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Sehnsucht nach Familie und Heimat

Irakerin sprach in Caldern Sehnsucht nach Familie und Heimat

Sie wurden verfolgt und aus ihren Dörfern im Nordirak vertrieben – die Jesiden. Einer jungen Frau gelang die Flucht. In Caldern erzählte sie von ihrem Volk, von dessen Existenz viele erst durch die Nachrichten erfahren haben. 

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Hanifa (rechts) bei ihrem Vortrag in Caldern: Sie wurde mit Absicht von hinten und nicht erkennbar fotografiert. Sie leidet noch immer unter großer Angst und fürchtet mit ihrem öffentlichen Auftritt Konsequenzen für sich und ihre Familie durch die Terrormiliz IS.

Quelle: Elvira Rübeling

Caldern. Vor drei Jahren begann der „Islamische Staat (IS)“ mit der brutalen Verfolgung der Jesiden im Nordirak. Mittendrin in den Kriegswirren war die Jesidin Hanifa Melek (Name geändert), die sich seit einem Jahr in Deutschland aufhält. Ihr gelang die illegale Flucht.

Am vergangenen Freitag war die Zeitzeugin aus dem Irak zu Gast im Caldener Pfarrhaus und sprach vor den „Dienstagsfrauen“ und der Frauenhilfe über ihre Zeit im Irak, die Jesiden und ihre Flucht nach Deutschland.

Hintergrund

Die Jesiden

Das Volk der Jesiden lebte im Irak überwiegend auf kurdischem Gebiet. Sie glauben wie im Christentum an einen Gott, jedoch auch an sieben Engel. Im Gegensatz zu Christen, Juden und Muslimen haben die Jesiden kein heiliges Buch wie die Bibel oder den Koran, sie geben ihren Glauben mündlich weiter. Mittlerweile leben rund 100 000 Jesiden in Deutschland, größere Gemeinden des Volkes haben sich in Hannover und Stuttgart angesiedelt, berichtete Pfarrer Ralf Ruckert.

Unter der Moderation von Pfarrer Ralf Ruckert und mit Hilfe von Übersetzer Mehmet Kirok gelang es, die vielen Fragen, die das Publikum im Pfarrhaus an Hanifa richtete, zu beantworten. Teilweise herrschte­ aber auch entsetztes Schweigen unter den Besuchern, die von Hanifas Schicksal sichtlich ergriffen waren. Im Juli 2014 flüchteten die Jesiden, verfolgt durch den IS und verbunden mit der Einnahme der Stadt Mossul, ins Sindschat Gebirge. Unter den Verfolgten war auch Hanifa Melek. Sie flüchtete mit ihrer Familie aus dem etwa eine halbe Stunde von Mossul entfernt liegenden Dorf Kocho.

Aus Kocho stammt auch Nadia Murad, die im Jahr 2016 für den Friedensnobelpreis nominiert war. Für ihren Kampf gegen die Terrormiliz IS zeichnete­ das Europaparlament Nadia Murad außerdem gemeinsam mit Lamija Adschi Baschar mit dem Sacharow-Preis aus (die OP berichtete). Die beiden Jesidinnen waren im Irak in Gefangenschaft des IS, wurden vergewaltigt, entkamen und konnten nach Deutschland fliehen.

Beim Einmarsch des „Islamischen Staates“ verlor auch die heute 23-jährige Hanifa­ den Großteil ihrer Familie. Ihr Mann und ihr Kind kamen bei einem Unfall während der Flucht ums Leben. Sie selbst wurde schwer verletzt und verlor in Folge davon ihren rechten Arm.

Illegale Flucht gelang über Griechenland und Italien

Bei dem Unfall verlor sie das Bewusstsein, kam danach erst wieder in einem Krankenhaus zu sich, das sie daraufhin eineinhalb Jahre nicht verlassen konnte. Ihre Eltern gelten seit der Flucht vor der Terrormiliz­  als vermisst. Als sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde,­ gelang es Hanifa ihre beiden Schwestern mit geliehenem Geld aus der Sklaverei und ­Gefangenschaft des IS zurückzukaufen. Ihre Schwestern leben heute in einem irakischen Lager.

Hanifa gelang die illegale Flucht: Mithilfe von Schleppern konnte sie das Land verlassen und über Griechenland und Italien nach Deutschland flüchten. Sie lebt in der Nähe von Marburg und besucht derzeit einen Sprachkurs. Ihr größter Wunsch sei es, ihre Familie und besonders ihren Vater wiederzusehen.

von Elvira Rübeling

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