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Schwule vor Ort fühlen sich einbezogen

Homosexualität im Landkreis Schwule vor Ort fühlen sich einbezogen

Klaus Wowereit, Thomas Hitzlsperger, Hape Kerkeling – sie alle hatten ihr Coming Out und haben dafür vor allem eins bekommen: Applaus. Doch wie sieht es jenseits der großen Bühnen und Städte, auf dem Land aus?  

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Schwule im Landkreis „gut integriert“

Schwul sein und auf dem Land leben muss kein Widerspruch sein, wie eine Marburger Studentin jetzt herausfand.

Quelle: Richter/Hirsch

Marburg. Dieser Frage wollte Johanna Braun ( kleines Foto: Korte) in Ihrer Abschlussarbeit im Fach Europäische Ethnologie an der Universität Marburg genauer nachgehen und hat vor rund einem Jahr Schwule im Landkreis in der OP dazuaufgefordert, sich bei ihr zu melden. Was dabei herausgekommen ist, darüber berichtet sie im OP-Interview.

OP: Frau Braun, wie sind Sie darauf gekommen über das Thema „Homosexualität auf dem Land“ zu schreiben?

Johanna Braun: Zu dem Thema hat mich mein bester Freund inspiriert, der schwul ist und auf dem Land aufgewachsen ist. Sein Outing war zwar unproblematisch. Ich selber bin aber auch auf dem Land aufgewachsen und habe in einem Dorf gelebt, in dem die Menschen eher konservativ waren und Heterosexualität als das „Normale“ und „Richtige“ angenommen haben. Diese unterschiedlichen Sichtweisen wollte ich erforschen. Zudem habe ich mich in meinem Studium mit Dorfforschung beschäftigt und finde die Dynamiken, die in einer Dorfgemeinschaft zu finden sind und diese zusammenhalten lassen, sehr spannend.

OP: Was war das Herausfordernde an dem Thema?

Braun: Dass das Thema noch relativ unerschlossen ist. Es wurde bisher sehr wenig darüber geforscht. Herausfordernd war auch, dass mir das Forschungsfeld – Männlichkeitsforschung – bis dahin komplett unbekannt war und ich mich erst einmal einarbeiten musste. Die konkreten Fragestellungen und Herangehensweisen habe ich im Vorfeld mit meinem besten Freund besprochen und in einer Pilotstudie ausprobiert.

OP: Mit wie vielen Männern haben Sie insgesamt gesprochen?

Braun: Ich habe zehn Interviews mit insgesamt 15 Männern geführt, also fünf Paar- und fünf Einzelinterviews.
Wegen der geringen Anzahl der Befragten hat meine Studie
keine Allgemeingültigkeit. Auch deshalb nicht, weil es sich um
individuelle Lebensgeschichten handelt, die man nicht verallgemeinern kann.

OP: Was haben diese Männer Ihnen erzählt?

Braun: Die homosexuellen Männer, die ich befragt habe, fühlen sich, bis auf wenige Ausnahmen, gut in das Dorfleben integriert. Meine Schlussfolgerung ist, dass, wenn sich diese Männer in die Dorfgemeinschaft integriert fühlen, die
Sexualität keine Rolle mehr im Umgang mit den Dorfbewohnern spielt. Es ist dann einfach nicht mehr wichtig, ob sie mit einem Mann oder mit einer Frau zusammen leben.

OP: Was muss passieren, damit sich Schwule gut in die Dorfgemeinschaft integriert fühlen?

Braun: Sich gut integriert fühlen, das bedeutete für viele der Befragten zum Beispiel die Teilhabe an Dorfveranstaltungen, Engagement in Vereinen und gute Nachbarschaftshilfe. Ein Befragter erzählte davon, wie er Haus und Garten einer alten Dame im Dorf wieder in Schuss brachte und ihn die Dorfbewohner daraufhin lobten und anders mit ihm umgingen, nicht mehr so zurückhaltend waren. Hier zeigt sich auch, dass Klischees und Vorurteile gerade im ländlichen Raum eine große Rolle spielen. Der Befragte zeigte mit seiner Arbeit den Nachbarn, dass er kein stereotyper Homosexueller war. Das half ihm seines Erachtens bei der Akzeptanz im Dorf. Es hat offenbar auch viel damit zu tun, wie sich ein Homosexueller selbst wahrnimmt. Je „normaler“ er sich selbst empfindet, desto weniger wird er von anderen als „unnormal“ wahrgenommen – und umgekehrt.

Klischees und Vorurteile immer noch verbreitet

OP: Wie war das Coming Out für die Männer ?

Braun: Sehr unterschiedlich. Ein Befragter erzählte, wie er bei einer Dorfveranstaltung allen Mut zusammengenommen und sich an den Tisch, an dem seine Freunde saßen, gestellt und laut gesagt hat: Ich bin schwul. Innerhalb von zehn Minuten standen vier oder fünf weitere Männer auf und sagten: Ich auch. Im Nachhinein betrachtet war seine Angst also völlig grundlos. Bei anderen wiederum reagierte das Umfeld mit Funkstille. Das hatte aber auch damit zu tun, dass dort völlig falsche Vorstellungen von Homosexualität herrschten.

OP: Zum Beispiel?

Braun: Eine Mutter hatte zum Beispiel befürchtet, dass die Homosexualität ihres Sohnes bedeuten würde, dass er fortan nur noch Männer mit nach Hause bringen würde, die über 20 Jahre älter sind als er. Als sie verstanden hatte, dass man als schwuler Mann, so wie jeder andere Mensch auch, durchaus jüngere Partner haben kann, war das Thema für sie erledigt. Ich habe zudem festgestellt, dass es Homosexuellen häufig schwieriger fällt, sich vor ihren Vätern zu outen, als vor ihren Müttern. Nur in wenigen Fällen war es genau anders herum.

OP: Gab es Dinge, die den Männern das Coming Out erleichtert haben?

Braun: Ich habe festgestellt, dass viele Männer nach ihrem Coming Out erst einmal Abstand zu ihrem Dorf genommen haben, um herauszufinden, wer sie eigentlich sind und was sie wollen. Einer der Männer hat erst während seiner Ausbildung in einer anderen Stadt andere Homosexuelle kennengelernt und gemerkt: Es gibt noch andere wie mich und ich bin okay so wie ich bin. Nachdem er lange fern seines Dorfes „schwul“ gelebt und auch im Ausland gearbeitet hatte, konnte er mit einem sehr viel gestärkteren Selbstwertgefühl in sein Heimatdorf zurückkehren. Viele haben beschrieben, dass es vor allem Ausflüge in die
Homosexuellenszene waren, die wichtig für ihre Identitätsfindung waren.

OP: Als Sie mit der Forschungsarbeit begannen, vertraten Sie die These, dass es homosexuelle Männer auf dem Dorf schwieriger haben, als in der Stadt. Konnte das bestätigt werden?

Braun: Ich habe während meiner Forschung gemerkt, dass man das nicht so pauschal sagen kann. Für jeden Einzelnen ist es anders. Diese Tatsache hat meine Forschung auch gleichzeitig so interessant gemacht. Ob es schwerer oder einfacher ist, da spielen unzählige Faktoren mit rein, wie zum Beispiel die religiöse Prägung der Region, die Altersstruktur des Dorfes oder eben, ob es schon geoutete Homosexuelle im Dorf gibt. Meine Vorannahme war auch, dass Homosexuelle auf dem Land keine Vorbilder haben, an denen sie sich orientieren können. Interessant war aber, dass zwei der Befragten angaben, sich selber als Vorbilder wahrgenommen zu haben, die eine Vorreiterposition im Dorf eingenommen haben, indem sie anderen die Angst nehmen konnten.

von Ruth Korte

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Wie geht es homosexuellen Männern in unserem Landkreis? Dies  erforschte eine Marburger Ethnologin. Foto: Richter/Hirsch

Homosexuelle haben es auf dem Land oft schwerer als in der Stadt, sagt man. Dies vermutete auch die Marburger Ethnologie-Studentin Johanna Braun, als sie vor rund einem Jahr begann, über Homosexuelle im Landkreis Marburg-Biedenkopf zu forschen. Ihre Forschungsergebnisse überraschen jedoch.

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