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„Ich bin innerlich fast verblutet“

Aortenaneurysma „Ich bin innerlich fast verblutet“

Der 14. Oktober 2010 war ein Schicksalstag für Peter Segebrecht. Seitdem ist für ihn nichts mehr so, wie es einmal war. Sein Leben ist sehr eingeschränkt.

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PeterSegebrecht mussten beide Füße nach einem Aortenaneurysma amputiert werden

Quelle: Nadine Weigel

Caldern. Als gelernter Berufskraftfahrer reiste Peter Segebrecht durch ganz Europa. „Ich war oft zwischen drei und fünf Wochen unterwegs“, erzählt der 57-Jährige. Doch sein Leben änderte sich schlagartig. Im Herbst 2010 klagte er über Schmerzen. „Die waren oft an ganz unterschiedlichen Stellen im Körper“, sagt er.  

Doch der behandelnde Arzt fand nichts. Sagte ihm, es sei alles in Ordnung. Auch ein Notarzt, den er wegen seiner Schmerzen aufsuchte, fand nichts. Mit den Aussagen, dass bei ihm alles in Ordnung ist, musste  sich Peter Segebrecht zufrieden geben.

„Ich war sogar neun Minuten und vier Sekunden tot“

Am Abend des 14. Oktobers 2010 sollte er wieder auf Tour. Die Fahrt hätte ihn nach Rom geführt. Doch es kam ganz anders. „Ich habe auf einmal so starke Schmerzen bekommen, dass ich es nicht mehr ausgehalten habe“, erzählt er. Viel weiß er von dem Abend nicht mehr. Nur, dass mehrere Rettungswagen bei ihm vorm Haus vorfuhren, und die Rettungsärzte sich um ihn kümmerten. Dann fiel er ins Koma. Zweieinhalb Monate. „Ich war sogar neun Minuten und vier Sekunden tot“, erzählt der Wahl-Caldener. „Das haben die medizinischen Aufzeichnungen ergeben.“

Am  21. Dezember wachte er aus dem Koma auf. „Dass ich überhaupt noch lebe, verdanke ich einem sehr guten Professor in der chirurgischen Abteilung des Uni-Klinikums“, sagt Peter Segebrecht. „Meine Überlebenschance lag bei 0,02 Prozent. Ich bin innerlich fast verblutet.“ Ursache für seinen totalen Zusammenbruch war ein Aorten‑aneurysma, das von den aufgesuchten Ärzten nicht erkannt wurde.

Lesen und schreiben neu erlernt
Doch damit nicht genug: Als er aus dem Koma erwachte, war alles anders. „Ich musste alles neu lernen. Schreiben, lesen – nichts funktionierte mehr wie früher.“ Sämtliche Bücher, die er in der Klinik bekommen konnte, las er, um wieder zusammenhängende Wörter begreifen zu können.

Doch es kam eine weitere Hiobsbotschaft: Sie mussten ihm im Klinikum beide Vorderfüße abnehmen, weil sich der Körper das Blut daraus holte und sie schon schwarz waren. „Bis ich wieder laufen konnte, das hat ewig gedauert“, erzählt der 57-Jährige. Mit den Prothesen kommt er zwar klar, aber er ist körperlich am Ende. „Alles ist anstrengend. Ich bin so schnell überfordert und übermüdet, dass ich kaum etwas machen kann.“

Zwar ist Peter Segebrecht froh, dass er dank der guten Versorgung im Uni-Klinikum überlebt hat, aber sein Leben ist ein komplett anderes. Seinen Beruf kann er nicht mehr ausüben. „Das schaffe ich nicht“, sagt er. Auch seine Hobbys kann er vergessen. „Ich habe früher gern Oldtimer aufgebaut, das geht nun nicht mehr.“ Seine handwerklichen Begabungen kann er nicht mehr einsetzen.

Sein Leben spielt sich überwiegend im Haus ab

„Wir sind früher gern spazieren gegangen, aber ich bin nach 300 Metern fix und fertig.“ Veranstaltungen besucht er ebenfalls nicht mehr. Und auch Familienfeiern meidet er, weil er Angst hat, dass der Behälter für seinen künstliche Ausgang nicht hält. Peter Segebrechts Leben spielt sich überwiegend im Haus ab. Zur Unterhaltung dient der Fernseher. Für Freude sorgt der Besuch seiner Enkelkinder.

Zunächst musste er 19 Tabletten am Tag einnehmen, inzwischen sind es sieben. „Alles Schmerzmittel.“

Unter der Situation leidet auch seine Frau Jelena. „Wir haben eine sehr schwere Zeit“, sagt sie. „Das belastet die ganze Familie.“  Zuletzt war sie Alleinverdienerin, arbeitete in der Altenhilfe. „Ich habe so viel gearbeitet, aber nun haben sie mir gekündigt“, sagt sie völlig verzweifelt.

Um einen Schadensersatz zu erhalten, klagt Peter Segebrecht gegen den Arzt, der damals nicht erkannte, wie es um ihn stand. Doch das Verfahren zieht sich schon seit Jahren hin.
Insgesamt hat Peter Segebrecht ein Jahr und acht Monate Kliniksaufenthalt hinter sich, acht Monate davon am Stück.   

von Heike Horst

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