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Namen auf Stolpersteinen bekommen Gesichter

Gedenktafel für jüdische Familien Namen auf Stolpersteinen bekommen Gesichter

Auf dem Dorf kannte früher ganz sicher jeder jeden. Um so erstaunlicher, dass in Nazi-Deutschland Menschen direkt aus der Dorfgemeinschaft gerissen werden konnten, nur weil sie jüdischen Glaubens waren.

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Ein Foto aus den guten alten Tagen zeigt den noch jungen Isidor Wertheim (Mitte) mit Familienangehörigen in Bürgeln. Unten im Text: Seine spätere Tochter Irmgard, die heute noch in den USA lebt; Erich Wertheim, Isidors Sohn, fiel im Krieg als US-Soldat und Frieda Wertheim starb im NS-Lager Treblinka.

Quelle: Privatfotos

Bürgeln. Der Bürgelner Hans Junker hat in diesem Jahr seine aufgearbeitete Geschichte jüdischer Familien, die während der Herrschaft der Nazis in Deutschland Bürgeln verlassen mussten, vorgestellt. Vor drei Anwesen in Bürgelns Ortskern verlegte Anfang Mai der Kölner Bildhauer Gunter Demnig gleich 13 seiner in ganz Deutschland bekannten Stolpersteine, die jeweils an das Schicksal der ehemaligen jüdischen Hausbewohner erinnern sollen. Demnig nahm damals keine Rücksicht auf die schlechten Wetterbedingungen, er arbeitete seelenruhig bei strömenden Regen einen Stein nach dem anderen in den extra dafür aufgeschnittenen Asphalt der Gehwege ein.

Damit war für Junker das Thema aber noch nicht abgeschlossen. Schließlich hatte er doch sehr viel Material über die Menschen zusammengetragen und auch Fotos. Historische von jenen, die durch die Nazis ihr Leben verloren, aber auch neue, nämlich Fotos von jener Juden, die dem Nazi-Rassenwahn entkommen konnten, und deren Nachfahren. Grund genug, die Geschichte, die auf den Stolpersteinen mit Jahreszahlen angedeutet wird, etwas zu vertiefen und noch dichter visuell erlebbar zu machen. So entstand die Idee zu einer Gedenktafel, die in der Mehrzweckhalle, konkret an der Wand links des Besprechungsraumes angebracht werden soll. Dazu brachte der Gemeindevorstand in der letzten Sitzung des Jahres des Cölber Gemeindeparlaments einen Dringlichkeitsantrag ein, mit der Bitte, diesem Vorhaben zuzustimmen.

Warum war es jetzt so eilig? Weil die nächste Sitzung der Parlamentarier erst am 9. Februar stattfindet, die Tafel aber am 27. Januar, am Jahrestag der Befreiung  des Konzentrationslagers Auschwitz, angebracht werden soll. Die Kosten für die Erstellung der Tafel werden dabei allein über Spenden gedeckt.

Quellenmäßig belegt lebten auf jeden Fall seit 1660 Menschen jüdischen Glaubens in Bürgeln. Die Gedenktafel beschäftigt sich ausschließlich mit jenen zwei Familien, die zur Zeit der Machtübernahme Adolf Hitlers, also 1933 in dem Ort wohnten: Wertheim und Heß. Beide Familien waren voll in der Dorfgemeinschaft integriert, sprachen wie alle Einheimischen das Bürgelner Platt. Albert Heß und Isidor Wertheim hatten beide für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft. Das alles zählte nicht mehr, als die Nazis das Ruder übernahmen.

Die Juden wurden schikaniert, bedroht und aus der Dorfgemeinschaft ausgestoßen. Den meisten Familienmitgliedern gelang es noch rechtzeitig, Deutschland in Richtung USA und England zu verlassen. Selbst Isidor Wertheim, der 1938 vorübergehend in das Konzentrationslager Buchenwald kam und dort schwer misshandelt wurde, gehört zu jenen, die 1939 fliehen konnten. Vier Frauen aus der Familie Wertheim, die in Bürgeln geboren und aufgewachsen waren, erwartete ein anderes Schicksal. Sie wurden von den Nazis gefangen genommen und fanden schließlich 1942 im Lager Treblinka den Tod. Isidor Wertheim erlitt, nachdem er vom Tod der vier Frauen und darüber hinaus  vom Tod seines Sohnes Erich gehört hatte, einen Herzinfarkt und verstarb mit 54 Jahren.

von Götz Schaub

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