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Rutschpartie: Lkw verliert Rapsöl

Bundesstraße 62 Rutschpartie: Lkw verliert Rapsöl

Ein Schwerverletzter, stundenlange Vollsperrung der B62 und ein goldener Rapsölsee auf schwarzem Asphalt. Das ist die Bilanz eines Lkw-Unfalls, der den Montag für manchen Autofahrer zur Geduldsprobe werden ließ.

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Der glitschige See aus Rapsöl verwandelt die Unfallstelle auch für die Helfer in eine Rutschpartie.

Quelle: Nadine Weigel

Göttingen. Eigentlich meidet Fahrradfahrer Georg Peter die B62. Zu viele Lkws, die sich donnernd an ihm vorbeizwängen. Zu viele Autos, die ihm die Abgase ins Gesicht pusten. An diesem Montagmittag aber fährt er selbstbewusst Schlangenlienien über die komplette Fahrbahnbreite. Kein Hupen. Keine Bremsgeräusche sind zu hören. Stattdessen Grillenzirpen. Vogelgezwitscher und das laute Klirren von Glasflaschen. Georg Peter muss seine Fahrt auf der leeren Straße stoppen. Hält direkt vor einem umgekippten Lkw. Ende der Reise. „Hier kommen sie nicht weiter“; erklärt Einsatzleiter Christian Müller. Seine Augen sind müde. Sein Auftreten bestimmt. Seit kurz nach eins in der Nacht ist er am Einsatzort. Der Lkw war kurz hinter Göttingen, in Fahrtrichtung Cölbe, von der Fahrbahn abgekommen. Bei dem Versuch, gegenzulenken, verlor der 49-Jährige Fahrer die Kontrolle über den 40-Tonner und kippte um. Die Ladung, tausende Liter Rapsöl, verpackt in Glas- und PET-Flaschen, verteilten sich auf der Fahrbahn. „Heute Nacht stand die Rettung des Fahrers im Vordergrund“, erklärt Müller. Mit schweren Verletzungen wurde der 49-jährige Fahrzeugführer ins Krankenhaus gebracht.

Wenige Stunden später brennt die Sonne auf den Asphalt. Es riecht nach Frittenfett und Anstrengung. Müde wischt sich auch Markus Dersch über das Gesicht. Er glänzt. Das Rapsöl hat Spuren hinterlassen. Auf der Haut, auf der Kleidung, auf der Straße. Auch er ist seit den frühen Morgenstunden im Einsatz. Räumt mit seinen Kollegen den Lkw aus. Eine Flasche nach der anderen. Eine glitschige Angelegenheit. Der Boden ist spiegelglatt, die Flaschen nur schwer zu greifen. Familie und Freunde haben schon angerufen. Meist ungeduldig. Irgendwo im Umleitungsstau steckend. Sie alle wollten wissen: „Wie lange dauert es denn noch?“ Dersch zuckt nur die Schultern, wirft einen Blick in den halb entladenen Lkw, seufzt: „Lange.“

Mehrere Tonnen Speiseöl in Kunststoffflaschen und Kanistern haben sich auf der Fahrbahn und in einem angrenzenden Getreidefeld verteilt.An der Unfallstelle sind Feuerwehren aus
Göttingen, Sarnau, Goßfelden und Caldern im Einsatz. Die Bundesstraße 62 in diesem Bereich in beide Richtungen noch mindestens bis in die Mittagsstunden gesperrt bleiben.

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Während die Autofahrer fluchen, nutzen die Mitarbeiter von Hessen Mobil die Gunst der Stunde. Mit drei Teams schwärmen sie aus, um anstehende Arbeiten auf dem für den Verkehr gesperrten Streckenabschnitt zu erledigen. Brücke reinigen, Grünflächen schneiden, kleine Reperaturarbeiten. „Das bietet sich einfach an. Wir haben die ganze Verkehrssicherung gespart. Müssen keine Schilder oder Ampeln aufbauen“, erklärt ein Mitarbeiter, bevor er sich wieder den Gehörschutz aufsetzt und weiterarbeitet. Eine gähnend leere Straße, weit und breit kein Autofahrer, der ungeduldig auf dem Lenkrad trommelt - an diesem Montag ist es für die Mitarbeiter von Hessen Mobil ein angenehmes Werkeln.

Helfer wurden nachalarmiert

Zwei Kilometer weiter kommt Einsatzleiter Christian Müller mit seinem Team ins Schwitzen. 30 Einsatzkräfte aus Sarnau, Caldern, Göttingen und Goßfelden waren schon in der Nacht ausgerückt, 20 weitere wurden nachalamiert, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Im Schatten der Fahrzeugetürmen sich Brötchenberge, Obst und angebrochene Colaflaschen. Energienachschub. Wichtig für die Arbeitskraft und die Moral. Die ist auch nach zwölf Stunden bei Markus Dersch noch ungebrochen: „Es hätte noch schlimmer kommen können. Es regnet nicht, es ist nicht zu heiß. Positiv denken.“ Wie zum Beweis birgt er einen Karton völlig intakter Glasflaschen. Wie einen Schatz stellt er die durchweichte Kiste auf den Boden. Ein bisschen Ordnung im Chaos. Ein fett(ig)er Hoffnungsschimmer auf ein Ende der Aufräumarbeiten.

Stillstand auf den Straßen rund um die abgesperrte Unfallstelle. Geschäftiges Treiben am Einsatzort. „Wir bleiben so lange, bis der Lkw auf seinen Rädern steht“, sagt Christian Müller. Hierfür wurde extra ein Kran angefordert, der den 40-Tonner umwuchtete. Erst nachdem die Unfallstelle geräumt und die Feuerwehr abgerückt war, konnte eine Spezialfirma damit beginnen, die Straße von dem Öl zu befreien. Wann die Strecke wieder freigegeben werden kann, konnte die Polizei bis Redaktionsschluss nicht sagen. Markus Dersch wird nach diesem Einsatz keinen Appetit mehr auf eines haben: „Keine Pommes. Bloß nichts Frittiertes.“

von Marie Lisa Schulz

Hintergrund

  • Ich komme später. Ich stehe im Stau. Zahlreiche Arbeitgeber im Landkreis hörten heute Morgen Sätze wie diesen. Aber wer zahlt eigentlich den Dienstausfall? Nachgefragt bei Hans-Dieter Wolf, Fachanwalt für Arbeitsrecht.
  • Die Frage, die gestellt werden muss, lautet richtig: Kann der Arbeitgeber die nicht erbrachte Arbeitsleistung vom Lohn abziehen? Die Antwort ist eindeutig. Ja, er kann. Schließlich kann auch der Arbeitgeber nichts für den Unfall. Eine Ausnahme gibt es. Wenn Sie einen persönlichen Verhinderungsgrund haben, wieso Sie im Stau standen, darf Ihnen der Lohn nicht abgezogen werden. Ein solcher Verhinderungsgrund liegt vor, wenn Sie in den Unfall verwickelt waren, erklärt Wolf.
  • Und wieso nicht die Zeit nacharbeiten? Nacharbeiten ist im Arbeitsrecht eigentlich nicht vorgesehen. Praktisch wird es aber oft so geregelt, dass der Arbeitnehmer die Stunden einfach nachholt.
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