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"Glyphosat ist nur eine Notbremse"

Umstrittenes Unkrautmittel "Glyphosat ist nur eine Notbremse"

Kreislandwirt Frank Staubitz plädiert dafür, Glyphosat weiterhin für die konventionelle Landwirtschaft zu erlauben. Bio-Landwirt Joachim Gabriel erklärt, wie er ohne das Herbizid auskommt.

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Frank Staubitz auf seinem Traktor. Mit der computergesteuerten Anhängespritze bringt er im Herbst auch punktuell Glyphosat aus, wo es zur Unkrautbekämpfung nötig ist. Foto: Philipp Lauer

Quelle: Philipp Lauer

Caldern. Frank Staubitz aus Caldern spricht nicht gerne von Unkraut, lieber von „unerwünschter Begleitflora“, schließlich habe jedes Kraut einen Sinn. Manches Gewächs auf dem Acker sei aber so hartnäckig, dass es ohne Pflug nicht zu bekämpfen sei. Viele Bauern verzichten aber mittlerweile auf den Pflug und setzen auf sogenannte konservierende Bodenbearbeitung. „Die Wahrscheinlichkeit, dass dann Glyphosat eingesetzt wird, ist schon höher“, erklärt Kreislandwirt Staubitz und nennt als Beispiel die Quecke. „Dagegen wird gezielt Glyphosat aufgebracht.“

Ökologische Landwirtschaft setzt auf andere Mittel

Staubitz will mit dem Vorurteil aufräumen, das Pflanzengift würde tonnenweise auf die Felder gebracht. Während in Deutschland rund 30 Prozent der Flächen mit Glyphosat behandelt würden, schätzt er den Anteil im Kreis auf maximal zehn Prozent der Äcker. Dabei gebe es klare Auflagen, dass jährlich maximal 3600 Gramm pro Hektar gespritzt werden dürften. Das passiert im Herbst, nach der ersten Bodenbearbeitung mit dem Grubber, also vor der Aussaat des Getreides. „So viel wird aber eigentlich nicht benötigt. 1500 Gramm reichen meistens.“

Wie kommt die ökologische Landwirtschaft ohne Glyphosat aus? Bio-Landwirte wollen und dürfen keine Herbizide anwenden, erklärt Joachim Gabriel, der den Stedebachhof im Weimarer Ortsteil Stedebach nach Demeter-Richtlinien betreibt. „Wir haben andere Mittel, um mit Unkraut umzugehen, eine vielfältige Fruchtfolge und konsequente mechanische Bodenbearbeitung.“ Dazu gehört auch die Arbeit mit dem Pflug. Probleme mit der Quecke hat Gabriel nicht. „Wir betreiben dabei einen großen Aufwand und haben einen geringeren Ertrag. Daraus resultiert eben auch ein höherer Preis.“

Gabriel bestellt seine Felder in einer siebenjährigen Fruchtfolge. In den ersten beiden Jahren wächst Kleegras, das konsequent mehrmals im Jahr geschnitten wird. „Das bekämpft die Wurzelunkräuter. Betriebe mit Viehhaltung können das Kleegras als Futter nutzen.“ Im dritten Jahr baut Gabriel ein stark zehrendes Getreide, etwa Weizen oder Dinkel an, darauf folgt Roggen.

Eine Hülsenfrucht wie die Erbse bindet im fünften Jahr in Symbiose mit Knöllchenbakterien den Stickstoff aus der Luft im Boden, dieser wird dadurch gedüngt. Das ermöglicht den Anbau eines stark zehrenden Getreides im sechsten Jahr. Nach Hafer und Weizen im siebten Jahr ist es wieder Zeit für das Kleegras.„Ich finde es nicht richtig, dass Glyphosat jetzt weiter zugelassen werden soll, aber ich möchte meine Berufskollegen nicht an den Pranger stellen. Lieber möchte ich meine Methode als Alternative nahelegen“, erklärt Gabriel.

Ökologische Vorteile

Auch Staubitz möchte keinen Keil zwischen die Kollegen im konventionellen und dem ökologischen Landbau treiben. „Das sind einfach zwei unterschiedliche Betriebskonzepte.“

So konzentriert sich Staubitz in erster Linie auf den Ackerbau und hat kaum Verwendung für Kleegras. Deshalb sieht die Fruchtfolge auf seinen Feldern anders aus. Auf Gerste folgt Raps und darauf Weizen. Diese Folge sei für seinen Betrieb wirtschaftlich sinnvoll.

Die Bodenbearbeitung ohne Pflug habe auch ökologische Vorteile zu bieten, erklärt Staubitz. Die Methode schone die Bodenlebewesen, der Boden werde nicht so stark verdichtet und die Verdunstung auf ein Minimum reduziert, was gerade in trockenen Frühjahren hilft. Wenn es hingegen Starkregen gibt, sind ungepflügte Äcker besser vor Bodenerosionen geschützt. „Glyphosat auf das Feld zu bringen kostet etwa einen Liter Diesel je Hektar. Beim Pflügen derselben Fläche verbraucht man 30 Liter“, nennt der Kreislandwirt einen weiteren Aspekt.

In extremen Jahren, wie nach dem kalten Winter 2012, gab es viele Unkräuter. „Da hat das Mittel geholfen, überhaupt erntefähige Bestände zu erreichen. Wir sind froh, dass wir Glyphosat einsetzen können, lassen es aber auch gerne im Kanister“, sagt Staubitz. Ein Verbot des Breitbandherbizids Glyphosat hätte aus Sicht des Kreislandwirts unter anderem zur Folge, dass die Landwirte vermehrt auf selektive Mittel umsteigen müssten. Diese wirken speziell gegen bestimmte Kräuter. „Der Pflanzenschutzmittelaufwand würde dann sicher steigen“, prognostiziert Staubitz. Das wäre mit höheren Kosten und mehr Aufwand verbunden.

Der Einsatz von Glyphosat kurz vor der Ernte zur sogenannten Sikkation sei im Landkreis nie ein Thema gewesen, betont der Kreislandwirt. Diese Methode zur Austrocknung haben bis zum Verbot im Jahr 2014 vor allem die großen Betriebe genutzt, um das Getreide schneller reifen zu lassen.

„Wir Landwirte sind offene Leute. Wer Fragen zu unserer Arbeit hat, kann einfach auf uns zukommen. Ganz sicher geben wir dann auch Auskunft, in welchem Umfang wir welche Mittel einsetzen. Glyphosat ist kein Standardprodukt, es ist nur eine Notbremse, die wir ziehen, bevor uns die Ernte droht auszufallen“, erklärt Staubitz.

von Philipp Lauer

 
 
Zulassung ist umstritten

Die EU-Kommission prüft derzeit eine Verlängerung der Zulassung des Unkrautvernichters Glyphosat bis zum Jahr 2031.

Der Wirkstoff Glyphosat ist seit rund 40 Jahren auf dem Markt und weltweit der am meisten eingesetzte Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln. In der Landwirtschaft und im Gartenbau wird er vor der Aussaat zur Unkrautbekämpfung verwendet. Getreide und Raps darf in Deutschland unter bestimmten Umständen auch vor der Ernte damit behandelt werden. Dem Glyphosat werden oft andere Stoffe beigemischt, die das Eindringen des Wirkstoffes in die Pflanze erleichtern. Diese Stoffe sind nach Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zum Teil giftiger als das Glyphosat selbst. (dpa)

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