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Lernen voneinander und miteinander

Hennig Scherf zu Gast Lernen voneinander und miteinander

Älter werden kann ein spannendes Abenteuer sein. Das hat Hennig Scherf (75), ehemaliger Bürgermeister von Bremen, rund 300 Gästen in der Lahnfelshalle vermittelt.

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Henning Scherf signierte seine Bücher für die Besucher.

Quelle: Martina Koelschtzky

Goßfelden. Ein mögliches Konzept fürs Älterwerden stellte der „Wohnhof Lahntal“ vor. Zur Begrüßung für den prominenten Gast, der auch Präsident des Deutschen Chorverbandes ist, sang die Chorgemeinschaft Lahnfels, verstärkt von Sängern aus Caldern, ein Ständchen.

Scherf wurde von Bürgermeister Manfred Apell (SPD), der ihn nach Lahntal eingeladen hat, als „Fachmann fürs Älterwerden“ vorgestellt. Diesen Anspruch löste Scherf mit Charme und Lebendigkeit ein und faszinierte die Gäste in der vollbesetzten Halle mehr als zwei Stunden lang. Seine Begeisterung für das Singen im Chor wie die ehrenamtliche Arbeit in einer „Brennpunkt“-Grundschule oder die vielen neuen Erfahrungen bei seinen Besuchen in Alten­einrichtungen oder Projekten wirkte ansteckend.

Scherf berichtete von seinem eigenen Wohnprojekt, in dem er mit seiner Frau und Freunden seit mehr als 25 Jahren lebt. „Vor allem dürfen wir uns von dem Umstand, dass wir älter werden und unsere Gesellschaft älter wird, keine Angst machen lassen. Wir können und müssen diese Veränderung gestalten“, sagte er.

Für diese Gestaltung schöpfte Scherf aus seinen eigenen Erfahrungen. Er berichtete von der schwierigen Balance zwischen Gemeinsamkeit und Privatheit in seiner Lebensgemeinschaft, aber auch von der Bereicherung durch die vielfältigen Menschen, die dort zusammenkommen. „Je bunter, umso besser“, fasste er Berichte von den Menschen zusammen, die im Laufe der Jahre dort gewohnt haben oder zu Gast gewesen sind.

Alle Altersgruppen, verschiedene Nationalitäten und auch die Unterschiede zwischen den Geschlechtern kamen zur Sprache. „Männer sind viel schwerfälliger bei der Bewältigung von Konflikten“, habe er beispielsweise festgestellt. Wenn etwas nicht in Ordnung sei, zögen sich Männer meist schweigend zurück, während die Frauen darüber reden. Und so hätten die Männer das ebenfalls lernen müssen.

„Lernen“ war eines der zentralen Worte in Scherfs leben­digen Berichten. Lernen, sich untereinander abzustimmen, so dass von den ursprünglich sieben Autos des Projektes jetzt nur noch eins notwendig sei. Oder lernen, sich helfen zu lassen bei den Dingen, die man nicht mehr so gut kann.

Von den Erfahrungen und der Bereicherung für die Gemeinschaft durch die Pflege schwerstkranker Mitbewohner berichtete er ebenso begeistert wie von Urlauben oder Besuchen von 25 Freunden und Verwandten zu Weihnachten. Immer hatten seine Ausführungen auch den Blick auf den Gewinn für die Gesellschaft, auf die Verbesserung des Umfeldes, in dem man lebt. „Ein gutes Wohnprojekt kann eine ganze Gemeinde neu aufstellen“, meinte er. Und er sehe, dass „der Manfred solche Projekte wirklich ernst nimmt. Wenn man einen guten Platz findet und die Sache mit solcher Courage angeht, kann das auch ein ganzes Dorf revitalisieren.“

Zu diesem Zweck hat sich in Goßfelden der Verein „Wohnhof Lahntal“ aufgemacht, den Kornelia Grundmann vom Vorstand kurz vorstellte. Der Verein will auf dem ehemaligen Festplatz in Goßfelden sein Wohnprojekt errichten, bis zu 14 Wohneinheiten seien dort möglich, berichtete sie.

Auch jüngere Mitstreiter würden noch gesucht, „denn wir wollen ja nicht irgendwann nur mit 80-Jährigen dort wohnen“, sagte sie. Der Wohnhof wolle das „ideale Umfeld“ mit Gesundheitszentrum, Kultur- und Gemeinschaftshaus mit Café und Bibliothek sowie Kindergarten und Einkaufsmöglichkeiten in fußläufiger Nähe nutzen und beleben, erklärte Grundmann. „Es ist alles da“, beschrieb sie das Konzept des „Mitten drin“, das auch Scherf hervorgehoben hatte.

Anschließend bestürmten die Gäste Scherf mit Fragen, die er gerne beantwortete. Zudem signierte er zahlreiche seiner Bücher, die Patricia Agricola von der Gemeindebücherei an einem Büchertisch bereithielt.

von Martina Koelschtzky

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