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Landwirte sehen sich immer wieder Problemen durch Mangel an Akzeptanz und Verständnis für ihre Arbeit, insbesondere in der modernen Tierhaltung, ausgesetzt. Dagegen setzen sie auf einen Blick in den Stall.

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Auf diese Bucht im Schweinestall ist seit voriger Woche die Webcam gerichtet. Von links: Vizepräsident Armin Müller, Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbandes, Betriebsleiter Stefan Gruß und dessen Vater Robert Gruß.Foto: Manfred Schubert

Quelle: Manfred Schubert

Schweinsberg. Unter einem Schweinestall stellt man sich gemeinhin nichts vor, wo übertriebene Sauberkeit herrscht. Die Besucher eines modernen Maststalls wie dem von Stefan Gruß werden ganz schnell eines Besseren belehrt. Einfach mal in Straßenschuhen hineinlaufen, das geht gar nicht. Die muss man in einer Schleuse ausziehen, sich zunächst einen Ganzkörper-Schutzanzug überstreifen und bereitstehende Stiefel anziehen. Und diese vor dem Betreten des Stalls gründlich in einem Desinfektionsbad entkeimen.

Stall kostete 700000 Euro

Dann erst geht es in den 2012 für etwa 700000 Euro erbauten Stall. Stefan Gruß, der den Betrieb 2002 von den Eltern mit 42 Sauen und 800 Mastplätzen übernahm, ist einer von wenigen Landwirten, die ihn entgegen dem Trend ausgebaut haben. 2005 ließ er den ersten Stall mit 1200, dann diesen mit 1800 Mastplätzen errichten. Es ist hell, angenehm temperiert, riecht viel weniger nach Schwein, als man sich vorstellt, dank automatischer Lüftungssysteme und ebenfalls computergesteuerter, genau bedarfsgerechter Fütterung. Damit kommt man zu einer den jeweils herrschenden Verbrauchervorlieben entsprechenden Fleischstruktur.

Gruß führt die Besucher zu der Bucht, in der man hier rund um die Uhr beobachten kann, wie es den Schweinen geht, bis sie nach vier Monaten schlachtreif sind. Ab und zu wird auch der Bauer oder ein Mitarbeiter zu sehen sein. Er hält es für wichtig, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Deutsches Schweinefleisch für US-Soldaten

„In den Köpfen der Verbraucher gibt es nur noch zwei Bilder. Schweine, die sich auf grüner Wiese tummeln, im Schlamm suhlen und unterm Apfelbaum ausruhen, das andere sind verendete, tote Tiere. Aber 99 Prozent der Bauern machen einen guten Job und haben nichts zu verbergen. Wir haben so hohe Standards, die weltweit anerkannt sind, dass US-Soldaten im Irak mit deutschem Schweinefleisch versorgt werden, weil man weiß, dass sie davon nicht krank werden“, sagt der Landwirt.

Der Verbraucher wolle sowohl Fleisch essen als auch sein Gewissen erleichtern, aber das müsse man auch finanzieren. Deshalb betreibe er eine rein konventionelle Haltung. Als Unternehmer würde er auch biologisch produzieren, wenn es nachgefragt würde. Im Moment täten das nur Gutverdiener, und Biobauern könnten nur mit Transferleistungen des Staates überleben.

Zahl der Schweinehalter geht weiter zurück

„Wir leben Nachhaltigkeit vor, unser Betrieb lässt sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. 80 Prozent unserer Ackerbauflächen dienen der Futtergewinnung, und die Verfütterung von Molke, die bei der Käse- und Quarkproduktion anfällt, trägt zur Kreislaufwirtschaft bei“, sagt Gruß. Im Laufe des Gesprächs mit ihm sowie mit Armin Müller, Vizepräsident des Hessischen Bauernverbandes, und Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbandes, kam deutlich auch ein gewisser Frust über das Unverständnis zum Ausdruck, das den immer weniger werdenden Bauern aus der Bevölkerung und zum Teil auch der Politik entgegen schlage. Mehr als zwei Jahre habe es gedauert, die Baugenehmigung für den zweiten Stall zu erhalten. „Die NGOs leisten ganze Arbeit. Die Leute werden aufgefordert zu demonstrieren, auch wenn sie nicht wissen, wogegen“, meinte Gruß. Lölkes führte das Beispiel des verhinderten Hähnchenmastbetriebs in Bellnhausen an.

Kein Wunder, dass die Zahl der hessischen Bauern sinkt, da war man sich einig. Das sei besorgniserregend, insbesondere unter dem Aspekt, dass Verbraucher zunehmend regionale Lebensmittel kaufen wollen, sagte Müller. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe mit Schweinehaltung in Hessen ist vom Jahr 2007 von 8300 Betrieben auf 5400 Betriebe im Jahr 2013 zurückgegangen.

Der Bestand an Mastschweinen in Hessen sank allein von 2008 bis zum vergangenen Jahr von knapp 330000 auf noch annähernd 260000. Der Versorgungsgrad mit heimischem Schweinefleisch erreiche nur noch rund 20 Prozent in Hessen. Die politischen Rahmenbedingungen seien in Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen wesentlich günstiger.

Schlachterei liegt 400 Kilometer entfernt

Auch Entscheidungen vor Ort machen es nicht besser. Lölkes erwähnte die kürzlich im heimischen und den angrenzenden Landkreisen von sieben auf 14,50 Euro angehobene Fleischbeschaugebühr pro Tier. Das seien zehn Prozent des Erlöses eines Schweins. „Meine Schweine müssen 400 Kilometer weit gefahren werden, weil mir hiesige Schlachter keinen Preis zahlen, mit dem ich kostendeckend arbeiten kann“, erklärte Gruß.

In Marburg-Biedenkopf sank die Zahl der Mastschweine von 62040 im Jahr 1987 auf 24065 im Jahr 2007, der Betriebe von 979 auf 515 im Jahr 2010, so die jüngsten vorliegenden Zahlen, ergänzte Lölkes.

Das Tierwohl sei auf jeden Fall ein entscheidender Faktor, trotz allen Kostendrucks, denn nur wenn es den Tieren gut gehe, habe der Betrieb Erfolg, schloss Müller. Aber ohne den Einsatz moderner Technik gehe es nicht, dank der heute ein deutscher Landwirt 145 Menschen ernähren könne, während es 1960 noch 17 gewesen seien. Dass es den Tieren gut gehe, davon könne man sich nun per Webcam überzeugen.

von Manfred Schubert

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