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Haltbarer Dünger aus der „Betonkuh“

Bioenergie Haltbarer Dünger aus der „Betonkuh“

Was hinten rauskommt aus der „Betonkuh“, wie Betreiber Stephan Lölkes seine Biogas-Anlage nennt, riecht viel weniger intensiv als Kuhdung - und ist ein vielseitig verwendbares Material. In Mellnau gibt‘s nämlich eine neue Technik.

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Die "Betonkuh", wie man Biogas-Anlagen auch nennt, wird rund um die Uhr mit Biomasse gefüttert, bis irgendwann die aufbereiteten Gärreste als hochwertiger Dünger die Anlage verlassen.

Quelle: Carina Becker

Mellnau. Für 85 000 Euro haben Brigitte und Stephan Lölkes, die Betreiber des Bioenergiehofs „Vor den Tannen“ bei Mellnau, ihre Biogas-Anlage aufgerüstet - und führen eine für den Landkreis neue Technik ein. Das Gärsubstrat der Mellnauer „Betonkuh“, die täglich 50 Tonnen Biomasse „verdaut“, wird fortan getrennt in flüssige und feste Bestandteile aufbereitet. „Eine Methode, die Landwirtschaft und Wasserwirtschaft entlastet“, sagt Stephan Lölkes und greift in die bröckelige dunkelbraune Masse.

Die festen Reste des Gärsubs-trats sind leicht feucht, wenn sie frisch aus der Anlage kommen, die pflanzlichen Strukturen der Biomasse noch deutlich erkennbar - und der Geruch ist verblüffend schwach, nicht zu vergleichen mit penetrant riechender Gülle. „Wir haben auch schon positive Rückmeldungen per Telefon bekommen“, berichtet Brigitte Lölkes erfreut, „als wir Substrat auf dem Feld aufgebracht haben, meldete man uns aus Mellnau: ,Wir sehen, was ihr da macht, aber wir riechen nichts.‘“

Biomasse kann gelagert werden, bis sie gebraucht wird

Ein großer Vorteil im Sinne des dörflichen Friedens, denn kein Mensch mag es, wenn der Mief von Rinder- und Hühnergülle die frisch gewaschenen Betttücher im Garten umweht oder über die Terrasse zieht, wenn gerade die Steaks auf den Grill gelegt werden. Aber das ist nur ein Vorteil, den die Trennung der Gärsubstrat-Bestandteile bringt. „Die Biomasse können wir bis zu 9 Monate lagern - das ermöglicht uns, diesen hochwertigen Dünger gezielt aufzubringen, wenn die Pflanzen die Nährstoffe auch aufnehmen können. Wir müssen jetzt nicht mehr dann düngen, wenn die Masse gerade anfällt“, erläutert Stephan Lölkes und führt aus, dass dies eine Entlastung für den Boden und das Grundwasser darstelle.

Ganz nebenbei eröffnet sich für die Biogas-Anlage noch ein neue Verkaufssparte. Nicht nur Strom und Wärme aus Biomasse stellt die „Betonkuh“ her, sondern auch ein vielseitig einsetzbares Kaftkonzentrat für den Pflanzenbau. „Das Schöne ist, das kann man überall dazugeben - im Nutzgarten und auch auf den Blumenbeeten“, sagt Brigitte Lölkes und berichtet, dass gerade ein Feldversuch läuft. „Zwei Frauen bauen probeweise ihr Gemüse für uns an und düngen es mit der Biomasse - zum Vergleich gibt es im Garten immer eine Reihe mit unserem Dünger und ohne, damit wir sehen, wie die Pflanzen sich verhalten.“

Für die Weiterverwertung der festen Gärreste haben die Lölkes einen Antrag beim Landkreis gestellt. Sie bieten ihren Hof für die Umsetzung eines Pilotprojekts an, „denn wenn wir für die festen Gärreste eine Pellettierungsanlage bauen könnten, dann wäre eine noch längere Lagerung und ein noch gezielterer Einsatz aufgrund besserer Transportmöglichkeiten drin“, erläutert Stephan Lölkes und ist gespannt, ob aus dem Vorschlag etwas wird. Um die neue Technik, aber auch die gesamte Anlage zu präsentieren, lädt der Bioenergiehof Lölkes am kommenden Sonntag zu einem Tag der offenen Tür ein (Programm siehe Infokasten rechts).

50 Tonnen täglich, vor allem Mist und Mais

Entstanden ist der Betrieb 2011 aus dem landwirtschaftlichen Lohnunternehmen Lölkes, das parallel zum Bioenergiehof besteht, und gehörte zu den ersten Biogas-Anlagen im Landkreis. „Das war direkt nach Fukushima - und das Klima für den Ausbau der erneuerbaren Energien war damals sehr positiv“, berichtet Lölkes und verweist darauf, dass die einzige Förderung für die Anlage darin besteht, dass es einen auf 20 Jahre festgeschriebenen Strom-Einspeisepreis von 20 Cent pro Kilowattstunde gibt.

„Während das Geschäft in unserem Landwirtschaftsbetrieb ein reines Saisonunternehmen ist, gibt uns die Biogas-Anlage, die an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr läuft, ein festes Standbein“, erklärt der Betreiber. Seine „Betonkuh“ wird je zu 40 Prozent mit Mist und Mais gefüttert, zu 20 Prozent mit Zuckerrüben, Getreide und Grasschnitt. Landwirte aus den Nachbardörfern, Radius fünf Kilometer, liefern die Biomasse an. Täglich erzeugt die Biogasanlage bei Mellnau 20000 Kilowattstunden Strom, „das entspricht dem Jahresbedarf von vier Haushalten mit einem eher hohen Verbrauch“, sagt Lölkes. Damit gespeist werden unter anderem die Wärmenetze in Oberrosphe mit 130 Haushalten und in Unterrosphe mit 180 Haushalten.

Den größten Teil der Energie speist die Anlage ins Stromnetz der EAM ein - gegenwärtig permanent, „aber dies soll sich ändern“, kündigt Lölkes an. „Ab nächstem Monat speichern wir das Gas und liefern, wenn unsere Energie benötigt wird - auf diese Weise können Schwankungen im Netz ausgeglichen werden.“

von Carina Becker

Programm zum Tag der offenen Tür
Am Sonntag, 30. August, beginnt um 10 Uhr auf dem Bioenergiehof „Vor den Tannen“ der Tag der offenen Tür mit seinem bunten Programm. Stündlichen gibt es Führungen durch die Biogasanlage. Beteiligte Firmen bieten Informationen. Es gibt Speisen und Getränke sowie Schminken, Spiele und eine Hüpfburg für die Kinder. Um 19 Uhr beginnt in der Maschinenhalle die Vorführung des Films „Leben mit der Energiewende“ von Frank Farenski, der  vor Ort sein wird.
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