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Hugenottisches Blut in jungen Adern

Stammbäume in Todenhausen Hugenottisches Blut in jungen Adern

Wer waren meine Vorfahren? Woher stammten sie? Zwei Fragen, deren Antworten Familienforscher nur allzu gern nachjagen. Spannend wird‘s auch, wenn man schon weiß, dass die Wurzeln im Ausland liegen.

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Gerhard Badouin mit Walter Clément, Philipp und Pascal Clément sowie Jakob Combé vor den beiden Familientafeln, die im Archiv Todenhausen jetzt neu zu sehen sind.

Quelle: Götz Schaub

Todenhausen. Der Wetteraner Stadtteil Todenhausen ist auf den ersten Blick ein ganz normaler Ort, doch hat er wie einige andere Orte in der Region schon eine große Integrationsgeschichte hinter sich. 1720 bestand der Ort nur aus einigen Gehöften, in denen etwa zehn Familien wohnten. Wie sie sich wohl gefühlt haben, als sich plötzlich aus Frankreich kommende „Réfugiés“ dort zusammenfanden, um zu bleiben? 40 Familien waren es, die die Colonie Todenhausen aufbauten, die schon sehr bald ganz offiziell Französisch Todenhausen hieß. Heute, 295 Jahre später, existiert noch immer die Colonie, und viele Nachnamen der Dorfbewohner erinnern noch an diese sicherlich bewegten Zeiten um 1720. Die Franzosen, die damals nach Todenhausen kamen, hatten ihre Heimat keineswegs mit leichtem Herzen verlassen, sondern weil sie dort als Hugenotten (siehe Hintergrund) verfolgt wurden.

Die Familien mussten in der Folgezeit schwer um ihr wirtschaftliches Auskommen kämpfen. Weitere Flüchtlingsfamilien, die später im Jahr 1720 ankamen, konnten schon nicht mehr aufgenommen werden. Sie wanderten weiter nach Wiesenfeld, blieben aber mit den Menschen in Todenhausen in Kontakt.

Rekonstruktion der Familienstammbäume

Gerhard Badouin aus Gemünden ist, wie sein Nachname vermuten lässt, auch ein Nachfahre hugenottischer Flüchtlinge. Seit er im Ruhestand ist, beschäftigt er sich mehr denn je mit der Geschichte der Hugenotten und Waldenser, die in der heimischen Region, etwa in Todenhausen, Wiesenfeld, Louisendorf und Schwabendorf, eine neue Heimat fanden. Dabei hat er auch zahlreiche Familienstammbäume rekonstruiert - seinen eigenen übrigens bereits in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Als er dabei größere verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den Dörfern Wiesenfeld und Todenhausen feststellte, forschte er sich zuletzt durch die Familiengeschichte der Cléments und Combes, die jeweils in Todenhausen und Wiesenfeld ansässig waren und noch immer sind. Stammbaumtafeln der jeweils ersten männlichen Linie befinden sich nun ausgestellt in Wiesenfeld und im Archiv in Todenhausen.

Hans Werner Müller, der sich um das Archiv, das im ehemaligen Schulgebäude des Ortes eingerichtet wurde, kümmert, freut sich sehr, die mit einem Holzrahmen versehenen Stammbäume dort öffentlich ausstellen zu dürfen. Zur kleinen Einweihungsfeier waren Nachfahren der Familien gekommen, die selbst Teil des Stammbaums sind. Die jüngsten sind dabei die vierjährigen Zwillinge Philipp und Pascal Clément, die mit ihrer Familie in Todenhausen leben. Und auch Walter Clément und Jakob Combé, beide 76 Jahre alt, zeigten sich von ihrer Ahnentafel sehr beeindruckt. Dabei musste Jakob Combé sich von Gerhard Badouin erklären lassen, dass sich sein Nachname Combe eigentlich nicht mit einem Strich über dem e schreibt. Diese Schreibweise sei einmal eingeführt worden, als es als schick galt, seinen Namen mit einem französischen „accent aigu“ zu versehen. „Da muss ich mir wohl noch einmal überlegen, ob ich die Schreibweise noch mal ändere“, sagte Jakob Combé. Seine Vorfahren stammen aus Barcelonne, sein Familienstammbaum beginnt nachweislich 1692 mit einem Jean Combe, der eine Jeanne Coriot heiratete. Der Stammbaum der Cléments beginnt mit einem Esprit Clément, der ebenfalls eine Jeanne heiratete. Die Cléments stammen aus Orpierre in den französischen Alpen nahe der Provence.

Fahrten in die "alte Heimat"

Dort wohnen heute rund 330 Menschen. Die Ursprungsorte kennen Badouin und auch zahlreiche Nachkommen der Hugenotten nicht nur vom Hörensagen oder vom Finger auf der Landkarte. Nein, Badouin hat schon zahlreiche Fahrten in die historischen Heimatorte der heutigen Nachfahren organisiert. Hans Werner Müller weist dabei auf die im Archiv Todenhausen hängenden Tafeln mit aktuellen Fotos aus der „alten Heimat“ der Hugenotten hin.

So sehr Badouin auch in alten Kirchenbüchern und anderen Quellen forscht, so bleiben doch immer ein paar Geheimnisse bestehen. Er erzählt etwa von einem Allié in Todenhausen, der sich laut Kirchenbuch von 1762 aber mit einem „H“ schrieb. Unbekannt für Todenhausen.

Zu dieser Zeit fand aber auch der siebenjährige Krieg (1756 bis 1763) statt. „Es ist gut möglich, dass es sich bei diesem Mann um einen französischen desertierten Soldaten handelte“, sagt Badouin. Doch kann er es nicht beweisen, denn so plötzlich wie er einmal im Kirchenbuch auftauchte, verschwand er auch wieder. Was aus ihm wohl geworden ist?

von Götz Schaub

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