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Mit knapp drei Promille gegen die Mauer

Gericht Mit knapp drei Promille gegen die Mauer

Ein Blutalkoholwert von knapp drei Promille bei einer Heranwachsenden führten zu einer verhängnisvollen Autofahrt und elf Monaten Fahrverbot.

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2,9 Promille hört sich sehr viel an – wie der Fall vor dem Marburger Amtsgericht zeigte, ist es auch für ein Mädchen doch schneller zu „schaffen“ als man denkt.

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. „Das darf Ihnen nicht noch einmal passieren. Auf solche Werte zu kommen, das ist schon eine reife Leistung, es gibt auch andere Getränke“, gab Amtsgerichtsdirektor Cai Adrian Boesken einer 20-Jährigen aus der Gemeinde Münchhausen zum Schluss ermahnend mit auf den Weg.

Die vorangegangene Verhandlung wegen Gefährdung im Straßenverkehr hatte unter realtiv gelöster Atmosphäre stattgefunden, denn die Autofahrt der Beschuldigten im betrunkenen Zustand hatte zwar an einer Mauer ihr abruptes Ende gefunden, jedoch ohne nennenswerte Fremdschäden.

Dennoch ging Richter Boesken im Urteil über die Forderung des Staatsanwalts hinaus. Dieser hatte unter Anwendung des Jugendstrafrechts für den Vollrausch, der zur Trunkenheitsfahrt im Zustand der Schuldunfähigkeit führte, eine Geldbuße von 200 Euro, die Teilnahme an einem Verkehrsseminar und zwei Monate Fahrverbot gefordert.

„Sie haben nicht das erste Mal im Leben Alkohol getrunken, wissen, wie er wirkt, und sich fahrlässig in einen Vollrausch versetzt. Ich setze voraus, dass sie sich nicht vorsätzlich aus der Bahn schießen wollten, sondern irgendwann den Überblick verloren haben“, erläuterte Boesken.

Wie war es zu dem Unfall gekommen? Die Angeklagte hatte, für das Gericht relativ glaubhaft, versichert, sich nicht mehr an den Hergang und warum sie überhaupt in ihr Auto gestiegen war, erinnern zu können. Sie war von ihrem Elternhaus nur 200 bis 300 Meter weit gekommen, gegen eine Mauer gestoßen, die im Gegensatz zum Auto kaum beschädigt wurde, und hatte sich eine Gehirnerschütterung zugezogen.

Die Erinnerung setzte erst wieder mit dem Erwachen im Krankenhaus ein. Dies hielt auch der als Sachverständige hinzugezogene Professor Reinhard Dettmeyer, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universitätskliniken Gießen und Marburg, für glaubhaft. An dem Tag hatte sich Folgendes abgespielt: die Angeklagte hatte ab 12 Uhr an einer Winterwanderung der Mädchenschaft teilgenommen. Zwar war sie seit einer Woche erkältet gewesen und nahm Antibiotika ein, hatte aber kein Fieber mehr und dachte, sie könne schon mitgehen.

Drei Promille: Vier Bier und zehn Schnäpse

Unterwegs tranken die 15 bis 20 Mädchen Bier und Schnäpse. Eine Zeugin sagte vor Gericht aus, nach etwa zwei Stunden habe sie bemerkt, dass ihre Freundin wankte und Leute anstupste. „So habe ich sie in fünf Jahren noch nie gesehen. Eigentlich ist bekannt, dass sie weiß, wo ihre Grenze ist. Sie ist normalerweise jemand, der anderen den Schlüssel wegnimmt, wenn sie weiß, dass derjenige getrunken hat“, betonte sie. Sie stürzte mehrmals in den Schnee, konnte nicht mehr deutlich sprechen. Schließlich rief man einen Bekannten an, der das Mädchen mit seinem Auto abholte. Er setzte sie vor ihrem Haus, vielleicht gegen 16 Uhr, ab. Etwa gegen 18 Uhr muss sich die Angeklagte dann ins Auto gesetzt haben. Weil der Schlüssel immer an der gleichen Stelle am Bord hänge, sei dazu keine komplexe Handlung nötig gewesen, meinte der Gutachter. Zu diesem Zeitpunkt habe sie, errechnete er aus dem Ergebnis der späteren Blutentnahme im Krankenhaus, knapp unter drei Promille gehabt. Um das zu erreichen, brauche eine Frau mit etwa 60 Kilogramm Körpergewicht, bei der sich der Alkohol auch auf weniger Körperwasser als bei einem Mann verteile, gar nicht so viel zu trinken: vier Bier und zehn Schnäpse beispielsweise.

Er widersprach der Vermutung der Angeklagten, dass das eingenommene Antibiotikum wohl ihre Alkoholverträglichkeit herabgesetzt habe. Schwerwiegender sei sicher ihre Erkrankung gewesen, die ihr Gesamtleistungsvermögen beeinträchtigt habe. Ein gewisses Training sei schon nötig, um in den Bereich über zwei Promille zu kommen, befand der Sachverständige, aber das sei wohl vorhanden, wenn man seit fünf Jahren in der Mädchenschaft und keine Außenseiterin sei.

von Manfred Schubert

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