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„Lahntal wird von Leerstand nicht verschont“

Bericht „Lahntal wird von Leerstand nicht verschont“

Die gute Nachricht: Derzeit gibt es nur wenige leer stehende Wohngebäude in der Gemeinde Lahntal. Die nicht so gute: So wird es wohl nicht bleiben.

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Lahntals Leerstandsmanager Oliver Haupt stellte seinen Bericht vor.Foto: Manfred Schubert

Quelle: Manfred Schubert

Sterzhausen. Seit vergangenem August ist der Diplom-Verwaltungswirt und ehemaliger Amöneburger Bürgermeister Oliver Haupt als Leerstandsmanager für die Gemeinde Lahntal tätig. Im Sitzungssaal der Gemeindeverwaltung stellte er gemeinsam mit Bürgermeister Manfred Apell vor 20 Zuhörern die aktualisierte Version seines ersten Zwischenberichts über den derzeitigen und den künftig drohenden Leerstand in der Gemeinde vor. Erarbeitet hat er ihn gemeinsam mit den Ortsvorstehern und den Mitarbeitern der Gemeindeverwaltung, teils waren auch kundige Bürger hilfreich gewesen.

18 Wohngebäude stehen leer

Die Zahlen: von 1626 Wohngebäuden stehen zurzeit 18 leer (2013 waren es 16). Ein möglicher Leerstand droht bei weiteren 76 Gebäuden (2013: 77) in der Gemeinde, zum Beispiel, wenn sie von Personen jenseits des 70. Lebensjahres bewohnt sind, deren Nachkommen ihren Lebensmittelpunkt voraussichtlich dauerhaft aus Lahntal weg verlegt haben. „Bisher gibt es Leerstand nur in geringem Umfang, aber die Untersuchung zeigt auch, dass die Gemeinde von Leerstand nicht verschont werden wird“, prognostizierte Haupt. Bei bis zu fünf Prozent der Gebäude spreche man noch nicht von einem bedeutenden Leerstand, derzeit liege Lahntal bei 1,1 Prozent, weitere 4,7 Prozent sind davon bedroht.

Der bisherige Leerstand sei von der Gemeinde größtenteils nicht beeinflussbar, da sich durch denkmalschutzrechtliche Auflagen, nicht marktgerechte Preise oder weil Eigentümer es nicht wollen, keine Möglichkeit zum Eingriff durch die Gemeinde eröffne.

Der eingeschlagene Pfad der gemeindlichen Gremien mit einem Leerstandsmanagement sei der richtige, um auch künftig von Leerstand in größerem Umfang verschont zu bleiben. Dieser sei „wie Zahnpasta: wenn erst einmal aus der Tube, ist sie schwer wieder hineinzubekommen“, so Apell.

Beratung von Eigentümern

Leerstandsmanagement bedeute auch Beratung von Eigentümern, die Rat suchen. Beim Verkauf von Immobilien auf dem Lande beschrieb Haupt das Problem der Bildung eines marktgerechten Preises anhand eines fiktiven Beispiels. Ein landwirtschaftliches Gehöft mit Stallungen, Scheunen, großen, teils mit Eternit gedeckten Dachflächen, einem Gelände von 3000 Quadratmetern. Das Wohngebäude hat 200, die Nebengebäude 1500 Quadratmeter. Für das ganze besteht Ensembleschutz seitens des Denkmalschutzes. Der Eigentümer möchte 300000 Euro dafür haben. Der Käufer sehe dagegen, dass er bei solchen Gebäuden „noch richtig Geld in die Hand nehmen muss, um neue Funktionen zu kreieren“.

Der typische Käufer sei etwa 30 bis 40 Jahre alt, bei 250000 Euro Kaufpreis sei Schluss. Beim Kauf von Gebrauchtimmobilien habe er keinerlei Gewährleistungsansprüche und müsse mit mehr Neben- und Unterhaltskosten kalkulieren. Marktgerecht für das Gehöft seien 190000 Euro, und selbst bei diesem Preis werde es schwierig, ihn auch durchzusetzen.

Bürgermeister Apell ergänzte, 1990 hätte ein noch höherer Preis erzielt werden können - als die Energiefrage noch ganz anders beurteilt wurde. Es gebe auch nur wenige Pferdefreunde, die eine grüne Wiese wollen. Kleine Objekte, die wenig kosten, unter 120000 Euro, seien relativ schnell verkauft, solche für mehr als 200000 Euro stünden lange leer.

Informationsblatt geplant

Als weitere Aktivitäten plant der Leerstandsmanager, ein Informationsflugblatt für Käufer und Verkäufer zu erstellen. Die Informationen sollen im Internetauftritt der Gemeinde erscheinen. Darin integriert werden soll die Plattform „Kommunales Immobilienportal Hessen“, die Freischaltung soll in wenigen Tagen erfolgen. Daneben stehen persönliche Beratungen, zum Beispiel zur Marktpreisermittlung, zu Vor- und Nachteilen professionellen Vertriebs, zu Zwischennutzungsmöglichkeiten. „Jeder Fall ist unterschiedlich, man muss individualisierte Lösungen aufzeigen“, betonte Haupt. Der Auftrag für das als Anschubmaßnahme gedachte Leerstandsmanagement läuft noch bis 31. Juli 2015.

Apell sagte, das Problem sei, dass viele Menschen sich gar nicht helfen lassen wollten. „Viele wollen die negative Botschaft gar nicht hören, dass ihr Objekt gar nicht so viel wert ist, wie sie meinen, bekommen zu müssen. Am Ende steht der Frust, wenn es nicht verkauft wird“, meinte er.

Dass der Leerstand verglichen mit anderen Kommunen so niedrig sei, liege zum einen daran, dass Lahntal deutlich von der Nähe zu Marburg profitiere, sagte Haupt. Zum anderen sei hier Kindergartenbetreuung schon lange ein Thema gewesen, bevor es landesweit in den Fokus rückte. Das sei ein Faktor, den die Gemeinde beeinflussen könne.

In der anschließenden Diskussion fragte eine Zuhörerin, ob man nicht Flüchtlinge in den leer stehenden Gebäuden unterbringen könne. Apell erklärte, unter den jetzigen Leerständen gebe es ganz wenig Potenzial für solche Zwecke. Die Gemeinde wolle im Mitteilungsblatt anzeigen, dass sie zwischen Vermietern und dem Kreis vermitteln wolle. Dass die Gemeinde selbst als Vermieter auftrete, sehe er kritisch.

Gemeindevertreter Claus Opper merkte an, dass die Studierendenzahlen in Marburg so zunähmen, dass die Leute nicht mehr wüssten, wo sie wohnen können. „Wenn die Studis die Nahverkehrsmöglichkeiten ins Umland sehen, bleiben sie eben doch in den teuren Buden in Marburg“, beschrieb er das Dilemma.

von Manfred Schubert

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