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Üble Nachrede: Ohne Beweise Gerücht als Wahrheit dargestellt

Aus dem Gericht Üble Nachrede: Ohne Beweise Gerücht als Wahrheit dargestellt

Ein Facebook-Post brachte einen Mann jetzt vor Gericht. Er hatte darin eine zuvor gehörte Geschichte unreflektiert als Wahrheit verkündet und damit der Familie des Bürgermeisters von Wetter geschadet.

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Ein Mann aus dem Nordkreis musste sich wegen übler Nachrede verantworten, die er auf Facebook verbreitet hatte.

Quelle: Archivbild

Marburg. Seit Sommer vergangenen Jahres kursiert im Nordkreis eine kuriose Geschichte über einen Verkehrsunfall, bei dem ein Motorradfahrer verletzt wurde. In einem Post in dem ­sozialen Netzwerk Facebook erhob der Angeklagte schwere Vorwürfe gegen Wetters Bürgermeister Kai-Uwe Spanka und dessen Tochter. Der Angeklagte wurde­ wegen übler Nachrede zu einer­ Geldstrafe von 35 Tagessätzen zu je 50 Euro verurteilt. Fakt ist, dass Anfang Juli vergangenen Jahres die Tochter des Bürgermeisters mit ihrem Auto mit einem Motorrad zusammenstieß, dessen Fahrer ohne Helm unterwegs war und die Vorfahrtsregeln missachtete (die OP berichtete am 6. Juli 2015).­

Die Face­book-Story des angeklagten Mannes liest sich aber anders: Demnach soll die Fahrerin des Autos zu schnell gewesen sein und dann dem in der Tat verletzten Unfallopfer nicht zu Hilfe gekommen sein, auch nicht umgehend den Rettungsdienst oder die Polizei verständigt haben. Stattdessen soll sie aus Sorge um ihren Führerschein ihren Vater angerufen haben. Dieser soll dann versucht haben, um den Ablauf  des Unfalls zu vertuschen, das Auto der Tochter ins Ausland zu verkaufen. Das Gerücht streute der Mann in einer Facebook-Gruppe mit mehr als 300 Mitgliedern und teilte diesen zudem dort mit, dass das Verhalten der Frau „schon etwas Kaltblütiges hat“.

Vermuteter Skandal zieht weite Kreise im Netz

Dass er den Text geschrieben hatte, gab der Beschuldigte­ vor dem Marburger Amtsgericht vollständig zu. Den verfasste­ er vor rund einem Jahr – fünf Monate nach dem Unfall. Selber ausgedacht habe er sich die Geschichte allerdings nicht. Er schrieb sie „in dem Glauben, dass sie der Wahrheit entspricht“. Auslöser seiner wütenden Nachricht sei die Geschichte einer guten Freundin gewesen, die ihm eben genau das erzählt habe. „Ich habe nicht daran gedacht, das zu hinterfragen und mich emotional ein bisschen hinreißen lassen“, sagte­ der Mann.

Er habe die nachweislich falsche Geschichte „einfach unreflektiert übernommen“, warf ihm der Anklagevertreter, Rechtsreferendar Timo­ Ide, vor. Das konnte der Angeklagte nur bejahen, bezeichnete seine voreilige Reaktion als „spontanen Gehirnfurz“. Die Frage, ob er dem Bürgermeister gezielt politischen Schaden zufügen wollte, verneinte er. Vater und Tochter wollte er „in keinster Weise etwas andichten“, den vermuteten Skandal nur öffentlich ­machen. Seinen Fehler bereue er bis heute,­ insbesondere, da seine Chat-Nachricht weite Kreise zog, bis hin zu kritischen Auseinandersetzungen auf kommunalpolitischer Ebene. Der Bürgermeister berichtete von „erheblichen Nachwirkungen“ für seine Familie. „Das hatte uns Weihnachten gekostet“.

Angeklagter zahlt Geldstrafe für üble Nachrede

Der verletzte Motorradfahrer brachte als Zeuge geladen keinerlei Vorwürfe gegen die Familie Spanka hervor. Die gute Freundin des Angeklagten bestritt hingegen, Quelle der Falschnachricht gewesen zu sein. Die brodelnde Gerüchteküche hätte sie zwar wahrgenommen, aber über den Unfall hätte sie mit niemandem geredet, erst recht nicht mit dem Beschuldigten, betonte die Zeugin auch nach mehrfacher Nachfrage.

Drei weitere Zeugen und Bekannte der Frau widersprachen ihr. Alle hätten am Rande mitbekommen, dass die Frau bei einigen Treffen durchaus und mehrfach über den Unfall gesprochen habe, auch mit dem Angeklagten. Dem schenkte der Vertreter der Staatsanwaltschaft Glauben. Der Mann sei davon ausgegangen, „dass er die Wahrheit sagte“, zumindest könne ihm nichts Gegenteiliges nachgewiesen werden. Nichtsdesto­trotz habe sich der Angeklagte­ der üblen Nachrede schuldig gemacht. Seine Nachricht sei „dazu geeignet, die Zeugen verächtlich zu machen – mit erheblichen Konsequenzen“, erklärte Ide, der auf eine Geldstrafe plädierte.

Der Angeklagte wandte sich schließlich  direkt an die im Saal sitzenden Ziele seiner Internet-Attacke: „Es tut mir leid, ich war dumm – alles was ich geschrieben habe, habe ich geglaubt“, betonte er. Das glaubte ihm Strafrichterin Annika Woltmann und verhängte die erwähnte Geldstrafe.

von Ina Tannert

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