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Sanierung wird vor Gericht entschieden

Marburger Rohstoffverwertung Sanierung wird vor Gericht entschieden

Fast drei Jahre nach dem Großbrand auf dem Gelände der Marburger Rohstoffverwertung (MRV) in Goßfelden dringt die Bürgerinitiative (BI) Windrose weiter auf eine umfassende Sanierung der Schredderanlage.

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Das Foto zeigt das Werksgelände der Marburger Rohstoffverwertung in Goßfelden Ende Februar. Im oberen Bildbereich ist am Rand des Platzes das Schreddergebäude mit der gelben Abluftreinigungsanlage zu erkennen.Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Goßfelden. Immer wieder würden die Mitglieder der BI angesprochen und gefragt: „Es ist doch inzwischen alles besser geworden, warum macht ihr noch weiter?“, berichtet Windrosen-Mitbegründer und Vereinsvorsitzender Günther Knarr. Ja, manches ist auch besser geworden, geben die „Windrosler“ dann zu. Aber das sei noch nicht genug.

Nach vielen Jahren haben sie das Gefühl, dass die zuständige Aufsichtsbehörde, das Regierungspräsidium Gießen, gegenüber dem Unternehmen angemessen auftritt und Verbesserungen in den Abläufen auch einfordert, wie sie die BI schon viele Jahre lang vorgebracht hat.

Ihr wichtigstes Ziel, eine grundlegende Sanierung des Schredders und von dessen Gebäudehülle, haben sie aber noch nicht erreicht. Eine entsprechende Anordnung des Regierungspräsidiums Gießen, die zum Jahresende erlassen wurde, wird derzeit vom Betreiber beklagt.

Immerhin: Die Verpuffungen und Brände, die vor Jahren noch an der Tagesordnung waren, gab es in den vergangenen Jahren nicht mehr. Das Unternehmen begründet das unter anderem damit, dass die Schrottmischung, die in den Schredder gegeben wird, „besser“, das heißt sauberer ist als offenbar beim Vorbesitzer.

Der Lagerplatz an sich ist aufgeräumter, nicht mehr so voll, und die Abfallstoffe der Schredderleichtfraktion (SLF) werden schneller abgefahren und entsorgt. Dies alles bestreitet die Bürgerinitiative nicht, sie nimmt es anerkennend zur Kenntnis. Dennoch ist man enttäuscht darüber, dass der Betreiber bei einem zentralen Punkt - dem Schredderbetrieb - noch nicht in ausreichendem Maße mit sich reden lässt.

„Seit der Inbetriebnahme 1991 läuft der Schredder im Zustand einer ständigen Betriebsstörung“, wiederholt Windrosen-Vorstand Helmut Rakow eine Position, die die BI von Anfang an vertreten hat. Das bezieht sich vor allem auf die Staubemissionen, die aus dem Schreddergebäude ungefiltert austreten und somit möglicherweise die Ursache dafür sind, dass umliegende Wiesen kontaminiert sind.

Täglich sei zu beobachten, wie Staubemissionen das Schreddergebäude verlassen, aber nicht nur auf dem dafür vorgesehenen Weg. Statt durch den Abzug und eine Reinigungsanlage am Schornstein abgegeben zu werden, entweicht ein Teil der Stäube auch durch das betriebsbedingt nicht fest verschlossene Dach. Dieses ist mit beweglichen Matten belegt, die dem Druck nachgeben, falls es im Inneren eine Verpuffung gibt.

RP zielt auf das Vermeiden von Staubentwicklungen

Jahrelang haben Mitglieder der BI Windrose Verpuffungen, aber vor allem auch das Entweichen von weißlichen Wolken mit Staub aus dem Schredder filmisch dokumentiert. Und letzteres gebe es weiterhin täglich, „man muss gar nicht mal lange nicht drauf warten“, so Helmut Rakow.

Wie die Auswirkungen auf Mensch, Tier und Natur sind, ist immer noch unklar. Dass die Bauern den Aufwuchs auf den betroffenen Wiesen seit Jahren nicht für ihre Tiere verwenden können, weil das Gras kontaminiert ist, ist Ausweis der unbefriedigenden Situation.

Nicht zuletzt die Filmdokumente der BI haben dazu geführt, dass die Experten beim RP Gießen dem Betreiber nun Auflagen erteilt haben, die über das von der MRV bereits Umgesetzte hinausgehen. Die zum Jahresende ausgesprochene Sanierungsanordnung wird von der MRV aber beklagt.

Die Anordnung, die von der BI und dem von ihr beauftragten Ingenieur Peter Gebhardt in großen Teilen als richtiger Schritt bewertet wird, fordert von der MRV, dass sie den Umgang mit den bei der Bearbeitung des Schreddermaterials anfallenden überwiegend nichtmetallischen Reststoffen, der Schredderleichtfraktion (SLF), so verändert, dass eine Staubentwicklung weitestgehend verhindert wird. Das soll unter anderem damit erreicht werden, dass die SLF in staubdichte Container geladen und im Freien gelagerte Stoffe so befeuchtet werden sollen, dass eine Staubentwicklung nicht entstehen kann.

Außerdem gibt das RP dem Unternehmen auf, einen Sanierungsplan samt Zeitplan für die erforderlichen Schritte vorzulegen, mit denen sich das Entweichen von Schadstoffen vom Gelände minimieren lässt. Dabei wird insbesondere gefordert, dass ein unabhängiger Gutachter unter anderem untersuchen soll, ob die im Schreddergebäude installierte Absauganlage und die Dichtigkeit der Gebäude­hülle ausreichend sind.

Der Bevollmächtigte des Unternehmens, Professor Reinhold Müller, lehnte auf Nachfrage eine Stellungnahme zum derzeitigen Stand ab - „in einem laufenden Verfahren äußern wir uns grundsätzlich nicht“, bat er um Verständnis.

Eilverfahren wird nicht vor Ende April entschieden

Das RP Gießen teilt auf Anfrage der OP mit, dass gegen seine Sanierungsanordnung im Januar fristgerecht Klage erhoben worden sei. Das Unternehmen versucht darüber hinaus im Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht in Gießen zu erreichen, dass die eingereichte Klage eine aufschiebende Wirkung bekommt. Das RP hatte für die genannten Punkte „Sofortvollzug“ angeordnet.

Auf Anfrage hieß es aus dem Verwaltungsgericht, dass das RP im Eilverfahren eine Frist zur Stellungnahme bis Ende April habe. Vorher sei mit einer Entscheidung nicht zu rechnen. Wann über die eigentliche Klage verhandelt wird, ist noch offen.

Laut RP-Sprecherin Gabriele Fischer wende sich die MRV im Eilverfahren „vorrangig gegen angeordnete Maßnahmen zum Umgang mit der Schredderleichtfraktion, die mit nicht unerheblichen Kosten verbunden sind“ - zum Beispiel „Containeranschaffungen und Einhausung des Übergabebereichs der SLF in die Container“.

Außerdem werde neben diesen Einzelanordnungen die Argumentation angefochten, auf der die Anordnung basiert: Das Unternehmen bestreitet demnach offenbar in Teilen den Zusammenhang zwischen nachgewiesenen Schadstoffen auf benachbarten Wiesengrundstücken und dem Betrieb der MRV.

Angesichts der Ergebnisse aus mehreren Futterbeprobungen rund um die Schredderanlage, die seit dem Großbrand am 1. Juli 2011 stattfanden, ist man beim RP Gießen aber davon überzeugt, dass diese aus dem laufenden Betrieb des Unter­nehmens stammen müssen. Andere Unternehmen in der Nachbarschaft wurden als Verursacher ausgeschlossen.

Dass die Verunreinigungen umliegender Wiesen nicht auf den Brand vor drei Jahren zurückzuführen sind, weiß man bereits. An eine Undichtigkeit des Bodens auf dem Gelände, von der die Bürgerinitiative nach wie vor ausgeht, glauben die RP-Experten nicht; ent­sprechende Nachforschungen hätten den Verdacht nicht bestätigt.

Bürgerinitiative Windrose sucht neue Mitstreiter

Für die Aktiven der Bürgerinitiative zeigt dies, dass sie den Fortgang des Verfahrens auch weiterhin kritisch begleiten werden und auch müssen. Auch zur Sanierungsanordnung, die jetzt vor Gericht thematisiert werden wird, haben sie über ihren Sachverständigen bereits einige Kritikpunkte und Anregungen an das RP weitergegeben.

Für die Vorstandsmitglieder der Windrose stellt sich zugleich aber auch die Frage, wie es mittelfristig mit dem Verein weitergeht. „Wir sind fast alle in Rente, aber es ist auch nicht zu sehen, dass sich jüngere für die Arbeit interessieren“, so Vorstandsmitglied Dr. Wilfried Fiedler. Um mehr Menschen zu erreichen, will man nun zum Beispiel den Internetauftritt überarbeiten. Und hofft auf rege Beteiligung von interessierten Bürgern bei der Jahreshauptversammlung, die morgen um 20 Uhr in der Gaststätte „Zur Aue“ in Sarnau stattfindet.

Denn ein wenig Unterstützung in der Vereinsarbeit könne man schon gebrauchen, auch, weil auch mehr als 20 Jahre nach der Gründung der Bürgerinitiative sich ja offensichtlich ihr Zweck noch nicht erfüllt hat.

Informationen über die Arbeit der BI Windrose gibt Günther Knarr, Telefon 06423/3747

von Michael Agricola

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