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Kraft kommt aus Liebe und Glauben

Bundesverdienstorden Kraft kommt aus Liebe und Glauben

Staatsminister Dr. Thomas Schäfer und Landrat Robert Fischbach überreichen heute den vom Bundespräsidenten verliehenen Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland an Alfred Peilstöcker aus Lahntal-Caldern.

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Elli und Alfred Peilstöcker vor ihrem Kaminofen.

Quelle: Manfred Schubert

Caldern. Ein ganz normales, liebevoll einander zugetanes Paar scheint da vor einem zu sitzen, das offen miteinander redet, sich auch mal widerspricht und sich ein wenig neckt. Das die Wärme des Kaminofens hinter sich und einen glücklichen Lebensabend genießt. Wenn da nicht der Rollstuhl wäre, an den die Frau gefesselt ist. Auch ihre Hände gehorchen ihrem Willen kaum noch.

Seit 38 Jahren betreut und pflegt Alfred Peilstöcker seine Frau Elli, die vier Jahre nach ihrer Heirat an Multipler Sklerose erkrankte. Unterstützt wird er dabei lediglich von einer Frau aus dem Ort, obwohl er eigene gesundheitliche Probleme hat. Er musste sich aufgrund einer Herzerkrankung einer Operation unterziehen, ist Diabetiker, hatte zwei Bandscheibenvorfälle. Professionelle Dienstleister kamen für ihn nicht in Frage. „Bei einem Pflegedienst ist man an Zeiten gebunden, zum Beispiel kommt dieser im Sommer schon gegen 18 Uhr. So früh geht doch eine junge Frau nicht ins Bett“, erklärt er und blickt lächelnd Elli an.

Kennengelernt hatten sie sich über den gemeinsamen früheren Arbeitgeber, die Raiffeisenbank Marburg. Nach dem Besuch der Volksschule in Caldern von 1952 bis 1960 ging Peilstöcker zwei Jahre zur kaufmännischen Handelsschule in Marburg, von 1962 bis 1965 folgte die Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Raiffeisenbank. Diese berief ihn 1968 zu ihrem jüngsten Geschäftsführer Hessens in Nordeck-Winnen. Mit der aus Unterrosphe stammenden Elli Wagner, die in einer anderen Geschäftsstelle arbeitete, hatte er oft telefoniert. „Deswegen sprechen wir hochdeutsch miteinander“, erklärte er. Er lud sie zur Silvesterparty der Geschäftsstelle nach Winnen ein: „Nach Mitternacht schneite es und wir sind Händchen haltend nach Nordeck spaziert“. Im August 1969 verlobten sie sich, für die Heirat suchten sie sich den 8. Mai 1970 aus. „Du wirst geheiratet, und wenn du schreist“, schmunzelte Elli. 1971 und 1972 kamen die beiden Söhne zur Welt, mittlerweile gibt es eine zwölfjährige Enkelin. 1972 wechselte Alfred Peilstöcker in die Verwaltung der Uniklinik Marburg und blieb dort bis zu seiner Pensionierung als Amtsrat 2005.

An der Hand ihres Mannes hielt sich Elli auch später während gemeinsamer Spaziergänge in der Abenddämmerung fest. „Da hat man gedacht, es ist Liebe, aber es war schon Unsicherheit dabei“, erklärte er. Dann, am 10. Juni 1974, der Schock. Nach dem Hochziehen der Jalousien sagte Elli, es sei ja noch dunkle Nacht. Sie war völlig erblindet. Nach einer einwöchigen Cortison-Behandlung kehrte das Augenlicht zumindest teilweise zurück, heute liegt ihre Sehkraft bei 20 Prozent. Aber mit den motorischen Fähigkeiten ging es schleichend bergab.

Als es mit der Krankheit losging, sei die Kirche der einzige Halt für sie beide gewesen. Die Stadtmission Marburg richtete einen wöchentlichen Hauskreis bei ihnen ein, an dem neben einem Prediger vier weitere Paare aus Caldern teilnahmen. Der christliche Glauben habe ihr geholfen, ihre Krankheit schließlich anzunehmen und gegen diese zu kämpfen, fügte Elli an, und ihr Mann habe das mitgetragen.

Aber es gab auch eine schwere Zeit der Depression für ihn, gab Alfred Peilstöcker zu: „Ich lag nachts wach und überlegte, wie es weitergeht.“ Ende der 1990er Jahre begab er sich in psychiatrische Behandlung.

Neben dem Glauben helfen dem Paar auch die Treffen der Kreisgruppe der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) jeden zweiten Donnerstag im Monat in Moischt, bei denen man sich austauschen und Vorträge hören kann.

Selbstverständlich ist Alfred Peilstöcker Mitglied in der DMSG geworden. Insgesamt gehört er 13 Vereinen in und außerhalb Calderns an, zum Teil seit über 50 Jahren. Ehrenmitglied ist er im Turn- und Sportverein, im Männergesangverein und im Schieß- und Sportverein Caldern. Politisch engagierte er sich schon in jungen Jahren, gründete die CDU in Lahntal mit und wurde stellvertretender Vorsitzender. Von 1968 bis 1971 war er Gemeindevertreter in Caldern, nach der Gebietsreform in der Gemeinde Lahntal bis 1978.

„Trotz aller Hindernisse ist es schön, dass wir gemeinsam den Weg über 38 Jahre und mehr gehen konnten. Wir sprechen miteinander, sie schimpft mich, wir diskutieren. Es wäre schlimm, wenn wir stumm und starr nebeneinander sitzen würden“, sagte Alfred Peilstöcker unter Hinweis auf Menschen, bei den das Kleinhirn von MS betroffen ist.

Was ihn allerdings sehr ärgert, sind Schwierigkeiten von Seiten der Krankenkasse, Institutionen und Verwaltungen. Seit zweieinhalb Jahren kämpfen er und seine Frau bereits darum, einen Ersatz für den 15 Jahre alten und am Rahmen gebrochenen Faltrollstuhl zu erhalten. Selbst nach dem Urteil des Sozialgerichts zu ihren Gunsten im Oktober haben sie den Rollstuhl noch nicht bekommen.

von Manfred Schubert

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