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Im Wald gibt die Holzindustrie den Ton an

Nutzungskonflikte Im Wald gibt die Holzindustrie den Ton an

Die einen wollen Bäume fällen, die anderen wollen diese mit 40-Tonnern abfahren. Wieder andere suchen Ruhe. Die Ansprüche an Waldwege sind hoch, die Konflikte vielfältig, wie der heutige Teil ­unserer Waldserie zeigt.

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Ganz schön schlammig: Der Einsatz schwerer Geräte schadet den Waldwegen.

Quelle: Tobias Hirsch

Sterzhausen. Ist der Wald überhaupt noch groß genug? So groß, dass Forstleute, Abfuhrunternehmen und Freizeitnutzer dort nebeneinander Platz finden? Nun ja, es wird womöglich eng. So eng, dass vielleicht nur noch eine Entflechtung des Wegenetzes helfen kann.

Dieses Fazit kann man aus einer Diskussionsveranstaltung ziehen, zu dem das Forstamt Burgwald an einem sonnigen Tag ins Waldgebiet Wollenberg oberhalb von Sterzhausen eingeladen hat, zu „Gesprächen über nachhaltige Forstwirtschaft mit Wildwurstgrillen“. An der malerisch gelegenen Lessinghütte werden sich an diesem Sommernachmittag vielfältige Nutzungskonflikte offenbaren, die nicht einfach so zu lösen sind.

Aber immerhin ergeben sich ein paar Perspektiven für die Freizeitnutzer im Dialog mit dem Forstamt. Denn dieses bietet in Person seines Leiters Eberhard Leicht an, künftig besser miteinander zu reden und wo es geht, auch Streckenabschnitte aufzutun, die in der Forstwirtschaft außen vor bleiben könnten - zur Förderung des Wandertourismus und des Erholungswertes. Doch bis zu dieser gemeinsamen Schlussfolgerung ist es noch ein weiter Weg.

Zerfahrene Wege lassen sich schlecht bewandern

Rund 50 Menschen haben dort im Wald einiges zu diskutieren, „am besten rede ich zum Schluss, danach ist‘s dann nicht mehr so entspannt“, sagt Christoph Paul, Einkaufsleiter eines europaweit tätigen Sägewerks in Brillon. Neben Paul wollen auch Forstamtsleiter Leicht und der Wanderfachmann und im Regionalmanagement Burgwald engagierte Gerd Daubert über Ansprüche an Waldwege berichten.

Dabei geht es zunächst um aufgeweichte und schlammige Wege, die von der Holzernte zurückliegender Monate zerfahren und nun für die Nutzung durch Wanderer nicht mehr geeignet sind. „Es wird nie ganz zu verhindern sein, dass Waldwege so beansprucht werden - aber wir wollen hier Verhaltensweisen verabreden“, kündigt Eberhard Leicht an und gibt einen Überblick dazu, was das Waldgesetz den Freizeitnutzern gestattet: Radeln und Reiten nur auf den Wegen, für Kutschfahrten muss der Weg mindestens zwei Meter breit sein und mit motorbetriebenen Fahrzeugen darf man im Wald nur mit der Zustimmung des jeweiligen Besitzers unterwegs sein.

Letzteres gilt übrigens auch fürs Rauchen im Wald - gestattet ist es nur dort, wo der Eigentümer sein Okay gibt. „All dies ist eine unentgeltliche Inanspruchnahme“, stellt Leicht klar. Und er ergänzt auch gleich, dass es an die Ausbau-Standards keine rechtlich zu untermauernden Ansprüche gebe. „Der Besitzer entscheidet - die Unterhaltung der Waldwege obliegt den privaten Eigentümern, Kommunen, Körperschaften und dem Land.“

2014: Sanierung der Waldwege kostete 430 000 Euro

Finanziert werden Pflege und Ausbau der Waldwege durch die Betriebserträge der Waldbesitzer - Hessenforst als Landesbetrieb müsse das Geld selbst erwirtschaften, „da steckt nicht mehr der Steuerzahler dahinter“, betont Leicht. Folglich muss das Forstamt Burgwald kräftig Holz verkaufen, um die Wegepflege zu finanzieren - die aber auch überhaupt erst durch so viel Holzverkauf so aufwendig wird. Ein Kreislauf. Im Forstamtsbezirk findet er statt auf einer Fläche von 14000 Hektar Staatswald und 436 Kilometern Lkw-Abfuhrwegen, die kleinen schmalen Waldwege sind noch nicht einmal dabei.

360000 Euro musste das Forstamt im Jahr 2013 auf den Tisch legen, um die Wege so erhalten zu können, wie es für die heutige moderne und mit schwerem Gerät ausgeführte Forstwirtschaft nötig ist. „Der Sanierungsbedarf hat dadurch deutlich zugenommen“, bekennt Leicht, „gerade bei schlechtem Wetter bringen die Maschinen den ganzen Kladderadatsch von den Rückegassen auf die Wege“. So gab das Forstamt Burgwald im Jahr 2014 bereits 430000 Euro für die Waldwege aus. „Dafür müssen wir zusätzliches Geld reinholen.“

An den Waldwegen im Burgwald wird stetig gearbeitet. Alljährlich kommen 15 Prozent von ihnen an die Reihe, berichtet Leicht und spricht von einem Euro pro Jahr für jeden Laufmeter, „und alle sieben Jahre sind wir mit den Wegen durch und es geht wieder von vorne los“.

Burgwald hat 18 Premiumwanderwege zu bieten

Das Forstamt wolle sich noch verbessern, stellt Leicht klar, auch wenn die finanziellen Möglichkeiten ihre Grenzen haben. Er setzt auf den Dialog und fragt, wo sich Freizeitnutzer und Forstamt besser vernetzen können.

Auch Gerd Daubert kennt sich mit Waldwegen bestens aus. Der frühere Leiter des Amts für den Ländlichen Raum in Marburg hat viele Flurbereinigungsverfahren begleitet - dabei geht’s immer auch um Wald- und Feldwegebau. Als passionierter Wandersmann, tätig im Regionalmanagement für den Burgwald, vertritt er heute die Interessen jener, die den Wald als Erholungs- und Freizeitraum nutzen.

Der Burgwald steht dabei mit 18 zertifizierten Premiumwanderwegen im Wettbewerb der Regionen. Sie alle wollen möglichst viele Wandertouristen haben - das stärkt die Wirtschaft vor Ort und bringt Geld in die Region. „Die Leute wollen auch nicht einfach nur ein Bier, sie wollen ein Premium-Pils - so ist das auch bei den Wanderwegen“, verdeutlicht Daubert und nennt ein paar Kriterien. Schön und abwechslungsreich sollen die Premiumrouten sein, mit ein paar Höhenunterschieden auf der Strecke, Gastronomie unterwegs und möglichst wenigen Asphaltwegen.

„Wir wollen hier keinen weiteren Ausbau in großem Stil, wie in anderen Wanderregionen, wir wollen eine Qualitätswanderregion mit ausgesuchten Angeboten“, sagt er über die Ziele im Burgwald. „So weit, so gut, aber dann liest man in der Zeitung, dass Wanderer auf der Tour Stirnhelle bei Oberrosphe im Matsch rumlaufen“, beschreibt Daubert ein typisches Ärgernis. So ist das, wenn viele Wanderrouten über Forstwege führen, „da müssen wir ran, das widerspricht den Premiumkriterien“.

Daubert und Leicht wollen auf Dialog setzen

Daubert wünscht sich ein ­Wegemanagement in Zusammenarbeit mit dem Forstamt - wie dessen Leiter auch, setzt er auf den Dialog. „Wo hat der Harvester Schäden hinterlassen? Wenn wir das wissen, können wir einen Weg auch einmal vorübergehend sperren, eine alternative Streckenführung ausweisen und im Internet darauf hinweisen.“ Ein Zuhörer an der Lessinghütte wird bei Dauberts Ausführungen direkt ärgerlich. „Nur fordern aber nichts zahlen! Die Region muss auch etwas dazugeben“, befindet er und Daubert stellt gleich klar: „Finanziell ist da nichts drin, aber wir hoffen auf Sponsoring durch Firmen in der Region.“

Dann kommt der Vertreter der Industrie zu Wort. „Unsere Anforderungen sind gnadenlos“, sagt Christoph Paul, Einkaufsleiter des Sägewerks Egger Brillon, und versetzt die Zuhörer mit einigen Fakten wechselnd in Erstaunen und Empörung. Die Kapazitäten des Sägewerks, das er vertritt, liegen bei der Verarbeitung von 1,2 Millionen Festmetern Rundholzeinschnitt im Jahr. „Die Verbrauch von Holz ist doppelt so hoch wie noch vor 20 Jahren“, berichtet Paul. Die Branche biete 1,3 Millionen Arbeitsplätze in der Republik. Die Arbeit der Sägewerke erfolge unter hohem Kostendruck, die Umsatzrendite liege inzwischen bei unter zwei Prozent. Entsprechend zieht das Sägewerk, das in Europa an 17 Standorten tätig ist und 7200 Mitarbeiter beschäftigt, große Einkaufsradien. So kauft der Standort Brillon im Umkreis von 300 Kilometern ein und ist großer Kunde des Forstamts Burgwald.

Qualitätsanspruch erfordert sofortige Abfuhr der Holzernte

Im Kerngeschäft konzentriert sich das Unternehmen Egger auf Restholz. Auf Lagerhaltung wird dabei möglichst verzichtet, die Industrie will am liebsten das gefällte Holz sofort abholen. „Wir wollen auf jeden Fall weniger als einen Monat Lagerung im Wald wegen unseres Qualitätsanspruchs“, sagt Paul.

Abgefahren wird das Holz mit 40-Tonnern - das stellt die Waldwege auf die Probe. Vollbeladen und ganzjährig sollen die schweren Transportfahrzeuge unterwegs sein können, „die Wege mindestens drei Meter breit bei maximal zwölf Prozent Steigung“, sagt Paul.

Dass 40-Tonner durch den Wald fahren, das kommt schlecht an bei den Zuhörern. „In Schweden wird mit 90-Tonnern abgefahren“, erklärt der Einkaufsleiter schulterzuckend. Er kann sich nur eine Entflechtung des Waldwegenetzes als Lösung vorstellen. „Lieber weniger und gute Wege“, formuliert er seinen Anspruch.

Wildschweinwurst unterbricht weitere Debatte

Auf den Schreck eine Wildschweinwurst - oder auch zwei. Die Diskussionsrunde an der Lessinghütte wird aufgeschoben. Grillmeister ist heute der Forstwirtschaftsmeister Frank Kleinwächter aus Ernsthausen. Beim Gespräch über forstwirtschaftliche Themen soll niemand hungrig bleiben - und so spendiert das Forstamt als Gastgeber die Würstchen, hergestellt aus Wildschweinfleisch des Burgwaldes. Die Gäste an der Lessinghütte greifen zu.

An die Lessinghütte sind an diesem Tag Vertreter von Kommunen gekommen, Jäger, Naturschützer, Reiter, Wanderer - Menschen, die an der Nutzung des Waldes interessiert sind. Und nach dem Schmaus kommt der Austausch. Einige wollen ihre Interessen jetzt noch formulieren. „Freizeitnutzer sollen politische Vorstöße zur Finanzierung der Waldwege machen“, sagt ein Jäger, „für andere Erholungseinrichtungen wird ja auch Steuergeld ausgegeben“.

Dr. Anne Archinal, Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“, spricht über sensible Gebiete im Wald. „Das Forstamt sollte sie auskartieren“, regt sie an und fordert, beim Wegebau mehr auf die Jahreszeit zu achten und auf Arbeiten wie Mulchen in der Vegetationszeit zu verzichten. Sie formuliert auch den Eindruck, dass Waldwege „autobahnmäßig“ ausgebaut würden. „Da ist nichts mehr mit Erholung“, sagt sie und konstatiert: „Es geht immer nur ums Geld.“

"Entflechtung" wird das Zauberwort des Tages

Burgwald-Regionalmanager Stefan Schulte fordert Umleitungen für zerfahrene Wanderwege. „Sie sollten ausgeschildert werden von denen, die die Schäden bewirken“, appelliert er ans Forstamt und regt an, „wirtschaftliche Maßnahmen nicht zu den Zielen des Handelns zu machen“. Vielleicht müssten für den Wald dann wieder Steuermittel eingesetzt werden, befindet er.

Klaus Gerth aus Caldern-Brungershausen spricht aus Reiter-Sicht über dick geschotterte Waldwege. „Da macht man sich die Pferde komplett kaputt“, sagt er und ergänzt: „Früher waren wir stolz darauf, dass wir naturnahe Wege zum Traben und Galoppieren hatten.“ Rund um den Wollenberg im Burgwald gebe es rund 150 Pferde, „das ist das Gebiet für die Reiter“, stellt Gerth klar und wünscht sich vom Forstamt, dass es stärker die Erholungssuchenden und auch die Tiere im Blick behält.

Am Ende bleibt „Entflechtung“ das Zauberwort des Tages. Allerdings müsse diese ohne größeren finanziellen Spielraum vonstattengehen, „mehr als die 430000 Euro pro Jahr für die Waldwege, das kriegen wir nicht hin“, sagt Eberhard Leicht und formuliert ein Ziel aus den Gesprächen des Nachmittags: eine bessere Kommunikation zwischen den Waldwegenutzern. Er sagt zu, dass das Forstamt Eingriffe auf Wanderwegen künftig bekanntgeben wird und fordert das Regionalmanagement auf, hinsichtlich der Umleitungsempfehlungen tätig zu werden. Wenn Waldwege für alle da sind, aber kein Geld für Sonderwünsche vorhanden ist, dann bleibe am Ende nur dies: „Wir müssen das Beste daraus machen.“

von Carina Becker

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