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Wegwerfen war einmal

Repair-Café Wegwerfen war einmal

Als Gabriele Henkel aus Reddehausen in einer Zeitschrift erstmals über ein Repair-Café las, wusste sie: „Das will ich auch machen.“ Gesagt, getan. Die 52-Jährige hat das kreisweit erste Reparatur-Café ins Leben gerufen.

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Gabriele Henkel hält eine uralte Kaffeemühle und einen Mixer in ihren Händen – beides Beispiele für Gegenstände, die im Repair-Café repariert werden können.

Quelle: Carina Becker

Cölbe. Das alte Bügeleisen zieht keinen Strom mehr. Die Messer im Pürierstab drehen sich nur noch ganz langsam. Und die Kaffeemühle von Uroma knirscht, sobald man an der Kurbel dreht. Die meisten Menschen bringen es nicht übers Herz, ihre alten Geräte so einfach zu entsorgen. Bügeleisen und Pürierstab landen auf dem Dachboden, die Kaffeemühle wird ganz hinten im Schrank verstaut. Und dann bleibt die Hoffnung, dass sich irgendwann einmal jemand findet, der die guten Stücke reparieren kann.

Seit Juni dieses Jahres hat das Warten auf einen Reparateur ein Ende. In der Gemeindehalle in Cölbe öffnete auf Initiative der Diplom-Pädagogin Gabriele Henkel das erste heimische Repair-Café für einen Tag seine Pforten. Am kommenden Samstag laden Henkel und Team erneut von 14 bis 18 Uhr zum Kaffeetrinken und gemeinsamen Reparieren ein. „Im Juni hatten wir 21 Geräte. Und bis auf zwei davon - ein Kopfhörer mit Wasserschaden und ein Receiver mit Überspannungsschaden - konnte alles repariert werden“, berichtet die Initiatorin. Sie strahlt.

„Das ist so eine tolle Sache. Menschen, die ganz unterschiedliche Fähigkeiten haben, kommen zusammen und helfen einander.“ Zur Reparatur mitbringen können die Gäste so ziemlich alles. „Bislang hatten wir vorwiegend Elektrogeräte“, erzählt die Reddehäuserin. „Aber es kam auch eine Frau, die nach jemandem suchte, der ihre alten Halsketten neu auffädeln kann. Und tatsächlich fand sich eine andere Besucherin, die das nun dieses Mal übernehmen kann“, berichtet die 52-Jährige und freut sich.

Auch in Sterzhausen wird Altes wieder flottgemacht

Denn genau das ist das Konzept von Repair-Café, einer Initiative, die vor einigen Jahren in den Niederlanden ihren Anfang nahm und sich inzwischen auf 400 Cafés weltweit und mehr als 50 Cafés in der Bundesrepublik ausgeweitetet hat: Menschen kommen zusammen und helfen einander ehrenamtlich bei der Reparatur von Kleidung, Möbeln, Elektrogeräten, Schmuck, Lederwaren, Fahrrädern, Spielzeug und und und. Die Cölber Initiative ist die erste dieser Art im heimischen Landkreis. „Es war ziemlich leicht, mit dem Repair-Café zu starten, denn ich habe quasi offene Türen eingerannt mit der Idee“, blickt Gabriele Henkel auf die Vorbereitungszeit von Dezember 2013 bis zum Juni 2014 zurück.

Die Gemeinde Cölbe beispielsweise stellt ihre Gemeindehalle kostenlos zur Verfügung. Bislang sechs Tüftler, Bastler und Heimwerker aus der Region sagten sofort zu, als Reparateure dabei zu sein. Der Wachstums- und Konsumkritiker Professor Niko Paech (Oldenburg), selbst Gründer eines Repair-Cafés, spendete nach einem Vortrag in Cölbe einen Teil seines Dozentenhonorars für die Cölber Initiative. Die Stiftung Repair-Café, bei der die Cölber registriert sind, stellte gegen eine Anmeldegebühr die Vordrucke für Handzettel, Plakate und Reparatur-Vordrucke zur Verfügung. Und schon konnte es losgehen.

Ein Beispiel, das Schule macht: So berichtet Gabriele Henkel von einem Besucher aus Battenberg, der beim ersten Repair-Café im Juni gleich spontan mithalf und der in seiner Region ein ähnliches Angebot schaffen will. Auch in Sterzhausen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren - und dort eröffnet in Krafts Hof wahrscheinlich im September ein weiterer Reparatur-Treff.

Die Idee, die hinter dem Reparatur-Café steckt, ist diese: Reparieren ist nachhaltiger und umweltschonender als Wegwerfen und Neukaufen. Ressourcen werden geschont und die Menschen besinnen sich auf die Dinge, die sie bereits besitzen und nach oft nur kleinen Handgriffen wieder für lange Zeit nutzen können.

Vom Treff zur festen Einrichtung

„Es ist wunderbar, zu sehen, wie dadurch verschiedene Generationen zusammenrücken und neue Brücken entstehen“, sagt Gabriele Henkel und spricht über die Altersgruppe derer, die noch reparieren können. Und über die nachwachsenden Generationen, denen das Wissen dafür oftmals fehlt, aber die einen bewusst nachhaltigen und konsumkritischen Lebensstil bevorzugen. „Auf diese Weise gehen uns die Fähigkeiten, etwas auszubessern, zu erneuern und zu erhalten nicht verloren, sondern sie können weitergegeben werden.“

Auch das gehört zum Konzept des Repair-Cafés: Menschen, die mit einem kaputten Gegenstand vorbei kommen, können bei der Reparatur dabei sein, mit anpacken und lernen.

Eine Anmeldung für den Reparatur-Treff ist nicht erforderlich, aber hilfreich: „So können wir eventuell schon Ersatzteile mitbringen und das passende Werkzeug einpacken“, erläutert Gabriele Henkel, die für Samstag noch Anmeldungen entgegennimmt (siehe Kontaktkasten rechts). Vorbeischauen, Zugucken und Kontakte knüpfen lohnt sich aber auch, wenn man den schadhaften Gegenstand vielleicht zunächst unverrichteter Dinge wieder mitnehmen muss. Für das nächste Treffen, das am 13. September stattfindet, lässt sich dann alles Notwendige organisieren. Und wer sich fürs Tüfteln, Basteln und Selbermachen interessiert, kann bei Kaffee und Kuchen das Gespräch mit Gleichgesinnten suchen. „Das bringt so viel positive Erfahrungen. Zu sehen, wie Menschen einander helfen und wie froh sie sind, wenn sie ihre Sachen wieder nutzen können, ist eine tolle Erfahrung“, freut sich Gabriele Henkel.

Beim Repair-Café helfen alle, denen durch eine Reparatur geholfen wurde, selbst durch eine Spende - die Höhe bestimmt jeder selbst. Dadurch soll nach und nach genug Geld zusammenkommen, um die Initiative auszubauen und fortzuführen. „Schön wäre es, wenn wir das Reparatur-Café zu einer festen Einrichtung an einem Ort machen könnten und wenn wir einen Platz hätten, um alles aufzubauen und dort auch stehen zu lassen“, sagt die Initiatorin. Für dieses Ziel hat die Region Burgwald bereits Unterstützung zugesagt. Noch bringen die Reparateure die Werkzeuge und Ersatzteile mit, langfristiges Ziel ist es, eine Ausstattung für die Initiative zusammenzustellen. Dabei können alle helfen, die Werkzeuge und Ersatzteile loswerden wollen.

Kontakt zum Repair-Cafe:

E-Mail: repaircafe@gabriele-henkel.de

Mobiltelefon: 0151/57437338

Internet: www.repaircafe.de

Wer sich für die Lang- oder Kurzlebigkeit von Produkten interessiert, schaut unter:

www.murks-nein-danke.de

Termin: Repair-Café in der Gemeindehalle Cölbe (Schildern folgen), Samstag, 19. Juli, 14 bis 18 Uhr

von Carina Becker

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