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Glücksmomente zwischen Blech und Plüsch

Spielzeugsammler Glücksmomente zwischen Blech und Plüsch

Als Jochen Schäfer 1992 auf einem Antikmarkt in Alsfeld für 40 Mark ein grünes DDR-Spielzeugauto aus Blech kauft, ahnt er nicht, für welche Leidenschaft er damit den Grundstein legt.

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Zwei Exponate aus Jochen Schäfers Spielzeugsammlung: ein historischer Teddy mit gelber Latzhose und alter hölzerner Modell-Umzugswagen.

Quelle: Michael Hoffsteter

Oberrosphe. 24 Jahre später lässt in Oberrosphe in der Weihnachtsausstellung im Dorfmuseum die Seilwinde eines blechernen Hafenkrans aus Frankreich ratternd ihren Haken herab. Ein kleiner Kofferträger aus China schlurft mechanischen Schrittes über die hölzernen Bodendielen und stolpert über die Ritzen. Ein Plüschpinguin mit schmucker Fliege am Hals klappert eifrig mit dem roten Schnabel. Und ein flaschengrüner Elefant „Made in Germany US-Zone“ schreitet ruckartig über den Boden, wie es für ein aufziehbares Blechspielzeug typisch ist.  

Jochen Schäfers Herz schlägt für Blech und Plüsch. Mit dem grünen Auto Typ „Goliath“ fing alles an, hunderte weitere Spielzeuge aus zumeist ­europäischen Kinderzimmern des vergangenen Jahrhunderts folgten. „Wie viele Stücke
genau es sind, weiß ich selbst nicht“, sagt der 54-Jährige und schaut sich achselzuckend in den beiden Ausstellungsräumen um, „ein Großteil der Sammlung ist ja auch gar nicht hier“.

Der Reiz gebrauchter Gegenstände

Daheim füllen Jochen Schäfers Schätze einen kompletten Raum, der mit Glasschränken ausgestattet ist. „Es kommt ständig etwas Neues hinzu –  manchmal verkaufe ich auch wieder etwas, wenn ich eine kostspielige Neuanschaffung plane“, verrät der Sammler, der es früher auf Kofferradios abgesehen hatte und neben den alten Spielzeugen auch Oldtimer-Motorräder restauriert. „Mir geht es einfach um den Reiz des Gebrauchten. Die Zeichen der Abnutzung machen den Charme aus“, befindet Jochen Schäfer, der kein Verständnis für sogenannte Mint- oder Boxed-Sammler hat, die die Gegenstände des Begehrens originalverpackt aufbewahren. „Ich mag es, wenn man sieht, dass die Teddybären und Autos den Weg durch die Kinderzimmer gegangen sind.“

Davon zeugen zwei alte Teddys, die in der Ausstellung gemeinsam mit den Schwarz-Weiß-Fotografien ihrer ersten Besitzer zu sehen sind. Darunter ein kleiner, blondgelockter Engländer namens Alan, der einen treuherzig blickenden Teddy aus dem Hause Chiltern-Toys hält. Halb schleift der Bär mit dem roten Samtband im Gras. Das muss 1930 gewesen sein. Schnautze und Fell sind inzwischen abgewetzt, das Rot des Samtbands ist etwas verblasst und fleckig. Doch 86 Jahre später ist der Bär aus Mohair noch immer da. „Das ist Nostalgie, die alten Dinge strahlen einfach mehr aus“, sagt Jochen Schäfer, der ­diese Einstellung übers Spielzeug hinaus als bewussten Lebensstil pflegt.

Einst wurden aus dem Fachwerkhaus, das der gebürtige Oberrospher bewohnt, die alten Möbel entfernt und durch neue ersetzt. „Meine Frau und ich haben später die neuen Möbel wieder gegen alte ausgetauscht.“ In dem einstigen Bauernhaus unterhält der Ehemann und zweifache Vater Jochen Schäfer quasi sein privates Spielzeugmuseum mit einer wertvollen Sammlung. In manche seiner Stücke hat er viele hundert Euro investiert, andere gab‘s für kleines Geld auf dem Flohmarkt.

Die beruhigende Aura der Teddybären

„Im vergangenen Jahr habe ich meine Sachen erstmals hier im Dorfmuseum gezeigt, das habe ich vorher noch nie gemacht“, berichtet der Bauklempner und bekennt leicht verlegen: „Das war schon so etwas wie ein Outing.“ Blechspielzeuge und Bausätze für Modellautos seien bei männlichen Sammlern beliebt, aber Teddybären? „Wenn ich im Internet alte Teddys aufkaufe, werde ich immer erst einmal für eine Frau gehalten“, erzählt Jochen Schäfer und lacht. „Nein, Namen bekommen die Bären keine bei mir, das geht mir dann doch zu weit.“

Ob er als Kind besonders wenig Spielzeuge hatte – eine Frage, die der Oberrospher schon so oft gehört hat, dass er auf einem seiner Plakate zur Spielzeugausstellung darauf eingeht. Man möge ihm doch bitte kein Defizit bescheinigen oder zu einem Besuch beim Psychologen raten. „Klar hatten wir Spielzeug als Kinder“, sagt Jochen Schäfer, der zu den Erwachsenen gehört, die einfach wiederentdeckt haben, welche Glücksmomente Autos, Teddys und Co. ihrem Besitzer bescheren können.

„Dieser tolle alte Bär hier, das ist ein ganz besonderes Stück“, findet der Oberrospher und führt vor, wie der Teddy nicken, den Kopf schütteln und seine Nase recken kann. „Einige von ihnen brummen sonst auch, wenn man sie bewegt, aber gerade nicht, hier drinnen ist es einfach zu kalt“, weiß  Jochen Schäfer und schaut sich seine Bärenbande an. Nebeneinander aufgereiht sitzen die Teddys im Dorfmuseum auf einem dunkelroten Samtsofa mit Troddeln. Von den Plüschgesellen ist Jochen Schäfer so fasziniert, dass er rund 30 Bücher über sie gelesen hat. „Sie haben etwas sehr Beruhigendes“, teilt der Sammler das Wissen von Kindern, die mit ihrem Plüschtier im Arm einschlafen – und niemals ohne.

 
Spielzeug

Ein großer Wirtschaftsfaktor

Vor dem Zweiten Weltkrieg und auch noch einmal für eine Zeit danach war Spielzeug in Deutschland ein großer Wirtschaftsfaktor, erklärt Sammler Jochen Schäfer. „Made in Germany“ setzte sich durch – und genoss hohes Ansehen in der Welt. „Die Konkurrenz war allerdings groß, sodass kleine Betriebe und Heimarbeiter, auch Kinder, lediglich Pfennigbeträge pro Tag verdienten.“ Importverbote während des Ersten Weltkriegs, später während der Weltwirtschaftskrise und auch in der Zeit der Nazi-Diktatur hatten zur Folge, dass viele Firmen im europäischen Ausland entstanden, die den Bedarf in ihren eigenen Ländern abdeckten, berichtet Schäfer. „Viele jüdische Firmen in Deutschland mussten unter dem Druck der Nazis aufgeben.“ Beispiele dafür seien die Teddybären-Hersteller Gebrüder Bing oder die Firma Georg Levy aus Nürnberg. Nach 1948 füllten die Verkaufsregale der Republik sich noch einmal mit Spielzeug „Made in Germany“. Ab etwa 1960 übernahmen Import-Spielzeuge aus Japan den Markt, wie Schäfer berichtet. Und viele deutsche Firmen stellten die Produktion ein. Japan wurde in der Spielzeugproduktion führend, bis China in den 1970er-Jahren den Markt übernahm.

von Carina Becker-Werner
   

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