Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Träger sollen jetzt miteinander reden

Parlament Münchhausen Träger sollen jetzt miteinander reden

Die Erweiterung der Öffnungszeiten um zwei Stunden von 33,5 auf 35,5 Wochenstunden in der Kindertagesstätte Oberasphe ist nun Fakt. Der Stundenumfang des Personals bleibt dabei gleich.

Voriger Artikel
Ein Feuer, ein Unfall und Menschen in Not
Nächster Artikel
„Ein Moor ist keine Badewanne“

Der evangelische Kindergarten Oberasphe der Landeskirche Hessen-Nassau (rechter Eingang) liegt direkt neben dem Bürgerhaussaal (links).

Quelle: Gemeinde Münchhausen

Münchhausen. Der geneigte außenstehende Leser mag jetzt denken, okay, zwei Stunden mehr, was ist daran so wichtig, dass es hier ganz prominent als Titelgeschichte verkauft wird?  Die Frage ist sicher berechtigt. Wer aber den Brief gelesen hat, den Pfarrerin Michaela Frischholz im Juni an die Eltern der Oberaspher Kindergartenkinder geschrieben hat, der wird es verstehen. Denn im Juni sah eine Beschlussvorlage des Münchhäuser Gemeindevorstandes vor, dieser Erweiterung der Öffnungszeiten nicht zuzustimmen. Es standen schließlich bei schon enormem Defizit, das die Gemeinde zu tragen hat, weitere Mehrkosten für die Kommune in Höhe von 4 400 Euro jährlich im Raum.

Frischholz sah in der Ablehnung eine drohende Katastrophe. Sie führte aus: „Die Ablehnung der Erweiterung hätte für unsere Einrichtung gravierende Konsequenzen, die letztendlich die Aufgabe des Kindergartens zur Folge hätte.“

Hintergrund

Der Grund für die Erweiterung der Öffnungszeiten um zwei Stunden ist beim Kinderförderungsgesetz (KiföG) zu finden, das Betreuungsmodule vorsieht, die die Öffnungszeiten nach Betreuungszeiten kategorisiert. Je nachdem, in welche Kategorie man fällt, ändern sich die Zuschüsse vom Land Hessen. Was in Oberasphe jedoch enorme Kopfschmerzen verursachte, war die Tatsache, dass mit jeder Kategorie auch ein bestimmtes Kontingent von Erzieherinnenstunden verbunden ist. Und da wird es dann kompliziert. Pfarrerin Frischholz erklärte es so: „Jedem Kind über drei Jahren stehen in Hessen 0,07 Erzieher zur Verfügung. Bei 20 Kindern über 3 Jahren ergäben sich also 1,4 Erzieherinnen. Da allerdings bei einer eingruppigen Einrichtung immer zwei Erzieher anwesend sein müssen, liegen wir also immer ca. eine halbe Erzieherinnenstelle drüber und brauchen deshalb mehr Erzieherinnenstunden. Durch einzukalkulierende Fehl- und Urlaubszeiten, Vorbereitungs und Verwaltungszeiten liegen wir in unserer derzeitigen Kategorie deshalb sehr deutlich über den uns zustehenden Stunden. Es geht aber nicht anders, denn es müssen ja immer zwei Erzieherinnen da sein. Wir verbrauchen deshalb deutlich mehr Personalstunden, als uns rein rechnerisch zustehen, derzeit ca. 25 Stunden wöchentlich mehr.“

Da die wiederum verbindlich wieder abgebaut werden müssen, kann die Folge nur die Reduzierung der Öffnungszeiten der Kindertagesstätte sein. Frischholz nannte 13 Uhr als späteste Schließungszeit. Und das wiederum hätte Auswirkung auf das Mittagstisch-Angebot, das dann nicht mehr aufrecht zu halten gewesen wäre. Ohne Mittagessen hätte sich der Kindergarten nicht nur von der Lebenswirklichkeit der Familien entfernt. „Wir hätten dann auch das Regelbetreuungsmodul, mit dem uns noch weniger Stunden und Zuschüsse zustünden“, so Frischholz.

So würde der Kindergarten komplett seine Attraktivität verlieren – und das führe unweigerlich zur Schließung der Einrichtung.

Rums, das saß und machte die Eltern mobil, für die Belange ihres Kindergartens im Ort zu kämpfen. Nun, noch vor der Sommerpause zeichnete sich ein anderes Bild ab, weil es der Pfarrerin gelungen war, dem Münchhäuser Parlament aufzuzeigen, dass die Erweiterung der Öffnungszeit auch ohne zusätzliche Kosten für die Gemeinde erreicht werden kann, so dass die Parlamentarier die Entscheidung noch einmal verschoben. 

Zur Sitzung am Dienstagabend lag den Parlamentariern ein neuer Beschlussvorschlag vor, nach dem vom Gemeindevorstand um Zustimmung, nicht mehr um Ablehnung, gebeten wurde. Und es wurde zugestimmt, und zwar einstimmig. Dass das wirklich passiert, davon wollten sich dann doch gut 20 Sitzungsgäste, darunter Pfarrerin Frischolz, die Erzieherinnen und Eltern von Oberaspher Kindergartenkindern, live überzeugen Johannes Wagner von der CDU-Fraktion sagte: „Es war sicher eine hohe Erwartungshaltung bei den Eltern vorhanden, als noch vor der Sommerpause kurzfristig andere Zahlen auf den Tisch kamen, die für die Gemeinde keine Mehrkosten mehr bedeutet hätten. Trotzdem war es richtig, die Entscheidung zu verschieben und nicht aus dem hohlen Bauch heraus zu entscheiden, ohne das alles ausreichend nachvollzogen zu haben.“

Und er sagte auch in Richtung drohende Schließung eines Kindergartens, ohne eine Einrichtung speziell anzusprechen: „Generell bleibt das Problem vorhanden, wenn die Kinderzahlen weiter fallen. Auch wenn Eltern sagen, es dürfe nicht bei jeder Entscheidung nur ums Geld gehen, müssen wir als Parlamentarier uns aber genau darum kümmern, weil es bei allen Entscheidungen ums Geld geht.  Und das unsozialste, was wir tun können, ist Schulden auf Kosten derer zu machen, denen wir jetzt mit den Kindergärten was Gutes tun wollen.“ Der Beschluss besteht übrigens noch aus mehr, als nur die Öffnungszeiten zu erweitern. So wird im Beschluss auch der Willen zum Ausdruck gebracht, dass der kirchliche Träger für die neuen Betreuungszeiten einen Elternbeitrag von 120 Euro einfordert, analog zu den anderen beiden Kindertagesstätten und zusätzlich 25 Prozent mehr für U-3-Kinder zu verlangen. Michael Haubrok-Terörde von der Unabhängigen Grünen Liste (UGL) mahnte an, dass sich jetzt alle drei Träger, die beiden Landeskirchen und der Verein Kinder sind unsere Zukunft, an einen Tisch setzen müssen, um ein Gesamtkonzept zu erarbeiten, wie auch bei sinkenden Betreuungszahlen die Infrastruktur aufrechterhalten werden kann.

Kindergärten benötigen neues Konzept

Laut Beschluss sollen die drei Träger klären, ob und in welchem Umfang künftig an welchem Standort welches Angebot vorgehalten werden soll, ob alle drei Einrichtungen alle Leistungen weiterhin anbieten können oder sollen, egal wie hoch die Kosten sind, oder ob eine Zusammenlegung einzelner oder mehrerer Einrichtungen angestrebt oder Gruppen reduziert oder gar eine Einrichtung geschlossen werden soll.

Hans-Martin Seipp von der SPD  weiß um die Wichtigkeit dieser Fragen, stellte aber auch eine andere in den Raum: „Wir müssen klären, ob wir nur aus einem Kostendruck heraus es zulassen wollen, dass die Ortsteile ihre wichtigen Infrastruktureinrichtungen verlieren? In Hessen werden Kita-Plätze künftig fehlen.“

Darin sieht auch Wolfgang Henseling von der CDU eine Chance: „Wir haben den Platz und brauchen mehr Kinder.“ Man müsse alles unternehmen, für mehr Zuzug zu sorgen. „Alles andere gibt nur eine Bauchlandung, nur junge Familien mit Kindern werden uns retten.“

von Götz Schaub

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr