zukommen. Aufgrund von viel Nässe zeichne sich Knollenfäule ab.

von Carina Becker

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