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Pioniergeist zahlt sich bis heute aus

Fleckenbühl Pioniergeist zahlt sich bis heute aus

Die Fleckenbühler werden 30 Jahre alt: 1984 begann die Erfolgsgeschichte der renommierten Suchthilfeorganisation im beschaulichen Schönstadt - mit der Übernahme eines maroden Hofes, der vielen bis heute eine Heimat ist.

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Zwei Generationen aus der Fleckenbühler Geschichte an einem Tisch: Ingrid Kaftan zog als Frau der ersten Stunde nach Schönstadt und blieb, Philipp Pietsch erarbeitet sich sein drogenfreies Leben gerade auf dem Hof.Foto: Michael Agricola

Schönstadt. Die Geschichte der Fleckenbühler geht auf eine 1971 in Berlin gegründete Suchthilfegemeinschaft zurück, die 1975 in Synanon umbenannt wurde. Die Gründer der Fleckenbühler waren damals schon dabei und zogen mit neun Erwachsenen und drei Kindern von Berlin auf den Hof Fleckenbühl.

Der Anfang war hart, ein wenig wie Pionierarbeit, erinnert sich Gründungsmitglied Ingrid Kaftan, die den Fleckenbühlern in Schönstadt bis heute treu geblieben ist. Denn die Großstädter kamen mitunter mit sehr romantischen Vorstellungen vom Landleben und der Arbeit auf einem Bauernhof und mussten sich viele Fertigkeiten erst neu aneignen. Nach anfänglicher Skepsis kam aus der Dorfgemeinschaft schnell Hilfe und Unterstützung, erinnert sich die 76-Jährige.

Und die Gemeinschaft warf sich mit allem, was sie hatte, in die Arbeit, restaurierte nach und nach die Gebäude und Stallungen, schaffte Tiere an, übernahm die Arbeit auf dem Feld und richtete diese nach den Richtlinien der biologisch-dynamischen Landwirtschaft aus. Das alles war Mittel, um dem Hauptzweck des Vereins, der Suchthilfearbeit, zu dienen. Aber, wie Ingrid Kaftan sagt, alle haben - trotz einfachster baulicher Verhältnisse - mit großer Begeisterung angepackt. Weil es darum ging, etwas eigenes Neues aufzubauen: „Ich habe den Hof sofort als unseres angesehen. Es war gleich mein Zuhause.“

Heute sind die Fleckenbühler mit der Gemeinschaft der Anfangsjahre allein aufgrund ihrer Größe kaum noch zu vergleichen. Der Verein unterhält neben dem Schönstädter Hof mit Landwirtschaftsbetrieb, Käserei, Bäckerei, Umzugsservice und Keramikwerkstatt ein Suchthilfehaus in Frankfurt und eine Jugendhilfeeinrichtung im Schwalm-Eder-Kreis sowie zugehörige Verkaufsläden für die eigenen Produkte.

Über die 30 Jahre haben auf dem Hof geschätzt etwa 15000 suchtkranke Menschen Hife gesucht. Viele sind dort abstinent geworden und haben sich dort oder anderswo ein neues drogenfreies Leben aufgebaut. Einem erheblichen Teil der Ankommenden gelingt dies nicht, so Fleckenbühl-Sprecher Marcus Heil, der vor vielen Jahren selbst in Schönstadt clean wurde. Wie die meisten der Fleckenbühler, die in Leitungspositionen tätig sind, hat auch Heil am eigenen Leib erfahren, was Sucht bedeutet und was es bedeutet, davon wieder wegzukommen. Von denen, die kommen, geben auch heute noch zwei Drittel in den ersten Wochen und Monaten auf. Manche geraten wieder in den Sog der Drogen, manche sterben an der Sucht, manche kehren aber auch zurück und wagen einen zweiten Versuch.

Wie der 21-jährige Philipp Pietsch. Beim ersten Mal hatte ihn der Jugendrichter vor die Wahl gestellt: Entziehung oder Knast. Er kam nach Schönstadt, stand aber selbst, wie er heute weiß, noch nicht hundertprozentig hinter der Sache.

Er ging nach eineinhalb Jahren, acht Monate später wurde er rückfällig. Er habe das, was Fleckenbühl ihm bot, nicht so richtig wertgeschätzt, es war zuallererst ein Weg, die Gefängnisstrafe zu vermeiden. „Ich hatte hier irgendwann das Gefühl, ich verpasse draußen etwas.“ Die Folge: Er ging viel zu früh, kam aber noch rechtzeitig wieder zurück. Und will seine zweite Chance auf dem Hof mit aller Macht nutzen, wie er betont. Derzeit arbeitet er in der Käserei, hat die Aussicht, dort auch eine Ausbildung zu machen.

Wer Erfolg haben will, das wissen Ingrid Kaftan und Marcus Heil, muss Geduld und Kraft mitbringen. Jeder, der hierher kommt, wünscht sich ein besseres Leben, ein Leben ohne Drogen und den ständigen Druck, dies finanzieren zu müssen. Aber mancher mache sich Illusionen. Um vier oder fünf Jahre Drogenkonsum hinter sich zu lassen, braucht es mehr als ein Jahr. Ein kurzer Aufenthalt reiche in aller Regel nicht.

An diesem Wochenende feiern ehemalige und aktuelle Fleckenbühler ihr Vereinsjubiläum in Schönstadt unter sich.

Bei den nächsten öffentlichen Terminen, beim „Offenen Haus“ am 27. September und am 25. Oktober, können sich dann alle Besucher in Bild, Ton und Gesprächen über die Anfänge der Fleckenbühler auf dem Schönstädter Hof und natürlich über die Arbeit, die dort heute geleistet wird, informieren.

von Michael Agricola

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