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Verwarnung für zwei junge Enkeltrick-Betrüger

Cölberin als Opfer ausgewählt Verwarnung für zwei junge Enkeltrick-Betrüger

Zwei junge Männer aus Litauen sind bei der Gerichtsverhandlung vor dem Amtsgericht in Marburg wegen einer Variante des sogenannten Enkeltricks mit einer Geldstrafe und einer Verwarnung davongekommen.

Marburg. Laut Anklageschrift hatten die beiden mit einer Bande von unbekannten Mittätern Ende Januar 2014 einer älteren Dame aus Cölbe telefonisch mitgeteilt, dass deren Tochter einen schweren Verkehrsunfall gehabt habe und sie nun schnellstmöglich 30.000 Euro beschaffen müsse.

Die besorgte Frau begab sich daraufhin zur Bank und hob so viel Geld ab, wie ihr möglich war, 10000 Euro. Da diese hohe Abbuchung einem Bankmitarbeiter sonderbar erschien und auch einem weiteren Zeugen die beiden Litauer, denen das Geld übergeben werden sollte, verdächtig vorkamen, wurde die Polizei kontaktiert und es kam zur Festnahme. Gleich zu Beginn der Verhandlung bestätigte der ältere Angeklagte mithilfe einer Dolmetscherin, dass diese Anklage korrekt sei. Sein offensichtlich verwirrter Verteidiger ließ daher noch einmal genau nachfragen, woraufhin dieses scheinbare Geständnis zurückgenommen wurde.

Nach einigen Auseinandersetzungen der beiden Verteidiger mit dem Richter Cai-AdrianBoesken wurde deutlich, dass die Verhandlung angesichts solcher Unklarheiten nicht ohne Weiteres fortgesetzt werden konnte. Daher zogen sich Richter, Geschworene, Staatsanwältin und die Verteidiger zu einer Besprechung zurück. Nach etwa einer Dreiviertelstunde ging es weiter - und die beiden Männer legten Geständnisse ab. Die geladenen Zeugen - das Opfer, der Bankmitarbeiter, ein weiterer Zeuge und die Polizeibeamten - wurden ohne Anhörung, jedoch nicht ohne Anerkennung entlassen. „Es ist immer gut, wenn andere auch mitdenken,“ lobte der Richter den aufmerksamen Mitarbeiter der Bank in Cölbe, ohne dessen Einschreiten der Betrug der alten Dame wohl erfolgreich verlaufen wäre.

Täter saßen fünf Monate in Untersuchungshaft

In ihren Plädoyers waren sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung weitestgehend einig, dass die Tat wie beschrieben stattgefunden habe, ein gewerbsmäßiger Betrug allerdings nicht vorliege. Zugunsten der Angeklagten wurde vorgetragen, dass sie in Deutschland noch ohne Vorstrafen seien und durch ihre fünfmonatige Untersuchungshaft, in der sie wegen der Sprachbarriere weitgehend isoliert gewesen seien, schon eine gewisse Strafe erfahren hätten.

Der Jüngere der beiden, der mit Anfang 20 noch bei seinen Eltern wohnt und eine Ausbildung macht, wurde vom Jugendschöffengericht nach Jugendstrafrecht verurteilt und erhielt nur eine Verwarnung sowie die Verpflichtung, 400 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung zu zahlen. Der 31-jährige Angeklagte, der in Litauen von Sozialhilfe und Gelegenheitsjobs lebt, wurde zu einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu je 10 Euro verurteilt. Diese Strafen werden allerdings erst fällig, falls die beiden wieder nach Deutschland einreisen.

Trotz des milden Urteils war es Richter Boesken abschließend wichtig, zu betonen, dass es sich um eine moralisch höchst verwerfliche Tat handele. Es gebe in jeder Gesellschaft besonders schutzbedürftige Menschen wie Kinder und ältere Leute. „Mit einer vorgegebenen Notlage werden alte Menschen in Angst und Schrecken versetzt.“ Häufig seien diese gutgläubig und gäben ihr letztes Erspartes für den vermeintlichen Notfall her.

Sollten die beiden Männer noch einmal auf die Idee kommen, so etwas zu praktizieren, werde man andere strafrechtliche Register ziehen, betonte Boesken.

von Hannah El-Hitami

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