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RP verschärft Auflagen für MRV

Müllverwertung Völker RP verschärft Auflagen für MRV

Wenn sich die Mitglieder der Bürgerinitiative (BI) Windrose heute Abendzu ihrer Jahreshauptversammlung treffen, können sie dies in der Gewissheit tun, dass sich ihre Arbeit langsam auszahlt. Das war nicht immer so.

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Das Gelände der Marburger Rohstoffverwertung in Goßfelden mit dem Schreddergebäude im Hintergrund. Von hier geht eine Schadstoffbelastung aus, so das RP Gießen.Foto: Thomas Breme

Goßfelden. Gut eineinhalb Jahre nach dem Großbrand auf dem Gelände der Marburger Rohstoffverwertung (MRV) Völker und dem daraus folgenden Betreiberwechsel stehen zwar noch immer grundlegende Verbesserungen im täglichen Betrieb des Schredders aus. Doch die meisten Kritikpunkte der BI werden inzwischen auch von den Experten des Regierungspräsidiums Gießen geteilt.

Und: Die Aufsichtsbehörde kündigte gestern an, dass noch in diesem Monat eine immissionsschutzrechtliche Anordnung öffentlich bekanntgemacht wird, die „umfassende und zum großen Teil auch konkret beschriebene Sanierungsplanungen und -maßnahmen enthalten wird“, so das RP gegenüber OP und BI Windrose. Darüber hinaus „werden erstmalig einzuhaltende Grenzwerte für Dioxine, Furane und dioxinähnliche PCB sowie strengere Werte für den Staub festgelegt“, so das RP weiter.

Jahrelang hatte die BI Windrose um die Vorstandsmitglieder Günther Knarr, Helmut Rakow und Dr. Wilfried Fiedler darum gekämpft, dass sich in der Sache etwas bewegt. Sie hatten der Aufsichtsbehörde immer wieder ihre Beobachtungen geschildert und Film- und Fotomaterial vorgelegt. Diese Bilder belegten zum Beispiel, dass aus dem Schreddergebäude - und nicht etwa nur durch den mit einem Filter ausgerüsteten Schornstein - täglich unkontrolliert und ungefiltert Staubwolken oder Dämpfe austraten.

Der BI-Vorstand kritisierte, dass die Halden mit der sogenannten Schredderleichtfraktion (SLF) auf dem Gelände die genehmigte Menge um ein Vielfaches überstieg. Bestätigt wurde das nach dem Betreiberwechsel durch Dr. Reinhard Müller, den Beauftragten der neuen Unternehmensführung, der angab, dass vom MRV-Gelände etwa das Zehnfache der zur Zwischenlagerung genehmigten Menge abgefahren worden sei.

„Es qualmt immer noch“

Dem widerspricht heute auch das RP nicht mehr, das bis dahin die Einwände der BI unter anderem damit zurückgewiesen hatte, dass die Annahmen der Windrose für die Berechnung des Gewichts falsch seien. Die massenhafte Lagerung der Schredderreststoffe SLF ist inzwischen Geschichte, die neue MRV-Geschäftsführung hat dafür gesorgt, dass das Material nun fortwährend und schnell abgefahren und entsorgt wird.

Auch die Zahl der Verpuffungen im Schredderbetrieb ist deutlich zurückgegangen, laut Unternehmen unter anderem durch die Verwendung von sortenreinerem Schrott und durch die Verbesserung der Abläufe. Das sei aber auch der einzige Fortschritt, den die BI Windrose seither im täglichen Betrieb des Recyclingunternehmens erkennen kann, so Knarr und Rakow.

Nach wie vor qualme es täglich aus dem Schredderdach, bei den Förderbändern und dem Vorzerreißer, so Knarr. Und die im vergangenen Jahr gemessenen Schadstoffkonzentrationen in Grasproben rund um das MRV-Gelände zeigten, dass darin weiterhin eine Gefährdung für Mensch und Umwelt liege.

Für die Bürgerinitiative steht fest, dass die MRV nach wie vor „nicht nach ihren Genehmigungsauflagen arbeitet“, so Günther Knarr. Helmut Rakow zitiert den ersten Genehmigungsbescheid für die MRV aus dem Jahr 1990: „Alle Staubemissionsquellen der gesamten Schredderanlage sind zu erfassen und einer Entstaubungseinrichtung zuzuführen“. Demnach habe die MRV dagegen seit 1990 kontinuierlich verstoßen. Der logische Schluss wäre deshalb für die Bürgerinitiative, dass das RP Gießen den Schredderbetrieb untersagt, bis die notwendigen Vorkehrungen getroffen sind.

„Kausaler Zusammenhang“

Ein Beispiel dafür, wie das Regierungspräsidium einen solchen Schritt binnen kurzer Zeit durchsetzen kann, bot sich erst vor kurzem im Lahn-Dill-Kreis bei der Firma Woolrec, die im Braunfels-Tiefenbach unter anderem Dämmstoffabfälle verarbeitete und dort gegen Auflagen verstieß. Als giftige Dioxine am Firmensitz gefunden wurden, legte das RP den Betrieb vorübergehend still, die Firma hat den Standort inzwischen aufgegeben. „Warum ist das bei Woolrec möglich, nicht aber bei der MRV?“, fragen sich die Aktiven der BI.

So weit will man bei der Gießener Behörde derzeit aber noch nicht gehen. Woolrec und die MRV seien nicht vergleichbar. Das RP stehe jedoch kurz vor der Fertigstellung der umfangreichen immissionsschutzrechtlichen Anordnung mit entsprechenden Auflagen, sagt RP-Sprecherin Gabriele Fischer. Sollte man damit letztlich nicht erfolgreich sein, wird von der Gießener Behörde auch eine Stilllegung des Betriebs nicht mehr ausgeschlossen.

Allerdings geht aus den jüngsten Gesprächen des RP mit der Bürgerinitiative, Vertretern der Gemeinde und dem derzeitigen Betreibern des Unternehmens eins ganz deutlich hervor: Die BI Windrose hat mit dem Kern ihrer Kritik recht gehabt.

Die Schadstoffe, die bei Untersuchungen des Grasaufwuchs auf landwirtschaftlich genutzten Flächen östlich des Betriebsgeländes gefunden wurden, stammen vom Gelände der MRV. Das stehe fest, teilte die RP-Sprecherin Gabriele Fischer auf OP-Nachfrage mit. Das Regierungspräsidium sieht einen „kausalen“ Zusammenhang zwischen der Belastung der Futtermittel und dem Betrieb der Firma MRV. Auch die Ergebnisse aus der Immissionsprognose zu dioxinähnlichen PCB (krebsauslösende Chlorverbindungen), seien auch ohne Ergebnisse aus einer vom RP empfohlenen Staubniederschlagsmessung „ein Beleg dafür, dass die durch die Emissionen auf dem Betriebsgelände verursachten Immissionen ursächlich für die bisher ermittelten Belastungen im Futtermittel und im Boden sind“. Eine Verbreitung der Schadstoffe durch Niederschläge wird von den RP-Experten hingegen ebenso verneint wie die These, die Schadstoffe seien durch die erheblichen Umlagerungen der SLF nach dem Brand 2011 und dem Betreiberwechsel dorthin gekommen.

Für dieses Jahr heißt das, dass der Aufwuchs auf den als belastet eingestuften Flächen nahe des MRV-Geländes erneut untersucht wird und möglicherweise vernichtet werden muss. Die dort vergangenes Jahr geernteten Futtermittel wurden wie im Jahr 2011 entsorgt. Als emissionsmindernde Maßnahmen wird laut RP „als vorläufige Maßnahme“ die direkte Befüllung geschlossener Transportbehälter für die SLF und ein Konzept zur Minimierung von Dioxinen und dioxinaähnlicher PCB angeordnet.

von Michael Agricola

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