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Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt

Gericht Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt

Obgleich er eines seiner Opfer mit vorgehaltener Schreckschusswaffe bedrohte und mit der Waffe auch schoss, bleibt einem Mann aus dem Nordkreis eine zunächst verhängte Gefängnisstrafe erspart.

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Die Jugendkammer wandelte das Urteil des Amtsgerichts in eine zweijährige Freiheitsstrafe um, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Dem Anschein nach habe die mehrmonatige Haft den 20-Jährigen beeindruckt, dessen Ansichten verändert und eine positivere Entwicklung ausgelöst.

Quelle: Peter Ending/dpa

Marburg. Im Juli vergangenen Jahres hatte das Amtsgericht Marburg den 20-jährigen Mann aus dem Nordkreis wegen räuberischem Diebstahl, versuchter besonders schwerer räuberischer Erpressung sowie Betrug zu drei Jahren Haft verurteilt. Dagegen legte der geständige Täter Berufung vor dem Landgericht ein.

Während der Berufungsverhandlung vor der Jugendkammer am Mittwoch wurde der Fall neu aufgerollt: Im November 2013 fuhr der selber suchtkranke Heranwachsende mit einem Bekannten nach Marburg, um diesem angeblich Drogen zu verkaufen. Nachdem der „Kunde“ ihm die vereinbarte Bezahlung ausgehändigt hatte, ließ der Angeklagte diesen unter einem Vorwand aus dem Wagen aussteigen und fuhr davon, ohne die vereinbarten Betäubungsmittel zu übergeben.

Um seine eigene Drogen- und Spielsucht zu finanzieren, versuchte der Täter wenige Tage später, Wertgegenstände von einem Taxifahrer zu erpressen. Mit einer „täuschend echt aussehenden“ Schreckschusswaffe zielte er auf den überraschten Mann, verlangte dessen Bargeld und Handy.

Zweimal betätigte er die Waffe, schoss in die Luft und den Unterboden des Wagens und zielte in Richtung Kopf des Opfers. Der verängstigte Fahrer schlug die Waffe schließlich panisch zur Seite und ergriff die Flucht. Anfang vergangenen Jahres stahl der Angeklagte gemeinsam mit einem Komplizen zudem mehrfach Bargeld sowie Schmuck und verkaufte das hochwertige Diebesgut weiter. Insgesamt verschafften sich die Täter auf diesem Weg rund 20000 Euro.

Nach dem Taxi-Überfall stellte sich der Täter der Polizei, wurde nach seiner letzten Tat erneut festgenommen und sitzt seit rund acht Monaten in Untersuchungshaft. In erster Instanz sprach ihn das Amtsgericht schuldig. Gegen die verhängte Jugendstrafe legte der 20-Jährige Berufung ein. Der Grund: sein Wunsch nach einem Neuanfang und einer Ausbildung, die er während der dreijährigen Haftstrafe nicht hätte abschließen können; das teilte der Angeklagte während der Berufungsverhandlung mit.

Statt Spielsucht jetzt ehrgeizige Ziele

Sein Mandant habe eine „sichtbar gute persönliche Entwicklung“ durchgemacht und eine deutlich positivere Perspektive als noch vor der Haft, erklärte Rechtsanwalt Stefan Adler das „ehrgeizige Ziel“ der Verteidigung, die spürbare Jugendstrafe in eine Bewährung umzuwandeln.

Den Einsatz der Schusswaffe habe ihm schließlich die Augen geöffnet; „so weit wollte ich nie gehen, ich habe mich danach selber verachtet“, sagte der Heranwachsende. Er stand nicht zum ersten Mal vor Gericht, wurde in den vergangenen fünf Jahren bereits wegen Diebstahl und gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Einen Großteil der Straftaten beging er unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln, seit seinem 16. Lebensjahr nehme er regelmäßig Marihuana, Ecstasy und Amphetamine. Nach einer problematischen Jugendzeit habe er sich mittlerweile gefangen, die durch belastende Familien­verhältnisse ausgelöste Drogen- und Spielsucht heute unter Kontrolle und sich während der Untersuchungshaft positiv weiterentwickelt.

Der aktuelle Bericht der Justizvollzugsanstalt, der vor Gericht verlesen wurde, bestätigte dem Häftling ein gutes Verhalten, dieser mache „einen reflektierenden Eindruck“ und habe sich „mit seinen Suchtproblemen auseinandergesetzt“. Der 20-Jährige habe heute „gute Vorsätze“, frühere erzieherische Maßnahmen wie zwei soziale Trainingskurse hatten dagegen keinen Erfolg gebracht, ergänzte ein Mitarbeiter der Jugendkonflikthilfe. Für den Fall einer Bewährungsstrafe sprach sich der Sozialarbeiter für einen weiteren Trainingskurs in Einzelbetreuung sowie begleitende Koordinations- und Kontrollmaßnahmen für den Täter aus.

Der 20-Jährige bringe „alle Pluspunkte“ für eine mögliche Bewährung mit, Gitterstäbe seien angesichts des festgestellten Erziehungsbedarfs „der falsche Weg“, betonte Verteidiger Adler in seinem Plädoyer. Dies sah Staatsanwalt Jonathan Poppe anders und betonte die „erheblichen Taten“ des Angeklagten.

„Der Klopper“ sei die versuchte räuberische Erpressung des Taxifahrers gewesen, bei der der Täter zudem die Schusswaffe abfeuerte. Wäre er nur ein wenig älter, habe er nach Erwachsenenstrafrecht eine Mindeststrafe von fünf Jahren zu erwarten. Das Berufungsziel stelle eine erhebliche Strafminderung dar - ob diese gerechtfertigt ist, sei fraglich, sagte der Staatsanwalt.

Die Jugendkammer gab der Berufung schließlich statt und wandelte das Urteil des Amtsgerichts in eine zweijährige Freiheitsstrafe um, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre und ist mit strikten gerichtlichen Weisungen verbunden: Der 20-Jährige wird angewiesen, bei seiner Mutter zu wohnen und bis August diesen Jahres zwischen 22 Uhr und sechs Uhr nicht das Haus zu verlassen. Der Hausarrest wird durch eine elektronische Fußfessel kontrolliert. Darüber hinaus hat er sich der Bewährungshilfe zu unterstellen, einen sozialen Trainingskurs sowie eine Berufsvorbereitung zu absolvieren und sich um eine Ausbildung zu bemühen. Er darf weder Alkohol noch andere berauschende Mittel konsumieren und muss jeden Monat einen Drogentest vorlegen.

Haftstrafe habe Eindruck auf Täter gemacht

Der Angeklagte sei „ein Grenzfall“, ausschlaggebend bei der Entscheidung der Kammer war jedoch der Erziehungsgedanke im Jugendrecht, erklärte der vorsitzende Richter Dr. Thomas Wolf. Dem Anschein nach habe die mehrmonatige Haft den 20-Jährigen beeindruckt, dessen Ansichten verändert und eine positivere Entwicklung ausgelöst. Mit einem „großen Vertrauensvorschuss“ seitens des Gerichts könne der Verurteilte diese nun „in freier Wildbahn“ weiter ausbauen.

von Ina Tannert

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