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Historischer Einblick durchs Bohrloch

Nikolaikirche Caldern Historischer Einblick durchs Bohrloch

Die Calderner Kirche wurde bisher nur anhand ihres Baustils auf das 13. Jahrhundert datiert. Ergebnisse einer speziellen Untersuchung belegen nun, dass manche Balken um einiges älter sind.

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Im Dachstuhl der Nikolaikirche nimmt Dr. Gerd Strickhausen eine Probe, die im Labor auf ihr Alter geprüft wird. Im Hintergrund sieht man die Deckengewölbe von oben.

Quelle: Philipp Lauer

Caldern. Fachmännisch schlägt Dr. Gerd Strickhausen mit dem Hammer eine Metallführung in einen Balken im etwas düsteren Dachstuhl des Langhauses der Calderner Nikolaikirche. Dann stemmt er den Kernbohrer Stück für Stück ins Eichenholz. „Das Holz ist hart, das Bohren sehr anstrengend“, ruft Strickhausen durch den Lärm. Holzspäne fallen, es staubt. Als die Maschine verstummt, muss sie erst etwas abkühlen. Kurz darauf schraubt Strickhausen den Aufsatz auseinander und entnimmt die Holzprobe, die im Durchmesser zwischen acht und neun Millimeter misst. Die Probe wird in einem genau beschrifteten Umschlag verwechslungssicher verpackt und ins Labor geschickt.

Die Jahresringe verraten, wann der Baum geschlagen wurde

„Früher wurden die Bäume saftfrisch verbaut. Mit einer dendrochronologischen Untersuchung kann man relativ genau bestimmen, aus welchem Jahr der Baum stammt“, erklärt der Kunst- und Bauhistoriker zwischen den vielen Balken des Dachstuhls und den Gewölben der Kirche.

Dendro-wie-bitte? Strickhausen erklärt, worum es geht. „Bei der dendrochronologischen Untersuchung wird die Abfolge der Jahresringe in der Probe mit einer bestimmten Zeitenreihe verglichen. Im Vergleich kann man feststellen, wann der Baum gewachsen ist. Wenn man am Balken die Außenseite des Baums findet und in die sogenannte Waldkante bohrt, kann man relativ genau bestimmen, wann der Baum gefällt wurde.“

Bauhistoriker arbeitet in diesem Fall ehrenamtlich

Bisher wurde das Alter der Calderner Nikolaikirche nur kunsthistorisch, also anhand der Stilformen und Kapitelle geschätzt - und zwar auf das zweite Viertel des 13. Jahrhunderts, verrät Volker Heine vom Heimat- und Geschichtsverein. Anlässlich der bevorstehenden 1200-Jahrfeier will die eigens gegründete Arbeitsgemeinschaft Chronik genau herausfinden, wann die Kirche gebaut wurde.

Ein Glücksfall, dass sie dazu mit Strickhausen einen ausgewiesenen Fachmann in den eigenen Reihen haben. Der Calderner Bauhistoriker nimmt die Bohrungen und Gutachten ehrenamtlich vor, die Gemeinde muss nur die Kosten für die Laboruntersuchungen in Neu-Isenburg tragen. Diese belaufen sich schätzungsweise auf 1500 Euro.

Interessante Funde als Hinweis auf Recycling

Gemeinsam mit seiner Frau Dr. Gabriele Nina Strickhausen hat der Experte bereits 24 Bohrproben genommen. Fünf sollen noch folgen. Unterstützt wurde er bei den Einsätzen von Volker Heine, einmal half auch Tochter Jantje Bode. „Statisch ist das völlig unbedenklich, zumal einige Balken völlig überdimensioniert sind“, erklärt Strickhausen. Mindestens dreißig Arbeitsstunden (pro Person) hat das Team bereits in der Nikolaikirche verbracht und dabei spannende Entdeckungen gemacht. „Die Bohrungen ermöglichen Einblicke in die Calderner Geschichte, die man vorher noch nicht hatte“, freut sich Strickhausen.

Zum Beispiel wurde eine Mauerlatte auf das Jahr 1007 datiert. Darauf wiederum wurden Deckenbalken aus dem 13. Jahrhundert aufgelegt. „Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass beim Bau Holz aus einem oder mehreren Gebäuden aus der Gegend wiederverwendet wurde. Die Balken könnten aus einer älteren, sogenannten Vorgängerkirche oder aber einer Burg stammen“, erklärt Strickhausen.

Um die Bauzeit der Kirche möglichst genau eingrenzen zu können, wartet Strickhausen nun auf die Laborgutachten der kürzlich genommenen Proben. Bis zum Dorfjubiläum wird es wohl nicht dauern, spätestens zur Feier im Jahr 2017 soll es aber einen abschließenden Bericht geben.

von Philipp Lauer

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