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Vom Mühlgraben zum trostlosen Graben

Bach droht zu vertrocknen Vom Mühlgraben zum trostlosen Graben

Eingekeilt zwischen Bundesstraße und Bahnlinie mag der Mühlgraben hinter den Häusern an der Hauptstraße Todenhausen einmal eine erfrischende Lebensader gewesen sein. Inzwischen ist er eher ein morastiger Graben.

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Heinrich Hahn (vorn) und Norbert Ujec, Anlieger des Mühlgrabens in Todenhausen, befürchten, dass der Bach nach und nach vollständig trockenfällt – und dass ein ökologisch wertvoller Lebensraum bedroht sein könnte. Nach trockenen Tagen präsentiert sich der Mühlgraben hinter ihren Gärten mit einem Wasserstand von vielerorts nur noch wenigen Zentimetern.

Quelle: Carina Becker

Todenhausen. „Ja, so sieht es hier aus“, sagt der 61 Jahre alte Rentner Norbert Ujec und zeigt mit einer ausladenden Handbewegung auf den Mühlgraben, der sich hinterm Garten seines Hauses an der Hauptstraße von Todenhausen zwischen Bahngleise und Gartengrundstück entlangschlängelt. Ein kleines, selbst gebautes und einstmals wohl schmuckes Mühlenhäuschen, das an die großen Mühlen von früher erinnern soll, hängt traurig im seichten Wasser. „Früher sprudelte der Bach hier nur so“, sagt Ujec, „jetzt reicht das Wasser an trockenen Tagen nur noch einige Zentimeter hoch. Stellenweise trocknet das Bachbett komplett aus“, beschreibt er die Situation.

Ujecs Schwiegervater, der 86 Jahre alte Konrad Heck (Foto: Carina Becker), berichtet, dass er im Mühlgraben schwimmen gelernt hat, als er ein kleiner Junge war. „Ja klar, damals ging das noch, da war das Wasser 80 Zentimeter hoch“, sagt er und lächelt versonnen, wenn er an diese Tage zurückdenkt.

Anwohner wie Norbert Ujec und sein Nachbar Heinrich Hahn befassen sich schon einige Jahre mit dem zeitweise fast trockenfallenden Mühlgraben. „Es ist ein echtes Problem“, sagt Ujec, „und das nicht nur, wegen des strengen Geruchs, der von dem austrocknenden Bachbett kommt und den wir Anwohner hier ertragen müssen. Vor allem geht es um die Fische im Mühlgraben, deren Lebensraum geht verloren.“

Norbert Ujec ist Angler und kennt sich aus mit den Tieren im Wasser. Bachforellen, Stichlinge, Aal und Bachneunauge hat er im Mühlgraben gesehen und die Vorkommen fotografisch dokumentiert. Bachflohkrebs, Blutigel, Steinfliegenlarven und Libellen hat er aufgelistet. Schon seit 2007 kommuniziert er mit dem Fachdienst Wasser und Naturschutz beim Landkreis über die Situation am Mühlgraben. Sie war schon einmal brisant, als vor einigen Jahren der trogartige Betonzufluss über eine Wasserbrücke, aus der der Mühlgraben gespeist wurde, kaputtgegangen war. Danach schritt der Landkreis ein und zwar im Zuge der Brückenerneuerung an der K 86 bei Untersimtshausen.

Mühlgrabenwasser plätschert in die Wetschaft

Von dort kommt der Mühlgraben und verzweigt sich in mehrere Richtungen. Wo er nach Todenhausen weiterfließt, ersetzte der Landkreis die einstige Beton-Wasserbrücke durch ein dickes Rohr, das über den Bachlauf der Wetschaft hinweg führt und Wasser in den Todenhäuser Teil des Mühlgrabens bringt.  Diese Lösung wurde im Jahr 2009 beim Brückenbau an der Kreisstraße entwickelt. Das Problem: Das Rohr nimmt nur einen Teil des Mühlgraben-Wassers auf, der Rest läuft unterhalb der Einfassung in die Wetschaft. „Ist doch klar, dass da kaum etwas bei uns ankommt“, sagt Ujec und zeigt auf die Stelle, an der Mühlgrabenwasser in die Wetschaft plätschert. „Da muss man doch etwas unternehmen, damit hier mehr Wasser durchkommt“, befindet Ujec. Der Mühlgraben sei ein ökologisch wertvoller Lebensraum, der so auf kurz oder lang kaputt gehen würde, befürchtet der Toden­häuser. „Sonst wird überall in Renaturierung und in die Schaffung von Biotopen investiert, deshalb kann ich das Handeln der Verantwortlichen hier nicht verstehen.“

Wenn die Bachführung nicht so gestaltet werden könne, dass der Mühlgraben ausreichend Wasser bekomme, dann möge man die Fische herausholen, umsetzen und das Bachbett zuschütten, zeigt Ujec einen möglichen Lösungsweg auf. Beim Fachdienst Wasser und Naturschutz des Landkreises sei man mit der Situation am Mühlgraben beschäftigt und nehme das gesamte System regelmäßig in Augenschein, teilt die Pressestelle des Kreises auf Nachfrage der OP mit. „Das zum Erhalt dieses Systems im Rahmen der Brückensanierung eingebaute Rohr über die Wetschaft zeigte auch in den zurückliegenden Jahren bereits Wasserverluste. Nach unserer Einschätzung sind die Wasserverluste durch das Rohr hierbei jedoch gering und nicht der einzige Grund, der für das partielle Trockenfallen des Mühlgrabens im weiteren Verlauf ursächlich ist“, schreibt die Fachbehörde und vermutet, dass der Wasserverlust auch „durch eine erhöhte Sedimentauflage im Mühlgraben an sich verursacht werden könnte, die das Gewässer in Teilen verlanden lässt“.

Schriftverkehr mit dem Landkreis läuft weiter

Die aktuelle Trockenheit führt der Fachdienst auch auf die Witterung zurück, die „zusätzlich dazu beiträgt, dass im weiteren Verlauf des Mühlgrabens wenig bis kein Wasser fließt“. Nach Überprüfung vor Ort habe man festgestellt,  dass „im Oberlauf des Mühlgrabens im Moment noch ausreichend Wasser zur Beschickung des Mühlgrabens zur Verfügung steht“. Nun wolle der Landkreis die Situation weiterhin aufmerksam im Auge behalten und prüfen, ob eine Verbesserung der Gesamtsituation möglich sei.

Norbert Ujec ist erst sprachlos, als er von dieser Rückmeldung hört. „Ich kann‘s nicht verstehen, dass man es nicht besser regeln kann“, sagt der 61-Jährige schließlich und schimpft: „Was machen die denn dort, außer auf Papier schreiben? Es geht doch um die Tiere, die jetzt im Bach verenden.“ Ujec wünscht sich, „dass mal einer von denen zu mir hier rauskäme“, dann würde er vorschlagen, das Zubringer-Rohr so zu versetzen, dass mehr Wasser im Mühlgraben ankommt. Und den Graben selbst von Schmutz und Schlamm zu befreien, so dass nicht zu viel Wasser versickert. Dass im Umgang mit dem Landkreis außer Schriftverkehr etwas herauskommt, hält der 61-Jährige nach seinen Erfahrungen allerdings für unwahrscheinlich.

von Carina Becker

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