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Marktleiter sollen „Ladendiebe“ erpresst haben

Sechs Einzeltaten in Wetter Marktleiter sollen „Ladendiebe“ erpresst haben

Zwei Marktleiter sollen vermeintliche Ladendiebe dazu gebracht haben, ein notarielles Schuldanerkenntnis in einer die Diebesbeute um Vielfaches übersteigenden Höhe zu unterzeichnen.

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In diesem Markt in Wetter sollen vermeintliche Ladendiebe im Nachgang von zwei verantwortlichen Marktleitern erpresst worden sein. Gegen sie wird in Marburg verhandelt.

Quelle: Thorsten Richter

Wetter. In der Zeit von Dezember 2008 bis November 2011 haben laut Staatsanwaltschaft die beiden Angeklagten, ein Mann und eine Frau, in ihrer Position als verantwortliche Marktleiter in Wetter sechs vermeintliche Ladendiebe erpresst. Wie das? Sie sollen die vermeintlichen Ladendiebe in einen separaten Raum gebracht haben und dort derart unter Druck gesetzt haben, dass die Betroffenen ein notarielles Schuldanerkenntnis unterzeichneten, um im Gegenzug eine polizeiliche Strafanzeige zu vermeiden. Allerdings soll die Diebesbeute im Gegenwert großzügig nach oben geschraubt worden sein, in einem Fall sogar auf 30000 Euro. Dann sollen die beiden Marktleiter damit begonnen haben, von diesen Personen Geld zu verlangen.

Fünf sollen auch bezahlt haben, eine sechste Person nicht, sodass dieser Fall nur als versuchte Erpressung zu werten ist. Die beiden Angeklagten ließen ihrerseits nach der Anklageverlesung der Staatsanwaltschaft ein so genanntes „Opening Statement“ durch ihre Verteidigung verlesen. Danach stellen sie fest, dass es sich in allen Fällen um überführte Ladendiebe gehandelt habe. Man habe allerdings zu keiner Zeit Druck auf diese Personen ausgeübt, sondern in einem separaten Büroraum in behaglicher Atmosphäre Gespräche miteinander geführt. Von Erpressung könne keine Rede sein. Die richtige Bezeichnung sei ein einvernehmlich erzielter Vergleich zwischen den jeweiligen Parteien. Die betreffenden Personen seien nach diesen Gesprächen immer erleichtert gewesen, dass seitens der Marktleitung auf eine Anzeige verzichtet wurde.

Für die beiden Angeklagten geht es um sehr viel. Gegen sie steht der Vorwurf im Raum, gewerbsmäßige Erpressung begangen zu haben. Und eine solche wird laut Marité Dilling-Friedel, Sprecherin des Marburger Amtsgerichts, nicht unter einer Freiheitsstrafe von einem Jahr geahndet.

83-Jähriger sollte300 Euro zahlen

Zum Auftakt der Verhandlung gab es noch keine Zeugenbefragung. Die einzige geladene Person war nicht erschienen. Der Prozess vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Richterin Nadine Bernshausen ist über mehrere Verhandlungstage angesetzt und wird voraussichtlich bis in den Juni andauern. Für den heutigen zweiten Prozesstag sind zwei Zeugen geladen.

Die Vorgänge im Wetteraner Markt sind 2009 durch einen Artikel in der OBERHESSISCHEN PRESSE schon einmal in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt.

Damals ging es darum, dass sich der Rewe-Markt bei einem 83 Jahre alten Mann mit einem Präsent entschuldigte. Dem Mann war zuvor Folgendes passiert: In der Zeit, in der seine Frau in der Klinik lag, hatte er sehr viel zu tun. Er ging in den Rewe-Markt, um einen Beutel Kartoffeln zu kaufen. Den Beutel in der einen, das Portemonnaie in der anderen Hand fiel ihm ein, dass er noch ein kleines Messer brauchte. Dieses schob es sich in seine Hemdtasche. An der Kasse vergaß er das Messer auf das Band zu legen und wurde prompt des Diebstahls bezichtigt. Man bot ihm an, auf eine Anzeige gegen eine Gebühr zu verzichten. 300 Euro sollten es sein. Der Mann hatte noch 50 Euro dabei und zahlte diese sofort. Für die Zahlung des Restgeldes erhielt er eine Frist gesetzt.

Zwei Tage nach diesem Vorfall vertraute sich der 83-Jährige seinem Sohn an, der Polizist war. Für diesen war sofort klar, dass sein Vater das Messer aus Schusseligkeit vergessen hatte auf das Band zu legen und rief den Marktleiter an. Dieser sagte, man kenne den 83-Jährigen als Kunden und man habe ihn in diesem Fall zweifelsfrei des Diebstahls überführt.

Als der Polizist dem Marktleiter entgegnete, dass die Zahlung von 300 Euro den Tatbestand einer Nötigung oder gar Erpressung erfülle, beendete der Marktleiter das Gespräch. Der Polizist ging der Sache nach und fand heraus, dass bei solchen Fällen Verwaltungsgebühren in Höhe von 50 bis 75 Euro anfallen würden, aber keine 300 Euro.

Schließlich erhielten er und sein Vater Besuch von der Rewe-BezirksmanagerinNadine Großmann, die sich für alles entschuldigte und auch den Vater vom Vorwurf des Ladendiebstahls entband. Das angezahlte Geld erhielt er vollständig zurück. Die genannte Bezirksmanagerin hatte persönlich nichts mit den Vorgängen in Wetter zu tun gehabt.

Der Prozess wird am Freitag, 24. Mai, ab 9.30 Uhr in Raum 159 am Marburger Amtsgericht fortgesetzt.

von Götz Schaub

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