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Protest-Plakat gegen Putin

Ukrainerin übt Kritik Protest-Plakat gegen Putin

Jeden Tag liest sie neue Schreckensberichte über die Krim-Krise. Jetzt wollte sie ihre verletzte ukrainische Volksseele nach außen kehren. Lilia Giehren-Mittler lebt seit 20 Jahren in Wetter. Dort hat sie am Wochenende Anti-Putin-Plakate aufgehängt.

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Ein „Europa ohne Putin“, das fordert die gebürtige Ukrainerin Lilia Giehren-Mittler, die in Wetter die alte Papiermühle bewohnt. Abbilden lassen wollte sich Giehren-Mittler nicht. Allerdings weniger aus Angst vor dem russischen Herrscher, als davor, von Nachbarn erkannt zu werden. Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Wetter. Sie hat sich das Plakat beim Spiegel bestellt: Es zeigt das Cover des Nachrichtenmagazins vom Dezember 2013. Darauf zu sehen ist der russische Präsident Wladimir Putin.
Er steht als „Der Halbstarke“ auf der Flagge der Europäischen Union, die an einigen Stellen schon deutlich zerschlissen ist. Aussage: Er trampelt auf der EU herum. Lilia Giehren-Mittler glaubt, dass das Bild alles auf den Punkt bringt. „Die Europäische Union und Deutschland haben es verschlafen sich rechtzeitig von Putin unabhängig zu machen und ihm die Grenzen aufzuzeigen“, sagt die gebürtige Ukrainerin. Jetzt spiele er Katz und Maus.

Sie spricht als Privatperson, als betroffene Landsfrau im Ausland, die enttäuscht ist von der Naivität der westlichen Regierungschefs. Giehren-Mittler ist nach eigener Aussage keiner Partei zuzuordnen und grundsätzlich pro-europäisch. „Das, was derzeit auf der Krim passiert, das ist sehr schlimm. Vor allem die Heuchelei von Putin, der behauptet, dass er dort keine Truppen hat“, sagt sie. Der Mann sei einfach zu lange an der Macht. „Seine Strategie hat mit der Realität doch überhaupt nichts mehr zu tun.

Paranoia und Komplexe

Das sind doch bloß Paranoia und Minderwertigkeitskomplexe“, diagnostiziert die studierte Juristin. Sie muss es wissen, meint sie. Schließlich stamme sie selbst aus einer Militärfamilie. Kennt das Milieu und die Denkweise der Männer, die darin groß wurden und hat in den 70er Jahren selbst noch in der Sowjetunion gelebt und die Propaganda des Systems selbst über sich ergehen lassen müssen.
Es gehe dabei nur um Macht und die Ausweitung von Territorien. „Ehrlich gesagt, bin ich mir aber nicht sicher, ob das heute nicht noch schlimmer geworden ist.“ Jahrelang hat sie sich mit ihrer besten Freundin aus Moskau gegenseitig besucht. „Aber wenn wir in letzter Zeit sprachen, ging es nur noch um Politik. Sie sagte, dass USA und England die größten Feinde seien, dass Halbeuro­pa eigentlich russisches Territorium ist. Dabei hat sie studiert.“
Die Freundschaft hielt den Streitigkeiten nicht Stand. „Ich habe den Kontakt beendet. Ich konnte mir die Dummheiten einfach nicht mehr anhören.“ Bei einer solch profaschistischen Haltung und einem derartigen Personenkult erkenne sie keinen Unterschied mehr zwischen Putin, Breschnew oder Stalin. Außer, dass Putin vielleicht noch gerissener sei.
Die angeblichen Selbstverteidigungskräfte seien ein Beispiel dafür oder die Behauptung, dass russische Bürger in der Ukraine bedroht seien. „Die neue Regierung in der Ukraine hat ja auch noch Öl ins Feuer gegossen und hat vorübergehend die russische Sprache als Amtssprache verboten. Das war eine Dummheit“, sagt sie. Putin mache sich seine russische Welt, wie sie ihm gefällt und der Westen schaue schon seit Jahren nur zu. Die Warnsignale seien aber da gewesen. „Das Gesetz zur Einschränkung der Arbeit von ausländischen Nicht-Regierungs-Organisationen. Das Gesetz, dass die Ungleichbehandlung von Homosexuellen zementierte, die Einschränkung des Demonstrationsrechts, die Festnahme und Verurteilung von Regierungsgegnern und nicht zuletzt die Vertuschungen rund um die Olympischen Spiele in Sotchi.“ Giehren-Mittlers Liste geht noch weiter.

„Frechheit“ von Schröder

Das alles sei hierzulande in Zeitungen zu lesen gewesen. Und doch habe sich die Bundesregierung vom Gas der Russen immer abhängiger gemacht und zugelassen, dass 40 Prozent der Versorgung über Russland sichergestellt wird. Eine große Verantwortung dafür gibt sie Ex-Kanzler Schröder, der auch noch „die Frechheit besessen hat“, sich bei der russischen Gasindustrie mit einem Posten zu versorgen. Sie persönlich glaubt, dass die westlichen Mächte die Gefahr, die von Putin ausgeht, unterschätzen: „Wenn jetzt nichts unternommen wird, dann gibt es bald einen noch selbstbewussteren, noch frecheren Putin, der sich auch noch die florierenden Wirtschaftsmetropolen der Ost­ukraine unter den Nagel reißt“, so Giehren-Mittler. Wenn doch eine ganz normale Person wie sie sich daraus einen Reim machen könne, warum kann es Frau Merkel dann nicht, fragt die Wetteranerin enttäuscht?
Vielleicht ja, weil Wissen und Handeln zwei unterschiedliche Schuhe sind. Oder weil sie berechtigte Angst vor einer Eskalation hat? Natürlich soll es keinen Krieg geben, „Um Gottes Willen“, aber der Westen sei viel stärker und viel reicher als Putin und der verstehe nun mal keine andere Sprache.
Wenn nicht endlich Panzer und Flugzeuge an die Grenzen und in die Ukraine aufbrechen würden, käme Putin an sein Ziel: Die ukrainischen Städte Donezk, Charkow, Dnepropetrowsk und Saporoshje, die im Gegensatz zur Krim nicht arm, sondern auch finanziell lohnenswert wären. Und Putins Propaganda scheint auch dort zu wirken. Zwei Tage nach unserem Gespräch mit Giehren-Mittler fingen prorussische Kräfte auch in der Ostukraine an ein Referendum über die Staatszugehörigkeit zu fordern. „Der Westen muss jetzt seine moralischen Werte verteidigen“, fordert Giehren-Mittler. Glück im Unglück sei, dass jeder nun das wahre Gesicht des „lupenreinen Demokraten“ kennt.

von Tim Gabel

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