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Die Farbe Blau in 80 Varianten

Glasmalerei Die Farbe Blau in 80 Varianten

Mitarbeiter des Hessischen Landesamts für geschichtliche Landeskunde erhielten in Münchhausen einen Einblick in die Arbeit einer Glasmalerei.

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Glasmalermeister Michael Hartmann zeigt in seiner Werkstatt im alten Münchhäuser Bahnhof Mitarbeitern des Hessischen Landesamtes für geschichtliche Landeskunde einen Ausschnitt aus einer Replik des Genesisfensters der Marburger Elisabethkirche, das die Entstehung der Gestirne thematisiert.

Quelle: Freya Altmüller

Münchhausen. Der Stahlrädchen-Glasschneider erinnert an einen Füllfederhalter. Michael Hartmann fährt damit über ein Stück Glas. Es klingt, als würde es in Zeitlupe zerbersten. Dann bricht er das Stück an der Schnittlinie ab. Bei mundgeblasenem Glas, in dem viele Bläschen sind, muss er sich mit Hilfsschnitten herantasten, erklärt der Glasmalermeister. „Da entsteht viel Verschnitt.“

Vor zwei Jahren bezog Hartmann mit seinen Mitarbeitern den alten Bahnhof in Münchhausen, den er mit seiner Frau gekauft und restauriert hat. Das Restaurieren geht weiter: Hartmann kümmert sich um historische Fenster, beispielsweise, wenn Teile zerbrochen sind, wie bei einem Jugendstil-Exemplar aus dem Haus einer Marburger Studentenverbindung, an dem er aktuell arbeitet. An einer Stelle der mit Blei verlöteten Glasmalerei fehlt ein Bruchstück.

„In diesem Fall wurden Bruchstücke vom Hausherrn gesichert, die nun verwendet werden“, erklärt Hartmann. Seine Zuhörer sind Mitarbeiter des Hessischen Landesamts für geschichtliche Landeskunde, denen der Glasmalermeister einen Einblick in seine Arbeit gibt. Drei bis vier Splitter lassen sich wieder zusammenfügen, bei mehr Einzelteilen werde es schwierig, so Hartmann. In manchen Fällen sei auch ungewiss, was für ein Stück an der Stelle gewesen sei. „Damit der Ausdruck nicht verändert wird, nimmt man in dem Fall ein neutrales, oft ­graues Glas, um das Gesamtbild zu erhalten“, so der Geschäftsführer der Glasmalerei Klonk & Hartmann, die in den vergangenen Jahren mehrfach umgezogen ist und ihren Sitz zuletzt in Niederwetter hatte.

Aus 800 Glasmustern den richtigen Ton finden

Mit umgezogen ist ein Fundus an 800 Glasmustern. Allein 80 Blautöne hat Hartmann gesammelt. Wenn er keine Original-Bruchstücke zur Verfügung hat, aber weiß, welcher Farbton an die Stelle gehört, sucht er nach dem passenden Muster, für das er das entsprechende Glas in seinem Lager aufbewahrt. Schwierig sei es manchmal, noch sogenannte Bleiruten zu bekommen. Viele der Lieferanten der stabförmigen Bleistücke, in die die Glasteile eingefasst werden, hätten den Betrieb eingestellt. Daher müsse er bei Firmen im Ausland bestellen. Denn für die Restauration historischer Fenster seien sie unerlässlich.

Die Technik der Bleiverglasung sei verbreitet gewesen, um verschiedenfarbige Teile zu einem Mosaik zusammenzufügen, als es noch nicht möglich war, größere Glasstücke zu fertigen. Die meisten der Fenster, die er restauriert, entstammen sakralen Bauten, berichtet Hartmann. Dabei arbeite er deutschlandweit. Eine besondere Herausforderung seien beispielsweise die Arbeiten am Bremer Dom gewesen, wo er in 80 Metern Höhe auf dem Gerüst gestanden habe. Weil die denkmalgerechte Sanierung eines Kirchenfensters beispielsweise für eine kleine Gemeinde zu teuer sei, wenn unterschiedliche Firmen die Arbeiten erledigten, baut Hartmann beispielsweise auch selbst Taubenvergrämungen ein und montiert Motoren an den Fenstern, die sich automatisch öffnen lassen müssen.

Nur acht Prozent mittelalterlicher Glasmalerei überlebten Weltkriege

Damit die Malereien möglichst lange erhalten bleiben, setzt Hartmann oftmals Schutzglas davor. Damit die Abbildungen weiterhin zu erkennen seien, müsse das Glas angeätzt werden, damit es nicht spiegele.

Nur acht Prozent der mittelalterlichen Glasmalerei bis 1550 habe die beiden Weltkriege überstanden, erklärt Stefan Aumann vom Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde, einer der Gäste. Zwei Forschungsstellen hätten den Bestand erfasst, allein über Hessen gäbe es drei Bände.

Für das Landesgeschichtliche Informationssystem (LAGIS) Hessen habe er an einem Projekt mitgearbeitet, um die mittelalterlichen Kunstdenkmäler auch im Internet abzubilden. Beispielsweise die Farbverglasungen der Marburger Elisabethkirche seien dabei digital erfasst worden.

von Freya Altmüller

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