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Theater-Spaziergang in die eigene Geschichte

Wollenbergschule Theater-Spaziergang in die eigene Geschichte

Theaterspiel hat eine lange Tradition an der Wollenbergschule in Wetter. Die Protagonisten der neuesten Produktion bekamen neben dem verdienten Applaus auch gleicheine wichtige Ehrung.

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Am Gänseberg lebte die jüdische Familie Hess, deren Nachfahren im Jahr 2008 in Wetter zu Gast waren. Dort spielte ein Teil des Theaterstücks.

Quelle: Elvira Rübeling

Wetter. Vor 14 Jahre inszenierte Lehrerin Monika Eller-Lüers zusammen mit einer Schüler-Gruppe das erste gemeinsam erarbeitete Stück „Die Welle“. Der Erfolg dieser Aufführung war auch Grund dafür, dass sie sich fortan dem „Darstellenden Spiel“ weit über ihre Tätigkeit als Lehrerin hinaus widmete.

Seitdem wird unter ihrer Leitung jedes Jahr mit dem Wahlpflichtkurs Darstellendes Spiel der Jahrgangsstufen 9 und 10 ein Stück auf die Bühne gebracht. Etwa genauso lange schlummert aber auch schon der Traum in ihr, einmal ein Stück über die früher in Wetter lebenden jüdischen Mitbürger zu machen. Das verriet sie am Samstagabend dem Publikum im Forum der Schule.

In diesem Jahr war es so weit. Zusammen mit zehn Schülerinnen und Schülern, die bereit waren, sich diesem schweren Thema ausführlich zu widmen und ausgiebig zu recherchieren, entstand die Eigenproduktion „Wer, wenn nicht wir?...“

Um die Besucher sowohl bei der Aufführung am Freitag- als auch am Samstagabend entsprechend in die Thematik einbeziehen zu können, wurden diese nach einer kurzen Spielszene im Forum der Wollenbergschule, zu einem Spaziergang an die Orte in Wetter eingeladen, die noch heute an das damalige jüdische Leben in der Stadt erinnern.

Preis auch für soziales Engagement

Das Kriegerdenkmal und die ehemaligen Wohnhäuser der jüdischen Familie Hess am Gänseberg sowie in Sichtweite das der Familie Stern, die Gedenktafel am Rathaus, ein weiteres Gebäude in der Hospitalstraße und die ehemalige Synagoge sind unter anderem bis heute die stummen Zeugen der NS-Zeit. Neben den dazu jeweils von den Schülern mitgeteilten geschichtlichen Hintergründen, spielten sie vor Ort auch eine Szene, wie sich beispielsweise die Verfolgung der jüdischen Mitbürger in Wetter, die im Jahr 1933 ihren Anfang nahm, abgespielt haben könnte. Danach ging es zum „Schulunterricht“ in die ehemalige Synagoge. Der Verein „Ehemalige Synagoge Wetter“, unter dem Vorsitz von Martina Kepper, hatte dazu die Türen weit geöffnet und das Projekt tatkräftig unterstützt. Dort verwandelte sich die ehemalige Synagoge vor dem geistigen Auge aller in ein Klassenzimmer. Während des Unterrichts wurden Zuschauer und Darsteller zum Teil der Geschichte, die sich vor über 70 Jahren zugetragen hat.

Im „Schulunterricht“ sprachen die Schüler alles Erarbeitete an und referierten unter anderem über das Ende der Demokratie verbunden mit dem Aufstieg der NSDAP, Antisemitismus, Rassismus, Ermordung der Juden in Europa und insbesondere der Verbleib der Juden am Beispiel der Familie Hess aus Wetter.

Allen ausnahmslos in Schwarz gekleideten Darstellern gelang es durch ihr Spiel und ihre nach außen getragene persönliche Betroffenheit, das Publikum auf die Reise in die Vergangenheit mitzunehmen, zu erinnern und die stumme Mahnung gegen das Vergessen, die die ganze Zeit über dem Raum hing, sichtbar zu machen.

Friedliches Miteinander braucht Übung

Sie zeigten aber auch, anhand der vom Synagogen-Verein zur Verfügung gestellten Materialien und Bilder, wie sich das jüdische Leben in Wetter vor dem Beginn der Schreckenszeit abgespielt hat. Dazu gehörte auch der jüdische Tanz „Hava Nagila“ (Lasst uns glücklich sein), der meist zu feierlichen Anlässen getanzt wurde, oder das gebackene Sonntagsbrot nach jüdischem Rezept, das die Zuschauer unter anderem in der Pause genießen durften.

Gewürdigt wurde das Engagement der Schüler auch vom Synagogen-Verein mit der Verleihung des Levi-Hess-Preises. Strahlend nahmen die Preisträger bei einer Zeremonie in der ehemaligen Synagoge ihre Urkunden und das Preisgeld entgegen. Der mit 300 Euro dotierte Levi-Hess-Preis wird jährlich vom Träger- und Förderverein ausgelobt und soll besonderes soziales und historisch-orientiertes Engagement von Jugendlichen aus und in Wetter ehren. Der nach dem Spender des Synagogen-Grundstücks benannte Preis wurde zum dritten Mal vergeben.

Ausgezeichnet wurde neben dem Wahlpflichtkurs Darstellendes Spiel der Klassen 9 und 10 (für das Theaterstück) auch Linda Debus aus der Klasse 7 für ihr herausragendes soziales Engagement.

„Miteinander friedlich leben muss eingeübt werden. Der geschützte Raum der Schule gibt dazu eine gute Gelegenheit, was wir unterstützen und wertschätzen möchten“, betonte die Vorsitzende des Trägervereines, Dr. Martina Kepper. Ziel der Preisvergabe sei es, Jugendliche zu ermutigen, sich mit der konkreten Geschichte vor Ort auseinanderzusetzen, um informiert und engagiert gegen alle Formen von Ausgrenzung und Gewalt im eigenen Umfeld einzutreten. Die Feier wurde musikalisch begleitet von Fatima Cuamba und Lennard Weisenfeld.

von Elvira Rübeling

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