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Nur ein Jogger bringt Zeitplan durcheinander

Fliegerbombe entschärft Nur ein Jogger bringt Zeitplan durcheinander

Der Aufwand rund um die für gestern vorgesehene Bombenentschärfung war immens, die Sicherheitsvorkehrungen umfassend. Letztendlich lief alles glatt. Nicht zuletzt, weil alle Beteiligten einen guten Job machten.

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Die Bombe vor ihrer Entschärfung.

Quelle: Tobias Hirsch

Göttingen. Eine 500-Kilo-Bombe haben die Feuerwerker vom Kampfmittelräumdienst beim Regierungspräsidium Darmstadt nicht jeden Tag zu entschärfen. Zuletzt hatten sie aber gut zu tun: Die gestrige Bombe war innerhalb von nur 14 Tagen die siebte Fliegerbombe amerikanischer Herkunft, die sie entschärften.

Im Lahntal wurde am Dienstag erfolgreich eine Bombe entschärft.

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Die Bombe bei Göttingen war dabei die mit Abstand größte. Sehr ungewöhnlich waren zudem die Arbeitsvoraussetzungen. Die Bombe lag nicht nur an einem Steilhang, sondern auch noch in einer Tiefe von zwei Metern.

Das bedeutete, sie musste in mühsamer Handarbeit freigelegt werden. Dazu wurden zwei Tage benötigt. Von der Entdeckung bis zur erfolgreichen Entschärfung und Bergung der Bombe vergingen dennoch nur sieben Tage. In dieser Zeit organisierten und koordinierten die verschiedenen benötigten Einsatzkräfte die Vorarbeiten und den Ablauf des gestrigen Tages.

Arbeit ist nur zu einem Teil Routine

Die Bombe, die über einen Kopf- und einen Bodenzünder verfügte, wurde nach ihrer Freilegung an den Zündern mit Kriechöl behandelt, um das ferngesteuerte Abdrehen der Zünder zu erleichtern, berichtet Dieter Schwetzer, der die Entschärfung mit seinen Kollegen Rene Bennert und Mathias Albin vornahm.

Zur Entschärfung brachten sie jeweils Raketenklemmen mit zwei Kartuschen an, die ferngesteuert elektrisch gezündet wurden. Dadurch lösten sich die Zünder gegen den Uhrzeigersinn. „Der Bodenzünder ist sogar komplett rausgefallen“, erzählt Schwetzer.

Die Arbeit, die er und seine Kollegen machen, ist nur zu einem Teil Routine, zum anderen Teil jedes Mal eine große Herausforderung, „weil sich jedes Mal eine andere Situation ergibt“, so Schwetzer. Auch wenn ein gewisses Restrisiko immer bestehen bleibt, achten die Männer auf die größtmöglichste Sicherheit für sich und alle übrigen Beteiligten. Von daher werden die Schritte zur Entschärfung haarklein geplant.

„Wir setzen zunächst einmal ein Stunde für die Entschärfung an, halten uns nach hinten aber alle Wege offen.“ Schwetzer entschied auch, den Sicherheitsradius auf einen Kilometer auszudehnen, was schließlich die Evakuierung von Göttingen und Sarnau-Bahnhof zur Folge hatte. „Bei einer Bombe dieses Kalibers sind 300 Meter wie zuletzt in Marburg, wo es sich um eine 50-Kilo-Bombe handelte, einfach zu gering“, begründet er seine Sicherheitsentscheidung.

Die wurde offensichtlich von den Göttingern akzeptiert. Das Dorf wirkte nach 8.30 Uhr wie ausgestorben, bei vielen Häusern wurden vorsorglich die Rollläden heruntergelassen um die Fenster zu schützen. Polizei und Ordnungsamt gingen von Haus zu Haus und kontrollierten, ob noch Menschen Hilfe benötigten.

Flüchtlinge nehmen Angebot der Gemeinde an

Die Gemeinde Lahntal hatte einen Fahrdienst zum Haus am Wollenberg organisiert, wo sich jene Bürger aufhalten konnten, die keine Beschäftigung oder Bleibe für die nächsten Stunden gefunden hatten. Im Großen und Ganzen flog ganz Göttingen aus. Wer nicht sowieso zur Arbeit musste, gönnte sich mitunter in Marburg mal ein ausgiebiges Frühstück oder unternahm einen Einkaufsbummel.

Im Haus am Wollenberg hielten sich die in Göttingen wohnenden Flüchtlinge auf, die keine andere Möglichkeiten hatten. Die Kinder spielten in der Halle mit Sportgeräten, für die Erwachsenen gab es neben einer guten Verpflegung unter anderem den kurzerhand nach Sterzhausen verlegten regulären Deutschunterricht.

Gut verpflegt wurden auch die Einsatzkräfte, die sich zur Bereitschaft und nach getaner Arbeit am Feuerwehrstützpunkt Goßfelden versammelten. Neben Feuerwehrleuten und Polizisten auch Vertreter von Hessen Forst und Mitglieder der Bereitschaft Wetter des Deutschen Roten Kreuzes.

Nachricht über erfolgreiche Arbeit verbreitet sich schnell

Lahntals Hauptamtsleiter Florian Sauermann, Stefan Gimbel von der Gemeinde Cölbe, Kreisbrandinspektor Lars Schäfer und Lahntals Gemeindebrandinspektor Thomas Rösser lobten die gute und unaufgeregte Zusammenarbeit. Diesem Lob konnte sich später auch Cölbes Gemeindebrandinspektor Volker Vincon anschließen, der zuvor mit anderen Feuerwehrleuten aus der Großgemeinde vorsorglich eine Schlauchleitung von der Lahn zum Bombenfundort verlegte, für den Fall, dass eine kontrollierte Sprengung notwendig werden sollte.

Trotz der akribischen Vorarbeit zur Sicherheit der Menschen, kam der Zeitplan am Vormittag kurz nach Beginn der Entschärfungsarbeiten einmal kurz zum Erliegen, weil sich ein Jogger versehentlich in der Sicherheitszone befand. Er konnte aber schnell gefunden werden.

Kurz nach 12 Uhr verbreitete sich schnell die Nachricht, dass die Bombe erfolgreich entschärft wurde. Sofort wurden die Straßensperrungen aufgehoben, der Bundesstraßen-Alltagsverkehr rollte wieder. Die ersten Einsatzkräfte konnten dann auch wieder abrücken.

Allein auf einem Plateau fern ab der Öffentlichkeit, oberhalb der Gastronomie Kyffhäuser, direkt am Waldrand wartete ein Wagen auf die Bombe zum Abtransport. Damit sie dort hin gelangen konnte, wurde sie noch einmal für einen Flug vorbereitet. Ein Hubschrauber nahm sie dann an einem Seil auf und brachte sie sicher auf das Plateau.

von Götz Schaub

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