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Hessen, das Land der vielen Sagen

Gebrüder Grimm Hessen, das Land der vielen Sagen

Die Gebrüder Grimm sind vor allen Dingen für ihre Märchen bekannt. Was viele nicht wissen: Es gibt auch Grimmsche Sagensammlungen. Und die haben in der hessischen Geschichte an großer Bedeutung gewonnen.

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In Kassel steht ein Denkmal der Brüder Grimm.

Quelle: Uwe Zucchi / dpa

Münchhausen. Für die Gebrüder Grimm spielte das Marburger Land eine große Rolle. Dort lebten und studierten sie nicht nur zeitweise, dort hörten sie auch von einer Frau, die schon Clemens Brentano Märchen erzählt hatte, im Jahre 1810 das Märchen Aschenputtel. Im Marburger Land gab es aber auch – ebenso wie im restlichen Hessenland – sehr viele Sagen. ­Denen widmeten die Gebrüder Grimm sich schon bald, nachdem sie ihre Märchensammlungen veröffentlicht hatten.

Der Historiker Dr. Siegfried Becker (Archivbild) befasst sich intensiv mit der Arbeit der Brüder und hat in einem Vortrag in Münchhausen von den Sagensammlungen berichtet, die 1816 und 1818 erschienen. Mit diesen Sagensammlungen nahmen die beiden Brüder großen Einfluss auf viele weitere Autoren, Sammler und Patrioten. „Es gab viele Fälle von Nachahmern“, sagte­ Becker. „Fast nirgendwo gab es im 19. Jahrhundert so viele Sagenbücher wie in Hessen.“

Wilhelm Grimm kam laut Becker bereits 1810 zum ersten Mal mit Pfarrer Bang aus Goßfelden in Kontakt. Dieser verschaffte den Gebrüdern Grimm vier Sagen aus dem Marburger Land, zwei von ihnen wurden später in den Grimmschen Büchern veröffentlicht. Und auch Otto Ubbelohde fertigte dazu Zeichnungen an – etwa zu der Sage von der Zerstörung des Weißenstein bei Wehrda. „Die Zerstörung der Burg wird ja Sophie von Brabant zugeschrieben“, erklärt Becker. Allerdings gebe es Hinweise, dass Weißenstein bereits im 11. Jahrhundert durch ein Feuer zerstört wurde – dazu passe auch die „Sage vom Schwerttanz zu Weißenstein“ besser.

Demnach kündigten Bauern aus der Gegend einen Schwerttanz an. Durch diese List wurden sie von den unliebsamen Raubrittern in die Burg gelassen – und eroberten diese. Und auch wenn in der Sage nicht von der Zerstörung die Rede ist, so zeigt doch die Illustration von Ubbelohde Rauchsäulen über dem Weißenstein. „Er wusste also damals schon von dem Brand“, schloss Becker und schrieb das den Sagen und Erzählungen zu, die sich über Jahrhunderte in einer Region hielten und solche Erinnerungen weitertrugen.

Typische Sagen seien auch die Erzählungen vom Geldfeuerchen gewesen, die es vielerorts in der Region gegeben habe. Das sind laut Becker Lichterscheinungen, wie sie in der Dämmerung auftauchen können. Damals hätten die Menschen sich erzählt, dass die Geldfeuerchen auf Schätze hinweisen. „Dahinter verbirgt sich, dass die Menschen bitterarm waren. Durch die Geschichten keimte die Hoffnung, irgendwann zu Reichtum kommen zu können.“

Hintergrund

„Märchen unterhalten als nichtgeglaubte Erzählungen“, fasst Dr. Siegfried Becker zusammen. Sie sind ausgeschmückt, sollen die Fantasie anregen. Sagen hingegen waren geglaubte Erzählungen. „Sie werden eingesetzt, um Werte und Normen zu vermitteln und Ängste zu schüren.“

Es war eine Art Erziehungsmethode, um jungen Menschen zu vermitteln, wie sie sich verhalten sollen. „Aber Sagen bieten auch einen Einblick in die Entwicklung einer Region, etwa in Kriege und Hungersnöte“, sagt Becker. So handeln Sagen oftmals von merkwürdigen, auffälligen Erscheinungen in der Natur oder angsteinflößenden Vorkommnissen.

Viele Sagen ranken sich etwa um Richtstätten und alte Geschichten. Aber auch ein Stein in der Nähe vom Sonnenblick regte zu einer Sage an: Darin zu sehen sind Vertiefungen, interpretiert wurden sie als Fußabdruck der heiligen Elisabeth und Pfotenabdruck eines Hundes. So entstand die Sage von der Heiligen und dem Wolf – und das sagenhafte Vorkommnis spiegelt sich noch heute im Namen „Elisabethtreppe“ wider.

Die Sagensammler im 19. und 20. Jahrhundert, die den Gebrüdern Grimm nacheiferten, legten laut Becker jedoch weniger Wert auf Sagen rund um Armut, Hoffnung und Mahnungen. Im Zusammenspiel mit Jakob Grimms Werk zur deutschen Mythologie wurden die Sagensammlungen vielmehr auch mythologisch interpretiert. Das hatte einen einfachen Auslöser: Die Revolution von 1848 und ihre Auswirkungen. „Die Sagen dienten als Ersatz dafür, dass es keine freie Presse gab“, sagte Becker. Alle­ Druckwerke unterlagen damals der Zensur. Und so nutzten die Hessen Sagensammlungen, um eine gemeinsame Erinnerung an eine gemeinsame Geschichte publizieren zu können. „Die Sagen waren ein Ausdruck der politischen Bewegung im Vormärz.“ Und so hätten schon Wilhelm und Jakob Grimm eine „vermeintliche Kontinuität der Erinnerung“ schaffen wollen –, um dem Volk etwas Ähnliches an die Hand geben zu können, wie die Göttersagen im mediterranen Raum. Sagen, die das Volk einen und ihnen zeigen sollten, dass sie ein gemeinsamer Volksstamm sind.

Den zweiten großen Aufschwung erlebten die Sagen dann auch, als Hessen 1866 durch Preußen annektiert wurde. Damit haben die Hessen sich laut Becker von den Preußen distanzieren, ihre eigene, gemeinsame Geschichte hervorheben wollen. Sie haben sich zum vornehmsten der deutschen Stämme gemacht, indem sie den Stammsitz der germanischen Götter in Hessen verorteten – auf dem Odenberg.

„Spätestens ab 1866 hatten die Sagensammlungen, die von den Gebrüdern Grimm inspiriert wurden, also politische Absichten. Und die Preußen haben das auch so verstanden“, erklärte Becker. Und die reagierten prompt und gaben von 1867 bis 1871 als Editionsprojekt das Sagenbuch des preußischen Staates heraus. „Darin wurden auch die hessischen Sagen eingebunden“, sagte Becker. „Und so wurde die Annexion schließlich auch literarisch vollzogen.“

von Patricia Grähling

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