Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Tröge und Plumpsklo müssen weichen

Wohnkultur Tröge und Plumpsklo müssen weichen

Gerlind Aryceus aus Oberrosphe bekommt für ein Großprojekt auf ihrem Fachwerkhof Zuschüsse aus der Dorferneuerung - und ein Preisgeld. Sie punktete in einem Wettbewerb zum barrierefreien Wohnen auf dem Lande.

Voriger Artikel
Geteiltes Dorf wird wieder eins
Nächster Artikel
Brücken sind in einem schlechten Zustand

Gerlind Aryceus steht vor dem früheren Viehstall auf ihrem Fachwerkhof in Oberrosphe. Das Stallgebäude stammt aus dem Jahr 1810 und soll künftig eine seniorengerechte Wohnung beherbergen. Das Projekt würdigt der Landkreis mit einem Zuschuss von 20 000 Euro

Quelle: Carina Becker

Oberrosphe. Gerlind Aryceus ist an das Leben auf der Baustelle gewöhnt. Es war im Jahr 1997, als die damals 31-Jährige die Entscheidung fällte, einen 300 Jahre alten Fachwerkhof in der Straße Zum Wolfhain in Oberrosphe zu kaufen. „Damals lebte ich in Hassenhausen in einer WG“, berichtet die Architektin, die ursprünglich aus Erntebrück stammt und in Marburg ihre erste Anstellung nach dem Studium bekam. „Über eine Freundin lernte ich Oberrosphe kennen und erfuhr irgendwann, dass dieser kleine Hof zum Verkauf steht.“ Gerlind Aryceus lebte zwischenzeitlich in großen Städten, etwa in Berlin, aufgewachsen ist sie auf dem Dorf - und als sie von dem Haus in Oberrosphe hörte, musste sie nicht lange überlegen. „Ich habe die Hofreite dann für 90000 Mark gekauft“, erzählt sie, „und mir war klar, dass sich die Sanierung über viele Jahre hinziehen würde“, sagt die 49-jährige Witwe, die das Hofprojekt allein stemmt.

In den vergangenen 18 Jahren ist auf dem Dreiseit-Hof, der aus einem kleinen, alten Bauern­haus, einer Scheune und einem früheren Viehstall besteht, manches geschehen. Gerlind Aryceus zählt auf: Fassadensanierung, Heizung, Elektrik, neue Fenster, ein Kinderzimmer für ihren sechsjährigen Sohn Adrian, Küche, Wohnstube und Badezimmer, neue Dächer und manches mehr. „Das sah hier alles ganz anders aus - und geheizt wurde über alte Ölöfen“, berichtet sie und schaut sich in der behaglichen Stube mit angrenzender Küche um. Freiliegende Fachwerkbalken, Holzboden - und im Flur noch Erinnerungen an frühere Zeiten, alte Türen und die steile Treppe mit dem vielfach überpinselten Holzgeländer. „Ich mache das alles nach und nach, so wie das Geld es zulässt“, sagt die selbstständig tätige Architektin, die mit ihrem sechsjährigen Sohn Adrian auf dem Fachwerkhof lebt und dort auch arbeitet.

„Für mich ist das Leben auf dem Dorf das Passende, es gefällt mir“, betont Gerlind Aryceus. Sie ist dankbar dafür, einen Ort wie Oberrosphe gefunden zu haben, ein Dorf, das sich bewegt, das mit Nahwärme aus Holz die Energiewende eingeläutet hat und in dem sie sich als Gründungsmitglied des Vereins „Gut leben in Oberrosphe“ gemeinsam mit anderen für die Gemeinschaft einsetzen kann. „Und Adrian, für den ist das hier ein einziges Abenteuerland - man kann die Kinder hier einfach losziehen lassen“, nennt sie einen weiteren Vorteil des Landlebens.

Doch hat die Hof-Idylle auch ihre Grenzen, spätestens wenn Menschen älter werden und die steilen Stiegen zum Schlafzimmer ein unüberwindbares Hindernis darstellen. Da Gerlind Aryceus auch im Alter in Oberrosphe wohnen bleiben will, sorgt sie vor für diese Zeit. „Ich hatte schon lange die Vorstellung, dass der Stall, zur Wohnung umgebaut, mein Altenteil wird“, sagt sie und zeigt den Bauplan. Auf 50 Quadratmetern soll eine behagliche Wohnung mit kombiniertem Wohn- und Esszimmer, Schlafzimmer, Küche und Bad entstehen. „Boden raus, Fenster neu, Innendämmung, Elektro- und Sanitärinstallationen“, zählt Gerlind Aryceus auf - es muss einiges passieren, bis aus einem Viehstall ein kleines Wohnhaus wird. Rund 100000 Euro wird es kosten. Doch Gerlind Aryceus hat bereits Vorkehrungen getroffen. „Die Leitungen liegen bis zum Stall, das hab ich damals gleich mitmachen lassen“, berichtet sie. Und einen Grundstock für die Finanzierung des Projekts gibt es nun auch. Zum bereits bewilligten Zuschuss von 22000 Euro aus der Dorferneuerung kommen 20000 Euro vom Landkreis Marburg-Biedenkopf hinzu. Der Kreis hat Gerlind Aryceus’ Vision vom seniorengerechten Wohnen im umgebauten Viehstall als beispielhaftes Projekt ausgewählt, das vormacht, wie alte Strukturen auf dem Land fürs Wohnen im Alter angepasst werden können.

Die 49-Jährige freut sich, denn nun ist schon fast die Hälfte der Umbaukosten gedeckt. Den Rest will die Architektin durch die Vermietung des Appartements im ehemaligen Stall refinanzieren. „Sobald es fertig ist, kann hier jemand einziehen - eine Person oder zwei, ein älterer Mensch oder ein jüngerer, alles ist möglich“, sagt sie und lächelt.

Im Wettbewerb „Wohnen im Alter“ hat der Landkreis Marburg-Biedenkopf einen weiteren Preisträger ausgezeichnet. 30000 Euro gehen an den Erstplatzierten, die katholische Kirchengemeinde St. Hubertus in Mardorf, die das Schwesterhaus in Mardorf so umbauen lässt, dass es künftig vier seniorengerechte Woh­nungen beherbergen wird.

von Carina Becker

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nordkreis

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr