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Überraschende Geständnisse

Aus dem Gericht Überraschende Geständnisse

Fast sechs Stunden lang wurden weitere Zeugen im Prozess gegen die beiden Rewe-Marktleiter aus Wetter vernommen.

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Marburg. Drei der Zeugen waren ehemalige Mitarbeiter, die vor acht Jahren auf 400-Euro Basis im Rewe-Getränkemarkt jobbten. Ihnen war von den Marktleitern damals vorgehalten worden, sie seien mittels Überwachungskameras überführt worden, Getränke konsumiert zu haben, ohne sie zu bezahlen. Zwei Männer sollten zudem einigen Kunden Getränke günstiger verkauft haben. Zur Vermeidung von Anzeigen hatten die drei zwischen 1000 und 2500 Euro Schadensersatzzahlungen geleistet.

Ein heute 27-jähriger Versicherungskaufmann, der den Job von 2004 bis 2005 neben der Abiturvorbereitung machte, schilderte, die beiden Marktleiter hätten ihn aufgefordert, sein Vergehen zuzugeben, und zwar entweder sofort oder gar nicht, dann würde Anzeige erstattet und dies wäre für seinen weiteren beruflichen Werdegang nicht förderlich. Er habe eingewilligt, sei zum Notar mitgefahren und habe dort eine Schuldanerkennung über 2500 Euro unterschrieben. Wie es zu dieser Berechnung der Summe kam, wisse er nicht.

Vorwurf: Diebstahl von Flaschen

Er gab zu, wie zuvor schon der andere frühere Mitarbeiter sowie eine als Zeugin befragte Kundin, die von den selbstgemachten „Sonderpreisen“ profitiert hatte, dass die Vorwürfe damals gestimmt hatten. Beispielsweise habe er Kisten zu 12,99 Euro für 8,99 Euro verkauft. Ob es wirklich Videoaufnahmen gab, wisse er nicht, er habe keine Kamera gesehen.

Eine Zeugin ist heute Lehrerin. Sie hatte ebenfalls von 2004 bis 2005, nach ihrem Abitur, im Getränkemarkt gejobbt. Ihr wurde damals vorgeworfen, Flaschen eingesteckt zu haben. „Ich war eingeschüchtert und perplex. Ich dachte, es gehe um konsumierte Getränke, die manchmal nicht gleich abgerechnet wurden, weil man sich nicht selbst abkassieren durfte, sondern nur ein anderer Mitarbeiter. Dann wurde es manchmal auch nicht mehr gemacht“, sagte sie.

Der Schaden wurde auf 1000 Euro hochgerechnet, „Zahlen oder Anzeige“ als Optionen vorgeschlagen. „Ich wollte Lehrerin werden, für mich war nur klar, dass ich eine Anzeige umgehen wollte, weil mir nicht klar war, was dies für mich bedeuten könnte“, beschrieb sie ihre Gedanken. Sie habe geweint und mehrfach gesagt, keine Flaschen eingesteckt zu haben. Im Nachhinein habe sie sich vor den Kopf geschlagen, weil sie sich nicht gewehrt habe.

Aber die Situation sei „geschickt vorbereitet“ gewesen, die Vorwürfe „prasselten“ auf sie ein, so dass sie nicht mehr klar überlegen habe können. Hinterher sei sie bei einem Anwalt gewesen, aber der sah wenig Aussichten, da sie das Schuldanerkenntnis unterschrieben habe. „Ich will nicht bestreiten, dass ich vielleicht nicht jede Flasche bezahlt habe, aber das hatte nicht annähernd die Dimension von 1000 Euro. Das kam vielleicht auf zwei Flaschen im Monat, das wären insgesamt 22. Der Marktleiter berechnete den Schaden aus zwei Flaschen täglich“, berichtete sie. Sie wisse nicht mehr, ob sie sich Videoaufnahmen habe zeigen lassen. Eine Kamera sei auf den Kassenbereich gerichtet gewesen. „Ich war völlig in die Enge getrieben, hatte keine Chance. Meine Mutter hat mir das Geld geliehen“, sagte sie.

Damals sah sie Anklage und Verurteilung auf sich zukommen, sie habe keine kriminellen Freunde gehabt, konnte das nicht einschätzen. Heute wisse sie durch ihre Schüler „leider“, dass es zu keinem Verfahren gekommen wäre.

„Ich erinnere mich bis heute daran, weil ich als Schuldige in einem Maße abgefertigt wurde, in dem ich es nicht war. Für mich sind die beiden Marktleiter Menschen, mit denen ich nichts mehr zu tun haben möchte.

Zeuge gibt Diebstahl zu

Befragt wurde auch der heute 86-Jährige, der 2009 ein Messer gestohlen haben und dafür 300 Euro hatte zahlen sollen. Dessen bekannt gewordener Fall hatte die Ermittlungen und das jetzige Verfahren erst in Gang gebracht. Damals kam es zu einer Entschuldigung der Rewe-Bezirksmanagerin bei dem Senioren samt Rückgabe der angezahlten 50 Euro und einer Flasche Wein als Präsent. Anfangs berichtete er, er habe damals beim Einkauf keinen Korb gehabt, deshalb das Messer in die Jacke gesteckt und an der Kasse „total vergessen“ gehabt.

Im Laufe der Aussage erinnerte er sich an immer mehr Einzelheiten. Ob er öfter geklaut habe, wollte Richterin Nadine Bernshausen wissen. „Nein, das kann ich beschwören“, lautete die Antwort. Staatsanwalt Sebastian Brieden wollte wissen, von welcher Summe damals beim Gespräch im Markt die Rede war. „300 Euro. Ich war schon empört“, sagte er. „Warum waren sie empört?“, fragte der Staatsanwalt nach. „Das ist schlecht zu sagen. Dass so etwas passiert ist. Mit dem Messerchen. Ich sehe es ja ein, dass das Diebstahl war, aber ich habe soviel Geld, dass ich das bezahlen könnte“, antwortete der Zeuge.

Die Richterin, von diesem plötzlichen Geständnis wohl ebenso überrascht wie die anderen im Gerichtssaal, fragte: „Sie haben es eingesteckt, wollten es nicht bezahlen?“ Zeuge: „Ja, das gebe ich zu, das habe ich gemacht.“ Richterin: „Auch anderes?“ Zeuge: „Nein.“ Richterin: „Haben sie zu den Mitarbeitern gesagt, dass sie schon früher geklaut hätten?“ Zeuge: „Nein.“ „Richterin: „Sie waren über sich selbst empört?“ Zeuge: „Ja“. Die Verteidiger verzichteten auf weitere Fragen an den aufgeregten Senior.

Auf diesen folgte dessen Schwiegersohn, ein pensionierter Polizist, im Zeugenstand. Er sei vom Schwiegervater, „der sich schon mit Selbstmordgedanken getragen habe“, wegen der Angelegenheit angesprochen worden. Er habe das Messerchen eingesteckt, weil die Hände besetzt gewesen waren, und vergessen.

„Zu hohe Fangprämie“

Der ehemalige Polizist sagte, weil die „Fangprämie“ mit 300 Euro viel höher als die üblichen 50 bis 75 Euro angesetzt war, habe er das Gespräch mit dem Marktchef gesucht, der aber auf 300 Euro bestanden habe.

Auf den Hinweis, dass der Schwiegervater Stammkunde sei, habe dieser etwas geantwortet, was ihn „umgehauen“ habe, dass Stammkunden für ihn potenzielle Ladendiebe seien. Daraufhin wandte er sich an die Rewe-Zentrale in Köln und die Oberhessische Presse. In dem Moment, als die Rewe-Bezirksmanagerin zur Entschuldigung zu ihm kam, sei auch OP-Redakteur Michael Acker dabei gewesen, habe mit ihr geredet und einen seines Erachtens „sehr vernünftigen, nicht überzeichneten Bericht“ veröffentlicht.

Nächste Zeugin war besagte Rewe-Bezirksmanagerin, die erklärte, dass es bei dem Fall um ein Missverständnis gegangen sei. Die Handlungsempfehlung der Rewe zur Höhe der Fangprämie für Ladendiebe lautete damals 75 Euro, ein Mitarbeiter in Wetter habe die 300 Euro falsch als solche deklariert.

Ein weiterer Rewe-Bezirksmanager aus Bad Endbach, der eigentlich für diese Filiale zuständig ist, aber damals Urlaub hatte, berichtete als Zeuge, es gebe keine Anweisung über den Umgang mit Ladendieben an die selbstständigen Kaufleute, nur die Empfehlung, früher 75, jetzt 100 Euro Fangprämie zu verlangen sowie Strafanzeige zu stellen.

„Diebe drehen lange Nase“

„Aus Erfahrung, ich war selbst Marktleiter im Main-Taunus-Zentrum, möchte ich sagen, dass viele Kaufleute deprimiert sind, weil viele Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt werden. Man hat einen Ladendieb überführt, erwartet, dass man den Leuten eine Richtung vorgibt, damit sie ihr Verhalten ändern. Dann ist er am nächsten Tag wieder da und dreht eine lange Nase“, erzählte der 44-Jährige. In dem Bereich, wo er arbeite, werde standardmäßig vorgegangen, eventuell abschließbare Schränke für teure Spirituosen und Kosmetika aufgestellt.

Rechtsanwalt Julian Heiss fragte, ob er auch Erfahrungen mit Stammkunden als Dieben habe. Dies sei ein Kernproblem, sagte der Zeuge, dass man Stammkunden habe, die versuchten, das Vertrauensverhältnis zu Mitarbeitern zu missbrauchen. Manchmal auch die Mitarbeiter selbst. Weil diese Gruppe oft da sei, sei der Schaden viel höher als bei Gelegenheitsdieben. Da er selbst damals angestellter Marktleiter war, habe er nicht über Alternativen zur Strafanzeige gegen die Ladendiebe nachgedacht, beantwortete er eine Frage der Richterin.

Die Verhandlung wird am 3. Juli um 14 Uhr im Raum 154 des Marburger Amtsgerichts fortgesetzt.

von Manfred Schubert

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