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Kleine Häuschen übersteht selbst große Explosion

Siedlungsgeschichte Kleine Häuschen übersteht selbst große Explosion

Aus Armut und Not geboren, hat sie und ihre Bewohner von mehreren Umbenennungen bis zu einer gewaltigen Explosion einiges überstanden. Die Rede ist von der Stadtrandsiedlung in Wetter.

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„Straßenkaffeetrinken“ in Wetter zum 80-jährigen Bestehen der alten Stadtrandsiedlung: Vorne auf den Bänken sitzen unter anderem Kinder der ursprünglichen Siedler. Auf der Straße links eine neue Flasche mit „Klarem“, die man zusammen mit der ausgegrabenen und leergetrunkenen Ouzo-Flasche als Behälter für die Unterschriftenlisten aller drei Feste vergrub.

Quelle: Manfred Schubert

Wetter. 62 Menschen, Nachfahren der ersten Siedler und Freunde, kamen am vergangenen Samstag zusammen, um das 80-jährige Bestehen der „alten Stadtrandsiedlung“ zu begehen.

Zehn Doppelhäuser im Gartenweg und im hinteren Teil der Schulstraße kennt man in Wetter als „Stadtrandsiedlung“ oder auch „alte Siedlung“. Heute liegen sie längst nicht mehr am Rand der Stadt, und Um- und Anbauten sowie weitere Gebäude auf den je Haushälfte 1000 Quadratmeter großen Grundstücken haben das Gesicht der Siedlung stark verändert.

Im Mai 1933 war mit dem Bau begonnen worden, ab 1934 wohnten die Siedler in ihren neuen Häusern, auch wenn noch nicht alle Arbeiten an der Siedlung beendet waren. Als das 80-jährige Bestehen näher rückte, ergriff Dr. Ulrike Freiling, die zwar mittlerweile in Herzogenaurach wohnt, aber regelmäßig ihre Mutter im Gartenweg besucht, die Initiative und organisierte mit Hans-Arnold Stöhr, Monika Damm und Jutta Junk das dritte Siedlerfest als „Straßenkaffeetrinken“ im Gartenweg.

Es begann am Samstag mit dem Ausgraben zweier Flaschen vom vorangegangenen Fest, das im August 1983 stattgefunden hatte. Die eine enthielt Ouzo, die andere zwei Dokumente: Unterschriftenlisten und Kurzbeschreibungen der früheren Feste. Im August 1975 hatten 57 Menschen unterzeichnet, 69 Menschen waren es 1983, jeweils drei Tage lang hatten sie zu Ehren der alten Siedler gefeiert. Als letzte der 40 Altsiedler starben 1990 Anna und Friedrich Prinz.

Tatsächlich sollen beim ersten Fest sogar 200 Menschen dabei gewesen sein. Mit dem Überschuss der beiden Feste von 900 Mark errichtete die Siedlergemeinschaft 1985 eine Sitzecke auf dem Schulgelände, die mittlerweile von Unbekannt beseitigt wurde, und unternahm 1996 eine Tagesfahrt an die Mosel. Ein großer Erlös dürfte diesmal, auch wenn immerhin 62 Menschen die am Ende des Festes nebst einer neuen Flasche mit „Klarem“ vergrabene Liste unterschrieben hatten, nicht herausgekommen sein. Allerdings war spürbar, dass das gemeinsame Auffrischen und Austauschen von Erinnerungen besonders den ältesten Siedlungskindern aus der zweiten Generation Freude brachte und am Herzen lag. Sie wünschten sich am Ende, dass bis zum nächsten Siedlungsfest nur fünf Jahre verstreichen sollten, um es noch miterleben zu können.

Neben Hans-Arnold Stöhr waren der Vorsitzende Kay-Hubert Weiß und Christa Lieber vom Wetteraner Geschichtsverein beim Fest dabei. Sie legten Wert darauf, dass die Vorgeschichte der Siedlung, die 1933 durch Magistratsbeschluss nach Adolf Hitler benannt wurde, was beim Arbeiter-Verein Wetter für „Zoff“ gesorgt habe, in die Weimarer Republik zurückreicht und auf die Politik unter Reichskanzler Heinrich Brüning zurückreicht. Ein Siedlungsprogramm sollte ab 1931 Arbeitslosen ermöglichen, kleine Häuser zu bauen und sich durch Landwirtschaft und etwas Viehzucht zum Teil selbst zu versorgen.

Nach der Weltwirtschaftskrise gab es auch in Wetter viele Arbeitslose, die von monatlich 36 Reichsmark Unterstützung etwa die Hälfte für Miete zahlen mussten. Der Arbeiter-Verein erreichte die „Genehmigung der Bau- und Finanzierungspläne für die vorstädtische Kleinsiedlung Wetter“, ist in einem achtseitigen Heft des Geschichtsvereins von 1996 nachzulesen. Es beruht auf einer ausführlichen Dokumentensammlung von Walter Reinl, die im Archiv des Verein liegt.

Siedler waren verpflichtet: 1700 Stunden Eigenleistung

2007 bearbeitete Hermann Hilberg diese und gab sie, ergänzt um Fotos, als gedrucktes Werk in 90 Exemplaren heraus, so dass die Siedlungsgeschichte jetzt auf 120 Seiten ausführlich nachzulesen ist. Wetters Bürgermeister Heinrich Hilberg war der erste gewesen, der sich bei Landrat Ernst Schwebel in Marburg um einen solchen Siedlungsbau bewarb.

Die Siedlungswilligen mussten sich bewerben, handwerkliche Fähigkeiten waren unter anderem nötig, denn bei der gemeinsamen Errichtung der einstöckigen Häuser mit je 50 Quadratmetern Wohnfläche musste jeder 1700 Stunden an Eigenleistungen einbringen. 2500 Reichsmark Kredit erhielt jede Siedlerfamilie für Grundstücks- und Baukosten, bei mehr als drei Kindern wurde eine Kammer unter dem Dach eingeplant und es gab 500 Reichsmark mehr. Die monatlichen Raten betrugen 11,15 Reichmark.

Damit die Arbeiten an den Häusern alle gleich gut ausgeführt wurden, verloste man die Häuser erst nach dem Richtfest. Nicht alle waren zufrieden, die heutige Schulstraße und nach Süden gerichtete Haushälften wurden bevorzugt. Mit bis zu neun Personen bewohnten die Siedler ihre kleinen Häuser, das WC befand sich ebenso wie ein Nebengebäude mit Holzschuppen und kleinem Stall außerhalb. Um wirtschaftlich unabhängiger zu werden, war jede Familie zur Kleinlandwirtschaft verpflichtet. Obstbäume, Sträucher, Kleintierzucht, ein Schwein und eine Ziege gehörten dazu.

„Ich hatte immer Hunger“, erinnerte sich die 1932 geborene Marianne Schmidt an ihre frühe Kindheit. Fünf Geschwister waren sie. Ihr Vater, Konrad Scherer, arbeitete im Eisenwerk in Goßfelden, er fuhr mit dem Rad dorthin. Zweimal in der Woche sei sie ihm bis zur Walkemühle in Richtung Niederwetter entgegen gelaufen in der Hoffnung auf das „Hasenbrot“, das Brot, das er nicht aufgegessen hatte. Mit Butter, einem Stückchen Käse, manchmal etwas dünner Wurst belegt. „Das hat geschmeckt“, sagte Schmidt mit Nachdruck und erwähnte den besonderen Geruch, den dieses Brot in der alten Ledertasche des Vaters angenommen hatte und den sie immer noch im Gedächtnis trägt. „Es war eine arme Zeit, aber auch eine schöne Zeit“, betont sie und hebtden starken Zusammenhalt der Menschen innerhalb der Siedlung hervor.

Dieser blieb auch noch lange über den Krieg hinaus erhalten, erzählten einige Siedlerkinder der dritten bis vierten Generation. „Früher war hier nichts gepflastert und es gab keine Rasenflächen, um darauf zu spielen. Überall wurden Kartoffeln und Gemüse gezogen“, beschrieb die 1961 geborene Monika Damm. Und als Kinder seien sie die Kinder aller Siedler gewesen, überall hätten sie etwas zu essen bekommen.

Hans-Arnold Stöhr, Jahrgang 1958, ergänzte: „Wenn wir Hunger hatten, holten wir uns eine Karotte oder Obst aus dem Garten. Nur Dinge wie Milch haben wir außerhalb gekauft.“

Ein einzelnes Ereignis wird Marianne Schmidt, wie alle, die es miterlebt haben, nie vergessen. Gegen Ende des Krieges, am Nachmittag des 27. April 1945, war sie in der Nähe des Sportplatzes, um Molke für das Ferkel zu holen von der Molkerei. Da kam es bei der Walkemühle, wohl über einen halben Kilometer entfernt, zu einer gewaltigen Explosion. Als sie ihren rechten Fuß betrachtete, war ihr Schuh voller Blut, ein Splitter hatte den Fuß getroffen. Eine kleine Narbe ist heute noch sichtbar.

Man vermutete damals, dass belgische Soldaten unachtsam mit einem Benzinfeuer umgegangen waren und etwa 30 Tonnen amerikanische Landminen zur Detonation gebracht hatten. Es gab mehr als ein Dutzend Tote und viele Verletzte. „Alle Fenster und Türen in der Siedlung waren kaputt“, erinnerte sie sich. Die Druckwelle hatte auch die Dächer einiger Häuser fortgerissen. Die Familien mussten erst einmal ihre Häuser verlassen und wurden über die ganze Stadt verteilt.

Susanne Jakob ist das letzte echte Siedlungskind

Anfang der 1960er Jahre gab man in der Siedlung die Haltung von Schweinen und Ziegen auf, Hausschlachtungen gab es aber noch immer. Und im November 1963 gab es die letzte Hausgeburt. Susanne Jakob ist die einzige in der Siedlung Geborene, die heute noch dort lebt, eine echte „Wettersche Quetsche“, wie sie lachend erzählt.

Wie anderswo in Wetter, prägen heute schmucke Blumenbeete und kleine Gartenflächen die durch zusätzliche Bauten, meist die der Nachfahren, verdichtete Siedlung.

Andere Häuser wurden verkauft, die Gemeinschaft ist nicht mehr so eng. Aber während des kleinen Festes lebte der Geist der alten Siedler wieder auf, und so wird es diesmal wohl nicht so lange bis zur nächsten Feier dauern in dem Wohngebiet, das 1945 in „Siedlung“ umbenannt wurde, 1953 „Straße des 17. Juni“ hieß und später zur Schulstraße 5074 und zum Gartenweg 1 bis 8 wurde.

von Manfred Schubert

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