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Busch: „Ich genieße das Unterrichten“

Neue Schulleiterin in Münchhausen Busch: „Ich genieße das Unterrichten“

Flüchtlinge, Digitalisierung, Mobbing: Schulleiterin Stefanie Busch spricht über die aktuellen Herausforderungen an Grundschulen.

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Bald freie Fahrt in Richtung Battenberg

„Ich bin nicht streng im klassischen Sinne“, sagt Stefanie Busch.

Quelle: Dominic Heitz

Münchhausen. OP: „Zum Rektor müssen“, das klingt für viele Kinder wie eine­ Drohung. Sind Sie streng zu ­Ihren Schülern?
Stefanie Busch: Ich denke nicht, dass ich im klassischen Sinne streng bin. Wenn man den Kindern freundlich entgegenkommt, ihnen zuhört und versucht, ihr Handeln zu verstehen – weil es vielleicht einen Krach auf dem Schulhof gab – dann kommt man mit der Erziehung deutlich weiter. Wenn sich aber jemand permanent prügelt, muss er auch mal eine entsprechende Hausregel mehrfach aufschreiben und begründen, warum er da jetzt sitzt und warum diese Regel Sinn macht. Die kleineren Kinder schreiben natürlich nicht, die malen dann die Situation auf.

OP: Als Schulleiterin müssen Sie den Schulalltag organisieren. Unterrichten Sie noch?
Busch: Ja. Das ist manchmal ein Drahtseilakt zwischen Bürokratie und Unterricht, weil die Zeit oft fehlt. Ich genieße das Unterrichten. Nur wer direkt in der Praxis ist, kann die Eltern, Kinder und anderen Lehrer verstehen.

OP: Eine fiktive Situation: Ein Schüler macht sich über die „billigen“ Schuhe eines Mitschülers lustig. Der Betroffene überspielt die Bemerkung und lacht mit. Wie reagieren Sie?
Busch: Ich würde beide Schüler zum Gespräch bitten, um sie die Situation nochmal schildern zu lassen. Aber man muss ja viel früher ansetzen. Wir haben verschiedene Projekt, in denen es zum Beispiel um Wahrnehmung geht – Selbst- und Fremdwahrnehmung, Gefühle wahrnehmen und andere nicht zu verletzen. Wir machen ganz viel präventiv, damit es gar nicht zum Mobbing kommt.

OP: Die Integration von Flüchtlingskindern ist auch für Grundschulen eine Herausforderung. Wie nehmen Sie solche Mädchen und Jungen auf, wie gehen Sie mit ihnen um?
Busch: Hier bei uns im Hinterland waren nie so viele Flüchtlingskinder, so dass wir eine Klasse mit 15 Kindern hätten aufmachen können. Deswegen­ gehen alle Kinder aus dem Nordkreis in die Intensivklasse der Burgwaldschule in Wetter. Dort bleiben sie bis zu zwei Jahre lang und dann gehen sie wieder in den Ort, in dem sie wohnen. Wir hatten jetzt ein Mädchen, das ist zu uns in die dritte Klasse gekommen. Sie verhält sich ganz wunderbar in der Klasse. Wir integrieren solche Kinder sofort und üben dann noch in einer Sprachförderstunde Präpositionen, Artikel und so was.

OP: Ein zweiter fiktiver Fall: Im Unterricht lachen die Schüler ein Kind mit Migrationshintergrund aus, weil es nur schlecht Deutsch spricht. Was tun Sie?
Busch: Man muss allen Kinder täglich deutlich machen, wie schwierig die deutsche Sprache ist. Jeder verspricht sich mal. Wenn dann jemand lacht, dann reagiert meine Klasse gleich mit dem Finger an die Nase. Wir haben nämlich gelernt: an die ­eigene Nase packen! Die Kinder sagen damit demjenigen, der gelacht hat: Du hast dich heute auch schon versprochen.

OP: Eine neue Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen in Berlin zeigt, dass Grundschüler der vierten Klasse Probleme in Deutsch und Mathe haben. Wie fördern Sie leistungsschwächere Kinder?
Busch: Wir haben Kleinstförderung in der Klasse und Diagnostik in allen Stufen. Damit kann man angreifen und sich kleine, überprüfbare Ziele setzen, die man nach ein paar Wochen neu überprüft und schaut: Wo sind wir da? Wir haben ­sogenannte „Token“-Pläne, die man den Kindern auf den Tisch klebt. Darauf sammeln sie dann Aufkleber oder Unterschriften, die dokumentieren, dass sie ihrem Ziel näher kommen. Wir können die Kinder natürlich auch dem Beratungs- und Förderzentrum in Wetter melden. Das gibt es Förderschulkräfte, die den Klassenlehrer und das Kind unterstützen können.

OP: Stichwort Digitalisierung: Wie bereiten Sie die Mädchen und Jungen auf die digitalisierte Welt vor?
Busch: Mit dem Tablet und Smartphone können alle umgehen, wenn sie hierherkommen. Wir machen das „Feintuning“. Wir wollen vor allem auf die Gefahren des Internets aufmerksam machen. Wir sehen uns auch nach vernünftigen Lernprogrammen um, die wir anbieten können. Und wir vermitteln auch Dinge, wie einen Text abtippen, abspeichern und wiederfinden.

OP: Wie halten Sie es mit Handys? Sind die in der Schule ­erlaubt?
Busch: Nein. Dabei geht es uns um die Entwicklung sozialer und kommunikativer Kompetenzen. Der Entwicklungsplan sieht nicht vor, dass wir alle im Kreis stehen und auf ein Handy schauen. Ich sage immer:­ ­Solange ich das Handy nicht sehe, ist alles gut.

OP: Zu guter Letzt: Was wünschen Sie sich für Ihre Schüler und Ihre Schule?
Busch: Ich wünsche mir neugierige Kinder, die Spaß an der Schule haben und gerne herkommen. Und ich wünsche mir glückliche Lehrer, die gerne ihren Beruf machen, die morgens hier herkommen und sagen: Da hab ich richtig Lust drauf. Ich möchte, dass wir alle gemeinsam Lust auf Schule haben.

von Dominic Heitz

 
Ein „Glücksfall“ für die Grundschule

Nachdem Wolfgang Vajen als Schulleiter der Grundschule­ in Münchhausen in den Ruhestand ging, stand im eigenen Kollegium Ersatz parat: Stefanie Busch, seit 2008 als Lehrerin in Münchhausen im Dienst,  übernahm am 1. August 2015 kommissarisch die Leitung der Schule. Jetzt ist sie auch ganz offiziell Schulleiterin. Gemeinsam mit Kollegen und Eltern feierte die 37-Jährige am Dienstagnachmittag ihre Ernennung.

Auch Vertreter aus der Politik waren gekommen. Thilo Traub vom Schulamt in Marburg sagte, Busch zeichne eine „gewisse Grundgelassenheit“ aus. Sie sei ein Glücksfall für die Schule und die Schule sei ein Glücksfall für sie.

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