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Ohne Medikamente kommt es immer wieder zum Knall

Aus dem Gericht Ohne Medikamente kommt es immer wieder zum Knall

Ein zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe verurteilter Mann aus Wetter geht vor dem Landgericht in Berufung. Dieses veranlasst vor der Entscheidung ein psychiatrisches Gutachten.

Marburg. Das Urteil lautete zwei Jahre und zwei Monate Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Dagegen legte der 20-jährige Verurteilte Berufung bei der Jugendkammer des Marburger Landgerichts ein. Ihm waren unter anderem schwere Körperverletzung, Diebstahl, Sachbeschädigung, Vortäuschen einer Straftat und Sachbeschädigung vorgeworfen worden. Insgesamt stand er wegen 14 strafrechtlichen Fällen vor Gericht. Der junge Mann ist dort kein Unbekannter. Seine Vorstrafenliste ist lang. 2009 wurde er bereits wegen vorsätzlicher Körperverletzung, Diebstahl und Beleidigung zu Jugendarrest verurteilt. Anfang 2011 stand er erneut vor Gericht und bekam Arbeitsstunden sowie eine psychologische Beratung auferlegt. Da er dieser jedoch nicht nachkam, wurde mit zweiwöchigem Dauerarrest bestraft.Im gleichen Jahr kamen wiederum Fälle von vorsätzlicher Körperverletzung, Betrug und unerlaubter Schusswaffengebrauch hinzu. Er kam noch mal mit einer achtmonatigen Bewährungsstrafe sowie Arbeitsstunden davon, die er jedoch nicht ableistete. Die Straftaten hielten weiter an. Im vergangenen Jahr standen erneut mehrfach Betrug, Einbruch, Drogenmissbrauch, Diebstahl, Fahren ohne Fahrerlaubnis und Sachbeschädigung auf der Anklageliste. Zudem schoss er mit einer Waffe auf vorbeigehende Passanten, verletzte diese leicht und zerschoss Fensterscheiben. Aufgrund seiner letzten Taten wurde er Ende 2012 zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt. Laut Protokoll der Verhandlung konnte das Gericht damals „nicht einmal ansatzweise eine positive Sozialprognose beim Angeklagten erkennen“, weswegen von einer erneuten Bewährungszeit abgesehen wurde. „Was sollen wir denn nun anders machen?“, fragte Richter Dr. Thomas Wolf den Angeklagten. Nachdem dieser etwas ratlos nach Worten suchte, verwies sein Anwalt auf die problematische Lebenssituation seines Mandanten während der letzten Zeit. Teilweise sei er Anfang des Jahres obdachlos gewesen und leide seit Jahren an einer psychischen Belastungsstörung. Aufgrund dessen habe er lange Beruhigungsmittel nehmen müssen, diese aber im Jugendalter abgesetzt und war nicht mehr regelmäßig zum Arzt gegangen. Beziehung soll Halt geben Im Laufe der Verhandlung kam heraus, dass er die Straftaten während der Zeit verübte, in der er keine Medikamente nahm. Auch nach der jüngsten Verurteilung war er wieder auffällig geworden.Seine Situation habe sich seitdem jedoch geändert, betonte die Verteidigung. Er habe mittlerweile mit Hilfe des Kreisjobcenters eine Wohnung gefunden, die er sich mit seiner Freundin teile. Diese ist zudem hochschwanger. Im Mai soll das Kind geboren werden. Aufgrund dieser neuen Umstände hofft die Verteidigung auf eine mildere Strafe für den Angeklagten. „Ich will für meine Freundin und mein Kind da sein“, erklärte der Beschuldigte vor Gericht. Sein Anwalt betonte, dass die Verantwortung einer eigenen Familie gegenüber ihn sicher von weiteren Straftaten abhalten werde. Richter Dr. Wolf wollte von ihm wissen, wie es überhaupt zu der langen Palette von insgesamt fast 50 Straftaten gekommen sei? Eine genaue Antwort konnte der Beschuldigte jedoch nicht geben. Es sei wohl der falsche Umgang mit den falschen Leuten gewesen. Zudem sei der Mann aufgrund der Belastungsstörung nicht in der Lage, mehrere Probleme auf einmal zu verkraften oder zu lösen, betonte die Verteidigung. „Ich hatte immerzu Stress und habe schlechte Dinge getan, aber ich merke, dass die Tabletten geholfen haben“, sagte der Angeklagte. In ärztlicher Behandlung befindet er sich zurzeit nicht. Er würde auch gerne arbeiten, habe jedoch die Schule abgebrochen und keinen Abschluss. Ohne Hilfe würde er diesen im Moment auch nicht bewältigen können, gab er zu. Nach wie vor befindet sich der Mann aufgrund vergangener Straftaten innerhalb einer Bewährungsfrist. Seine Bewährungshelferin gab an, dass die Zusammenarbeit mit dem Angeklagten am Anfang, in Zeiten der Not, gut geklappt habe. Später jedoch habe er sich unerlaubterweise überhaupt nicht mehr gemeldet und sei unbekannt verzogen. Er habe vergessen, dass er überhaupt eine Bewährungshelferin habe, erklärte der Beschuldigte wenig glaubhaft dem Gericht. „Ich bin etwas ratlos. Sie erscheinen nicht wie ein Schwerverbrecher, aber ihre Strafliste ist beeindruckend“, wunderte sich Richter Dr. Wolf. Zudem zeige sich der Verurteilte nicht besonders beeindruckt von juristischen Konsequenzen. Der Richter wies erneut darauf hin, dass der junge Mann regelmäßig Medikamente nehmen sollte. „Ich bekomme das alleine nicht hin, ich brauche Antrieb von außen“, sagte dieser. Solcherlei Hilfe sei im Gefängnis auf jeden Fall gewährleistet, betonte das Gericht. Es kam zu dem Schluss, dass es hier an „ausreichender diagnostischer Beurteilung des Gesundheitszustandes des Angeklagten“ fehle. Daher wurde ein psychiatrisches Gutachten angefordert. Die Verhandlung ist bis zu dessen Ergebnis vertagt.

von Ina Tannert

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