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Hier formt das Ross den Boss

Managertraining Hier formt das Ross den Boss

Sie lernen korrekt zu kalkulieren und budgetorientiert zu planen, lernen sich durchzusetzen und zu behaupten. Nur Personalführung – das müssen sie sich selbst erarbeiten. Mirella Flohr bittet Bürohengste zum Führungskräfteseminar in den Stall.

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OP-Redakteurin Marie Lisa Schulz beim Probe-Managertraining mit Pferd in Niederwetter.

Quelle: Tobias Hirsch

Niederwetter. Ich bin Chef. Mein Mitarbeiter ist ein Pferd. Genauer gesagt eine Stute. Und die streckt mir ihren Hintern entgegen. Das kann ja heiter werden, denke ich und beginne mit der Mitarbeitermotivation. Locken, loben, Zunge schnalzen – der Hintern bewegt sich keinen Millimeter. Mein vierbeiniger Mitarbeiter hat keine Lust auf mich – den Chef. Ich stapfe auf, fuchtele mit den Armen, werde laut. So ein Pferd reagiert nicht auf schlüssige Argumentationsketten und klar ausformulierte Arbeitsaufträge. So ein Pferd achtet einzig und allein auf Körpersprache. Und meine Körpersprache sagt aus: „Entschuldigung, liebes Pferd, dass ich dich beim Fressen störe, würdest du die Güte besitzen deinen Hintern in Bewegung zu setzten?“ Dabei möchte ich doch so gern sagen:  „Los jetzt, wir packen es an!“

Mirella Flohr beobachtet meine kläglichen Kommunikationsversuche mit dem Pferdehintern. Die 37-Jährige gibt Managern und Führungskräften Nachhilfe in Sachen „Personalführung“. „Ich habe selbst erfahren, wie Chefs Teams splitten können und mir immer gedacht: hier stimmt doch etwas nicht. Von diesem Zeitpunkt an wollte ich etwas verändern.“

Wie schwer „führen“ sein kann, wusste die Juristin durch ihr Hobby, das Reiten. Klar, gab es die Tage, in denen ihre Stute brav neben ihr her spazierte. Es gab aber auch die Tage, in denen sie sich nicht vom Fleck wegbewegen wollte, an denen sie im Eiltempo überholte oder nach links und rechts auszuscheren versuchte. Eine Idee war geboren. Eine Idee, die sieben Jahre brauchte, bis sie ausgereift war. Mirella Flohr, ließ sich zur  Mediatorin ausbilden und entwickelte ein Seminarkonzept für Manager, um genau das zu lehren, was oftmals nicht gelernt wird: führen. Keine Mitarbeiter, sondern ein Pferd. Nicht mit Zuckerbrot und Peitsche, sondern mit Hilfe von selbstbewusstem Auftreten und einer überzeugenden Körpersprache – niemals aber durch Zwang.

Stute enttarnt verborgen geglaubte Schwächen

„Es geht darum, sich selbst bewusster zu werden. Seine eigene Wirkung abschätzen zu lernen.“ Meine Wirkung auf Stute Brownie scheint einschläfernd – die Stute lässt die Lippe hängen. Dabei sollte sie doch zügigen Schrittes durch den Paddock schreiten. Anfassen darf ich sie nicht. Sonst ist alles erlaubt. Mirella Flohr gibt Tipps: bestimmtes Auftreten statt leichtes Tippeln, laut und klar sprechen, statt leise zu flöten. Zum ersten Mal bewegt sich der Pferdehintern. Langsam schlurft die Stute von einer in die andere Ecke. Motivation? Fehlanzeige. Eher herablassendes Mitleid mit der Chefin, die irgendwie keine Chefin zu sein scheint.

Normalerweise, so die Trainerin, zeichne eine Kamera die Übung auf. Für viele Seminarteilnehmer eine lehrreiche Erfahrung. Zu sehen, wie das eigenen Auftreten auf Außenstehende wirkt und zu beobachten, wie eine Stresssituation gelöst wird – das ist neu.

Ich bin froh, dass die Kamera ausgeschaltet bleibt. Brownie stresst mich. Einfach, weil sie sich nicht stressen lässt. Schluss mit der Schmusepädagogik – jetzt wird es ernst. Ich klatsche in die Hände, ich senke die Stimme, ich gehe entschlossen auf das Pferd zu. Und siehe da, Brownie dreht zumindest ihr Ohr statt ihren Hintern in meine Richtung. Und sie schlurft los. Triumphierender Blick zu Mirella Flohr: „Es geht!“, rufe ich. Es –  also Brownie – geht nicht mehr. Sobald ich mit der Aufmerksamkeit abschweife, bleibt die Stute stehen. Schlaues Tier.  Enttäuschte Chefin.

Präsenz zeigen mit dem ganzen Körper

„Es geht darum zu lernen, in verschiedenen Situationen entsprechend aufzutreten“, erklärt die 37-Jährigen. Mal Aufmerksamkeit einfordern, mal loben, mal klare Anweisungen geben. Immer präsent sein – nicht nur im Kopf, sondern mit dem ganzen Körper. Zwei Tage lang sollen die Seminarteilnehmer lernen, wie sie ihre Wirkung verbessern, ihre Ziele nicht aus den Augen verlieren und dabei trotzdem auf ihre Mitarbeiter eingehen und sie motivieren können.
„Ziel ist es, Mängel im Führungsstil zu erkennen.“ Keine leichte Aufgabe – wer gibt schon gern Mängel zu. Stute Brownie schafft es binnen weniger Minuten, verborgen geglaubte Schwächen ans Tageslicht zu bringen. Ungeduld – beispielsweise. Aufbrausendes Verhalten. Aber auch energielose, unmotivierte Lösungsversuche. „Wenn du so schlaff daher rennst, wird sie sich nicht bewegen“, mahnt Mirella Flohr. „Ich will sehen, dass du kreativ wirst – lass dir etwas einfallen. Du bestimmst mit deinem Auftreten über Nähe und Distanz.“

Nähe? Dass ich nicht lache. Dieses Pferd hat noch nicht einen Schritt auf mich zu getan. Vielleicht, so beginnt es in meinem Kopf zu rattern, ist es an der Zeit, dass ich mich auf sie zu bewege. Ich lasse den Hintern Hintern sein und nähere mich dem Pferdekopf. Lasse sie an meiner Hand schnuppern, klopfe den Hals. Nein, Freundschaft ist das nicht. Eher stille Akzeptanz. Bei der zweiten Übung – wieder geht es um Führen ohne Führstrick – haben Brownie und ich unsere Ebene gefunden. Ich spreche sie nicht mehr mit „Entschuldige, liebes Pferd an“, sondern gebe klare Anweisungen. Dafür beende ich die Übung mit einem „Danke, liebes Pferd.“ Als ich den Platz verlasse, streckt Brownie mir zum Abschied erneut den Hintern entgegen. Wenn ich eines gelernt habe, dann das: nicht alles persönlich nehmen.

von Marie Lisa Schulz

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