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Patrone und Hakenkreuzfahne im Jugendzimmer

Aus dem Gericht Patrone und Hakenkreuzfahne im Jugendzimmer

Zu 100 Arbeitsstunden verurteilte Richter Thomas Rohner einen ehemaligen Lahntaler Bundeswehrsoldaten, der Patronen vom Übungsplatz nach Hause mitgenommen hatte. Eine davon sei auch scharf gewesen.

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Die meiste Munition, die der Angeklagte mitnahm, soll aus Übungsmunition, ähnlich dieser Platzpatrone, bestanden haben, aber mindestens eine Hülse enthielt auch ein Geschoss.

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Bei einer Wohnungsdurchsuchung im vergangenen Herbst war in dem Zimmer des damals 20-Jährigen, der noch im Elternhaus wohnt, neben rechtsradikalen Utensilien wie einer Hakenkreuzfahne Übungsmunition gefunden worden, darunter auch eine „Hülse mit Treibladung, die ein Geschoss enthielt“. Umgangssprachlich ausgedrückt also eine „scharfe Patrone“.

Zwar räumte der wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz Angeklagte den Besitz von Munition insgesamt ein, beteuerte aber, diese sei nicht mehr zum Verschießen geeignet gewesen. Jedoch unterstrich Richter Thomas Rohner, dass man das weder bei der Verhandlung feststellen könne noch dass dies von Bedeutung für das Urteil sei.

Mit der Verurteilung zu 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit folgte er dem Antrag des Staatsanwalts. Dieser hielt die Anwendung des milderen Jugendstrafrechts für angemessen. Als strafverschärfend sah er jedoch an, dass der Jugendliche bereits mehrfach strafrechtlich aufgefallen war.

Seit 2008 hatte es drei Verfahren gegen ihn gegeben, unter anderem wegen eines Wohnungseinbruchs in Dillenburg und zuletzt im Oktober 2011 wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung. Alle waren eingestellt worden. Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe meinte: „Ein Denkzettel wäre angemessen.“

Der Pflichtverteidiger erklärte, er könne sich dem Plädoyer des Staatsanwalts im Großen und Ganzen anschließen. Der Angeklagte habe sich noch nicht wirklich wie ein Erwachsener benommen. Er wisse nur, dass der Angeklagte im früheren Zimmer seines Bruders wohne und viele der rechtsradikalen Gegenstände sich schon vorher darin befunden hätten. Der Vater habe den Rechtsanwalt bereits gefragt, ob man diese Dinge nicht entfernen könne, aber er habe sich nicht durchsetzen können. „Der Angeklagte sagte mir, dass er mit der rechten Szene nichts mehr zu tun habe, sonst wäre ich heute nicht hier“, betonte der Anwalt.

Nach dem Schulabschluss habe der Angeklagte zunächst vergeblich eine Lehrstelle gesucht und sei dann für eineinhalb Jahre zur Bundeswehr gegangen. Dort wäre er auch gerne länger geblieben, aber das habe er sich, wie er vor Gericht eingestand, „selbst versaut“. Jetzt ist er wieder auf Lehrstellensuche.

Die Tat, das Mitnehmen von Übungsmunition und Kartuschen, sah Richter Rohner als „eher noch jugendtypisch“ an. Damit machte er sich nach Paragraf 53, Absatz 2 des Waffengesetzes strafbar. Neben dem Ableisten der Arbeitsstunden auf Weisung des Jugendamts innerhalb von drei Monaten muss der Angeklagte, der 700 Euro Arbeitslosengeld erhält, auch die Verfahrenskosten tragen. Staatsanwalt und Verteidiger verzichteten auf das Einlegen von Rechtsmitteln.

von Manfred Schubert

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