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Erlkönig sorgt für frischen Nachwuchs

Die Nachkommen des Roten Höhenviehs Erlkönig sorgt für frischen Nachwuchs

Für drei Dinge auf einmal genutzt werden zu können, machte das Rote Höhenvieh für die Kelten wohl zum Rolls Royce unter den Nutztieren. In modernen Zeiten führte aber genau diese Dreifachnutzung fast zum Aussterben der Rasse.

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Helmut Nau begrüßt den Bullen Erlkönig auf der Weide. Darunter sind zwei seiner Kühe zu sehen.

Quelle: Götz Schaub

Sterzhausen. Irgendwo auf ­einer Weide zwischen Michelbach-Nord und Sterzhausen grasen friedlich rote Kühe. Zuletzt mit einem Gast, dem Bullen Erlkönig. Dieser stammt aus dem Zuchtbetrieb Hesse/Müller aus dem Frankenbergischen Rengershausen. Er kam nicht gerade auf Urlaub oder nur, um mal das hiesige frische Gras  zu probieren. Er sollte die kleine Herde vermehren. Und das hat er wohl auch mit einigem Erfolg getan, freut sich Helmut Nau. Der Sterzhäuser hatte mit seinem mittlerweile verstorbenen Bruder Rudolf vor 25 Jahren angefangen, eine kleine Herde „Rotes Höhenvieh“ zu halten.

Das Rote Höhenvieh ist eine der ältesten, wenn nicht gar die älteste Hausrinderrasse. „Schon die Kelten nutzten diese Tiere“,­ sagt Nau, Besitzer von fünf weiblichen Tieren.

Vogelsberger Füchse haben lange Tradition

Früher war das Rote Höhenvieh weit verbreitet, weil die Tiere aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit nicht nur Milch gaben und für Fleisch sorgten, sondern vor allem auch als Arbeitskraft auf dem Feld eingesetzt werden konnten. Und das über viele viele Jahrhunderte bis, ja bis eine neue „Rasse“ auf vier Rädern daherkam: die Traktoren.

„Die Vogelsberger Füchse, wie die Tiere hier auch genannt wurden, hatten in unserer Region lange Tradition und waren bei Haupt-, aber vor allem bei Klein- und Nebenerwerbslandwirten bis in die 1960er-Jahre hinein sehr beliebt. Bis zu  jenen Jahren wurden in Sterzhausen noch Tierschauen und Fahrwettbewerbe veranstaltet“, sagt Nau. Mit dem Siegeszug des Traktors als Zugmaschine auf dem Feld vollzog sich wirtschaftlich auch ein weiterer Wandel. Das einstige Dreierlei-Nutzvieh wurde von „Einerlei“-Rassen, verdrängt, weil diese gezielt auf mehr Milchproduktion oder mehr Fleisch ausgerichtet werden konnten.

 
Helmut Naus Großvater Hermann Nau bei einer Ortstierschau in Sterzhausen im Juli 1955 mit einer seiner Kühe. Unten Rotes Höhenvieh auf der Weide und bei der ­Arbeit. Privat

Aus dem Alltag waren die Tiere dann tatsächlich bald verschwunden, aber nicht aus Naus Hinterkopf, wie er sagt. „Wenn hier im Ort die Opas zusammensaßen und aus jener Zeit mit dem Höhenvieh erzählten, saß er immer dabei, weil es mich einfach interessiert hat.

Beruflich hat sich Nau anders entwickelt. Er arbeitet für eine Baufirma unter anderem im Straßenbau und Tiefbau, aber in seiner Freizeit hat er sich diesen Tieren verschrieben. „Kann man eine solche Rasse einfach aussterben lassen, weil sie keiner mehr braucht?“, fragt Nau.

Einsatz in der Landschaftspflege

Dann erzählt er: „1980 wurden bei Umbaumaßnahmen der Justus-Liebig-Universität Gießen zwei verschiedene Sperma-Portionen der Rinderrasse­ Rotes Höhenvieh entdeckt, die dann nach neuester Technik in jeweils 50 Portionen geteilt wurden. 1985 gründete sich daraufhin der Verein zur Förderung und Erhaltung des Roten Höhenviehs, der dann eine Rückzüchtungsmaßnahme in die Wege leitete“. Denn übrig gebliebene Kühe wurde nicht selten mit anderen gekreuzt, verloren dadurch immer mehr ­ihre Ursprünglichkeit.“ So gesehen muss man schon festhalten, dass es reinrassige Exemplare einfach nicht mehr gibt.  

"Heute gibt es mehrere Institutionen, die sich dem Höhenvieh annehmen, so auch der Verein Rotes Höhenvieh alter Zuchtrichtung“, sagt Nau, einer von drei Höhenvieh-Züchtern, die im Landkreis Marburg-Biedenkopf leben. Und er freut sich über die bisherigen Erfolge. „Die momentane Lage sieht gut aus, denn die Nachfrage nach Herdbuch-Tieren und Fleisch ist höher als man decken kann. Das Fleisch der Tiere schmeckt vorzüglich und darauf kommen immer mehr Leute.“

Und wenn das Rote Höhenvieh ganz sicher nicht mehr die Traktoren vom Feld verdrängen kann, so erobert es doch wieder eine Nische, die immer bedeutender wird: den Einsatz in der Landschaftspflege. Mittlerweile ist der Bestand auf rund 500 Tiere gewachsen und die Tendenz, so Nau, sei steigend. „Probleme bereitet wie bei jeder kleinen Population an Tieren die begrenzte genetische Vielfalt. Deshalb war es für ihn ein großes Anliegen, den Erlkönig von außerhalb zu holen und mit seinen Kühen bekannt zu machen. Und wer die kleine Herde auf der Weide gesehen hat, kann nur zu einem Schluss kommen: Der Herr hat sich artig benommen und wurde akzeptiert. Der Rest ergibt sich...

von Götz Schaub

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