Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Vom Acker auf den Tisch

Bio, regional und saisonal Vom Acker auf den Tisch

Auf dem Acker von Ralf Schindzelorz ernteten Kinder aus der Kita Cölbe gestern die Zutaten für ihr heutiges Mittagessen. Aus Kartoffeln, Möhren und Kürbis bereitet Koch Thomas Bäuerle gemeinsam mit ihnen eine Suppe zu.

Voriger Artikel
Kleine Lücken im Hochwasserschutz
Nächster Artikel
Ein Stück Mittelalter im Hier und Jetzt

20 jungen Erntehelfern aus der Kita in Cölbe unterstützen Ralf Schindzelorz (links) bei seiner Arbeit auf dem Gemüse-Acker.

Quelle: Carina Becker

Reddehausen. Von dem rund 400 Quadratmeter großen Gemüse-Acker frisch auf den Tisch – so läuft es schon seit zwei Wochen. Die Kindergärten in Cölbe und Bürgeln kooperieren mit dem Reddehäuser Gemüse-Anbauer Ralf Schindzelorz, den alle nur „Josef“ oder „Herr Josef“ nennen, „das ist der Name, den ich mir während meiner Zeit im Kloster ausgesucht habe“, sagt Schindzelorz. Sein Gemüse zieht er in Bioqualität. Tomaten, Salat, Wirsing und Rotkohl, Kohlrabi, Bohnen – im Frühjahr, Sommer und Herbst ist das Angebot auf dem Gemüsefeld am Ortsrand von Reddehausen groß. „Als fünfköpfige Familie versorgen wir uns komplett selbstständig“, verrät der Gemüsebauer, der auf seinem Hof Schafe, Schweine und Hühner hält. „Es ist ein Traum – und manchmal auch ein Albtraum“, sagt er, lacht und wischt sich die erdigen Finger an der Hose ab.

Mit knapp 20 jungen Erntehelfern aus der Kita in Cölbe geht die Arbeit auf  dem Acker nicht unbedingt immer leichter voran, aber mit viel Freude und Energie. „Vorsicht, passt auf die Salatpflänzchen auf und bleibt in der Spur“, ermahnt Erzieherin Renate Heuser die Jungen und Mädchen, die es kaum abwarten können, selbst ein paar Karotten aus der Erde zu ziehen. Viele von ihnen dürfen zum ersten Mal in einem Gemüsegarten mithelfen, Kartoffeln ausbuddeln, einen Kürbis auswählen. „Das macht Spaß – und ich bin schon gespannt, wie das morgen schmeckt“, sagt die siebenjährige Sonja. Erik findet es „super, die Kartoffeln auszubuddeln, auch, wenn ich sie eigentlich hasse“, bekennt der Siebenjährige.

Kinder sind sehr ehrlich, wenn es ums Essen geht

Kinder und Gemüse: eine schwierige Angelegenheit, weiß Kindergartenkoch Thomas Bäuerle. „Dass ist auch das Besondere daran, für Kinder zu kochen, sie sind immer ehrlich und ich weiß sofort, was gut ankommt und was nicht.“ Oder um es mit den Worten des sechsjährigen Paul zu sagen: „Der Herr Bäuerle kocht so mittelgut.“

Bäuerle bereitet täglich 125 Portionen zu. Seit zwei Jahren arbeitet er als Kindergartenkoch. In Cölbe wird das Essen direkt  serviert. Die Mahlzeiten für Bürgeln werden mit dem Lieferauto gebracht. Bevor die Gemeinde Cölbe ihn engagierte, arbeitete Bäuerle 20 Jahre lang auf dem biologisch-dynamisch geführten Hofgut Fleckenbühl in Schönstadt als Koch. Von daher bevorzugt er Lebensmittel in Bio-Qualität, aus regionalem und saisonalem Anbau. „Beim Fleisch kaufen wir zu 100 Prozent in Bio-Qualität ein, allerdings kommt das Fleisch nicht aus der Region.“ Um den Preis von 2,50 bis 3,50 Euro beim Elternanteil für die Mahlzeiten halten zu können, muss Bäuerle scharf kalkulieren. Maximal zweimal pro Woche serviert er Fleisch, alle zwei Wochen gibt es Fisch. „Und wenn es ein teureres Gericht gab, gleiche ich dies am Folgetag durch eine einfachere Mahlzeit aus.“

Gemeinde bezuschusst Mittagstisch mit 9500 Euro

„Dass wir für die Kinder eine hochwertige Mittagsversorgung anbieten, wissen die Eltern sehr zu schätzen“, sagt Erika Völker und versteht dies auch als Entlastung für berufstätige Mütter und Väter, „die es nicht jeden Tag schaffen, abends noch etwas zu kochen“. Cölbes Bürgermeister Volker Carle empfindet es als eine Investition in die Gesundheit der Kinder: Die Gemeinde stellt für den Mittagstisch in diesem Jahr einen Zuschuss von 9500 Euro bereit. „Es ist für uns auch ein Beitrag zum Klimaschutz, zum nachhaltigen und autarken Leben in Cölbe“, sagt Carle.

„Ich esse am allerliebsten Pfannkuchen“, erklärt Sonja und bestätigt damit die alte Volksweisheit, dass die einfachsten Speisen die besten sind. Wie man typische Kinder-Lieblingsessen ein wenig gesünder und vollwertiger macht, verrät Thomas Bäuerle. „Einfach etwas Gemüse mit in den Pfannkuchenteig geben. Auf die Pizza kommt auch Gemüse, den Teig mache ich mit Vollkornmehl.“ Der Koch lässt keine Gelegenheit aus, die Kinder an knackige Frischkost heranzuführen. Und das ist wohl auch der Trick. „Sie essen Gemüse inzwischen schon viel lieber. Möhren, Kohlrabi oder auch Spinat funktionieren eigentlich immer“, sagt Bäuerle.

Über weite Teile des Jahres wird der Reddehäuser Ralf Schindzelorz den Kindergarten fortan mit Gemüse versorgen. Dafür will er seine Anbaufläche im kommenden Jahr noch um etwa ein Drittel erweitern. „Und wir werden mindestens zweimal im Jahr mit den Kindern vorbeikommen, damit sie sehen und erleben können, wo ihr Essen herkommt“, sagt Jan Tiede­mann, Gruppenleiter in der Kita Cölbe.

von Carina Becker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr