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Mutter-Tochter-Verhältnis im Blickpunkt

Gericht Mutter-Tochter-Verhältnis im Blickpunkt

An zwei Verhandlungstagen suchte die 6. Strafkammer des Landgerichts diese Woche nach den Umständen des tödlichen Familienstreits in Wetter. Zutage kam bislang viel „Hörensagen“, aber wenig „Miterlebtes“.

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Die angeklagte Tochter vor Prozessbeginn.

Quelle: Tobias Hirsch

Wetter. Was spielte sich am frühen Abend des 24. September 2010 im Haus des Opfers ab? Nach einem guten Dutzend Zeugenaussagen im Wetteraner Totschlagsprozess festigt sich ein Eindruck: Nichts hat unmittelbar auf eine solche Bluttat hingedeutet, doch das Verhältnis zwischen dem Opfer, der 56-jährigen Mutter, und ihrer ältesten Tochter, hatte sich in den Wochen vor der Tat erheblich verschlechtert.

Ungetrübt scheint es lange nicht mehr gewesen zu sein – vielleicht war es das auch nie. Mehrere Zeugen stimmten darin überein, dass die Mutter mit ihrer ältesten Tochter „nicht zufrieden“ war, „dass sie ihr nie gut genug“ war, wie sich eine frühere Lehrerin der Angeklagten erinnerte. Die Kritik konnte dabei auch undiplomatisch direkt, auch verletzend, ausfallen, so andere Zeugen.

Immer wieder wurde aber auch gesagt, dass sich die 56-Jährige sorgte und für ihre Kinder etwas erreichen wollte. Gerade die Angeklagte, die in den Monaten vor der Tat wieder bei ihr im Haus wohnte, und sich in ihrem Zimmer offenbar zunehmend abschottete und häufig Fantasy-Spiele am Computer spielte, habe sie zuletzt immer wieder aus ihrer Lethargie reißen wollen, etwa mit gemeinsamen Fahrradausflügen. Eine andere Zeugin hingegen hatte den Eindruck, dass die Tochter eher unerwünscht gewesen sei.

„Gewaltpotenzial“ erkannte der ehemalige Lebensgefährte des Opfers in der späteren Täterin einige Monate vor dem tödlichen Streit, als er von der 56-Jährigen zu Hilfe gerufen wurde. Nur dieses eine Mal, wie er auf Nachfrage der Verteidigung feststellte.

Er fand damals nach seinen Worten im Zimmer der Tochter die heute 30-Jährige auf ihrer Mutter knieend und ihre Handgelenke festhaltend. Er habe die Tochter von der Mutter heruntergezogen und ihr eine Ohrfeige gegeben.

Die Angeklagte schilderte die Situation anders. Nach ihren Worten sei die Mutter damals wutentbrannt in ihr Zimmer gekommen und hatte ihr vorgeworfen, sie habe das Klavier kaputtgemacht. Im zunächst verbal geführten Streit sei die Mutter schließlich schlagend auf die Tochter losgegangen, sodass sie sie habe festhalten müssen.

Wie bei der Tatschilderung, gibt es hier aus erster Hand nur die Version der Angeklagten, deren Wahrheitsgehalt mangels Zeugen genausowenig zweifelsfrei überprüfbar ist wie die vor Gericht wiedergegebenen Erzählungen der Mutter.

Nachdem die gerichtsmedizinische Untersuchung die Version der Angeklagten nur in Teilen bestätigt hat – demnach war ein Erwürgen mit den Händen beziehungsweise das Erdrosseln der hilflosen Person mit einem Gegenstand tödlich, was die 30-Jährige abstreitet –, sind in den Zeugenaussagen das Verhältnis der Mutter zu ihren Töchtern ein weiterer wichtiger Baustein in einem Puzzle, das das Gericht am Ende des Prozesses zusammenfügen muss.

von Michael Agricola

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