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Große Hoffnungen und große Ängste

Bürgerversammlung Große Hoffnungen und große Ängste

Während der Bürgerversammlung zum geplanten Wohnungsbauprojekt für Flüchtlinge am Dienstagabend schlugen die Wellen hoch. Dabei wechselten sich Zuversicht, die Situation stemmen zu können, und teils harsch vorgetragene Zweifel ab.

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Volles Haus: In der Gemeindehalle in Cölbe diskutierten Bürger aus allen Ortsteilen mit Kommunalpolitikern über Zuwanderung und Wohnraum in Cölbe.

Quelle: Carina Becker

Cölbe. Es waren zwei Stunden voller Wortwechsel in der überfüllten Cölber Gemeindehalle. Rund 350 Bürger nahmen an der Diskussion teil. Dabei ging es um das von Bürgermeister Volker Carle und der Gemeindeverwaltung vorbereitete Konzept, das für Cölbe ein Wohnungsbauprojekt im großen Stil vorsieht.

Wohnungen für 200 Flüchtlinge sollen entstehen - in dauerhaften Wohnhäusern, die später anderweitig genutzt werden können, und in Quartieren, die auf einen Zeitraum von zehn Jahren vorgesehen sind. Nach einer vorläufigen Kostenkalkulation würde die Gemeinde fünf Millionen Euro investieren, die bei einer Null-Prozent-Finanzierung durch den Bund, einer Vollbelegung und bei Unterstützung durch den Landkreis in zehn Jahren refinanziert werden könnten. Das Gemeindeparlament Cölbe entschied in der vergangenen Woche einstimmig, dass die Verwaltung diese Pläne weiter vorantreiben soll - gegebenenfalls soll eigens dafür eine Wohnungsbaugesellschaft gegründet werden.

Wohnraum-Kapazitäten sind derzeit ausgeschöpft

Hintergrund dieser Pläne: Cölbe wird in den kommenden Jahren nach aktueller Prognose zusätzlich zu den rund 80 Flüchtlingen, die schon in der Gemeinde leben, weitere 200 Menschen aufnehmen und ihnen Wohnraum bieten müssen. Die Kapazitäten, die durch private Vermietungen zur Verfügung stehen, sind derzeit nach eingehender Prüfung durch die Gemeindeverwaltung ausgeschöpft, wie Bürgermeister Carle klarstellte. Die Kommune muss also handeln, „wir müssen unseren solidarischen Beitrag leisten, wie alle anderen Städte und Gemeinden im Landkreis auch“.

In teils sachlich-konstruktiven, teils hetzerischen Wortbeiträgen von Bürgern kam die Rede immer wieder auf zwei Punkte, die in der Bevölkerung Ärger ausgelöst haben: Zum einen, die von Carle und der Gemeindeverwaltung vorgeschlagenen Standorte für die Wohnkomplexe mit Platz für maximal 20 Personen - sie befinden sich in Cölbe, Bürgeln und Schönstadt. Zum anderen, die Art und Weise, wie das Thema in die öffentliche Diskussion getragen wurde - nämlich über die Tageszeitung. Carle musste immer wieder erklären, dass es sich bei den Standorten nur um Vorschläge handele, um eine Diskussionsgrundlage.

„Integration im Dorf, wo die Menschen beieinander sind“

„Wenn Sie sagen, wir können nicht an unseren Gemeinschaftshäusern und Hallen bauen, weil dann Parkplätze verloren gehen, dann müssen Sie auch andere Vorschläge machen“, sagte Carle und stellte klar, dass die Gemeinde freilich nur über ihre eigenen Flächen verfügen könne. Wenn keine Neubauten gewünscht würden, sei es an den Cölbern, privaten Wohnraum für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen, „enteignen können wir ja schließlich nicht“. Und er rechtfertigte sich für seinen Weg, über die Zeitung an die Öffentlichkeit zu gehen: „Sonst hätten wir diese Diskussion doch nicht - wie soll ich denn sonst die Menschen in dieser Breite erreichen?“

Was immer wieder deutlich wurde: Der politische Wille ist, dass die Flüchtlinge in den Dörfern unterkommen, mitten unter Einheimischen, statt sie in großen Komplexen am Dorfrand zu verbannen, wie es die Politik der 90er Jahre vorsah und wie es auch einige Cölber an diesem Abend vorschlugen. „Das ist keine Lösung“, sagte der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow, „wir haben festgestellt, dass Integration dort am besten funktioniert, wo die Menschen nah beieinander sind - nämlich in den Dörfern. Deshalb ziehen wir viele kleine dezentrale Wohneinheiten den großen Quartieren vor. Ängste und Vorurteile lösen sich auf, sobald die Menschen miteinander ins Gespräch kommen“.

Zachow und Carle vermittelten große Zuversicht und führten viele Beispiele von gelungener Integration in Cölbe und im Landkreis an. Durchbrochen wurde dies öfters von Zwischenrufen aus dem Saal - mitunter in der Güteklasse „Hört doch auf, so eine Scheiße zu reden“.

Kritische Stimmen zu neuen Flüchtlingswohnungen

Der Cölber Andreas Sperling schlug mit einer Unterschriftenliste auf, vier Seiten voller Namen, gesammelt in der Nachbarschaft der Gemeindehalle. „Ich habe mit den Anliegern gesprochen - und die absolute Mehrheit ist dagegen. Wir wollen keine Flüchtlingswohnungen hier, in welcher Art auch immer.“ Auf Zurufe aus dem Publikum, woher diese ablehnende Haltung komme, sagte Sperling: „Wir holen uns hier jeden ins Land, egal ob eine somalische Mutter mit Baby oder einen IS-Terroristen aus Syrien. Die spucken auf die Straße und schmeißen den Müll da hin.“ Sperlings Äußerungen wurden aus dem Publikum ablehnend und bekräftigend quittiert, beide Seiten waren stark vertreten.

Auch sachlichere Bedenkenträger meldeten sich zu Wort, mahnten an, die schon knappen Parkflächen an den Gemeinschaftshäusern nicht noch stärker durch Neubauten zu begrenzen oder verwiesen darauf, dass Flüchtlingswohnungen in Neubaugebieten die Attraktivität der Bauplätze und ihre Verkaufschancen verringern könnten. Und sie befürchteten, dass die Gemeinde sich mit einem Fünf-Millionen-Projekt zu viel zumuten könne. Dies stachelte eine Neid-Debatte an: Unter Applaus bemängelten Bürger verschiedentlich, dass „nun auf einmal für alles Geld da ist“. Manche äußerten auch Angst vor Verlust ihres Arbeitsplatzes und meinten, dass durch die Zuwanderung der Niedriglohn-Sektor in der Industrie boomen werde.

Neben Wortmeldungen, die von Angst, Neid und Vorurteilen geprägt waren, berichteten andere über ihre Erfahrungen mit Flüchtlingen in Cölbe. So erzählten zahlreiche der Helfer aus dem Cölber Arbeitskreis für Flüchtlinge (CAF), dass jeder Neuankömmling in der Gemeinde von ihnen betreut werde. „Eine der ersten Lektionen ist die Mülltrennung - wir haben dazu Schaubilder, die wir zur Verfügung stellen, damit man auch ohne Wort verstehen kann, wie dies funktioniert“, führte Dr. Kurt Bunke aus. Um Verständigung und Spracherwerb zu fördern, baut der CAF derzeit einen Lerntreff auf. Silke Jahns warb um Mitarbeiter. „Jeder, der mag, kann helfen, mit den Leuten Deutsch zu üben.“

Diskussion geht in Bürgeln weiter

Cölbes Ortsvorsteherin Gisela Nage-Rotarius berichtete, dass es mit den Flüchtlingen, die bislang in Cölbe untergekommen sind, keine Probleme gebe, „man merkt das ja nicht einmal, dass sie hier sind“. Schönstadts Ortsvorsteher Johannes Weber sagte, dass er sich auf die Zuwanderer freue - und dass neue Menschen für die Dörfer eine Perspektive darstellten, „die Chance, die Infrastruktur besser erhalten zu können, weil es wieder mehr Nutzer gibt“.

Bürgelns Ortsvorsteher Jörg Block nannte den 24. November als Termin für die Ortsbeiratssitzung in Bürgeln, „da haben wir das Thema Flüchtlingswohnungen auf der Tagesordnung und wollen über Standorte sprechen“. Bürgermeister Volker Carle sagte zu, dass die Diskussion nun in den Ortsteilen weitergeführt werde, damit die Gemeinde mit den Bürgern Lösungen erarbeiten könne.

von Carina Becker

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