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Gaúchos mit Hunsrücker Zunge auf Zeitreise

Spurensuche in Goßfelden Gaúchos mit Hunsrücker Zunge auf Zeitreise

Als Heinrich Werner aus Goßfelden vor 155 Jahren das Auswanderer-Schiff bestieg, brauchte er Monate bis zum Ziel. Olario und Ricardo Werner reichen heute wenige Stunden, um sich auf die Spuren ihrer Vorfahren zu begeben.

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Auf der alten Brücke in Goßfelden, über die schon ihr Vorfahr vor seiner Auswanderung im Jahr 1850 geschritten sein dürfte: Ricardo Lumertz Werner (links) und sein Vater Olario Alfredo Werner (mit der Flagge des brasilianischen Heimat-Bundesstaates Rio Grande do Sul) waren auf den Spuren ihrer Familie in den vergangenen zwei Wochen auch im Landkreis unterwegs.Foto: Karl Heinz Görmar

Goßfelden. Olario Alfredo Werner und sein Sohn Ricardo Lumertz Werner sind stolz auf ihre Heimat. Rio Grande do Sul heißt der südbrasilianische Bundesstaat, in dem sie ihr Leben verbracht haben, in Marata, einem 2000-Einwohner-Dorf etwa 90 Kilometer von der Hauptstadt Porto Alegre entfernt.

Mit der Fahne des landwirtschaftlich geprägten Bundesstaates, dessen Einwohner sich selbst Gaúchos nennen, posieren sie in Deutschland gern für Erinnerungsfotos. Und den Menschen, die sie auf ihrer Reise treffen, bieten sie eine Probe ihres Nationalgetränks Chimarrão an: ein Mate-Tee, der traditionell zubereitet und mit einem Trinkröhrchen aus einem runden Gefäß gesaugt wird, ist immer im Gepäck der beiden Südamerikaner. Doch Werbung machen für Brasilien ist nicht der Grund für ihre Reise.

Der 76-jährige frühere Radiotechniker und sein 26-jähriger Sohn sind auf der Suche nach den Spuren ihrer Vergangenheit. Und die liegen unter anderem in Goßfelden, bei seinem Urgroßvater, wie Olario Werner vor noch nicht so langer Zeit erfahren hat. Auf der Suche nach den Ursprüngen seiner Familie suchte er in Deutschland und Brasilien in Archiven, schrieb er die hiesige Kirche an, bekam Hinweise, forschte weiter und wurde fündig.

Der gesuchte Heinrich Werner erblickte 1830 in Goßfelden das Licht der Welt, wurde dort 1844 konfirmiert. 1858 wagte er den Aufbruch in eine neue Welt, als er gemeinsam mit 81 anderen Auswanderern im Hafen von Antwerpen das Schiff „Laura“ bestieg. Der Vertrag mit der Kolonisationsgesellschaft „Montravel, Silveira & Comp“ datiert vom 10. Juli 1858, fast drei Monate später, am 3. Oktober 1858, betrat er in Porto Alegre erstmals brasilianischen Boden. Ob seine aus Friedberg stammende Frau Katharina da schon dabei war oder ob er sie erst in Südamerika kennenlernte, ist unklar, auch, wie Heinrich in der alten Heimat gelebt hatte.

Doch für Olario war klar, dass er sich den Geburtsort seines Vorfahrs aus der Nähe ansehen möchte. Die Kontakte waren schnell geknüpft, Olarios Sohn Ricardo wollte mitkommen, und so machten die beiden auf ihrer zweiwöchigen Deutschlandreise nicht nur bei Freunden im Hunsrück, sondern auch einige Tage in Goßfelden bei Gisela und Karl Heinz Görmar Station. Dort erfuhren sie nicht nur sehr viel über die Geschichte von Heinrich Werners Heimatdorf, sondern auch über das heutige Deutschland. Die Besucher standen an der Alten Brücke in Goßfelden, die wohl auch schon der Urgroßvater benutzt hatte und vor dessen Haus ganz in der Nähe.

Nicht zuletzt spürten die Besucher der deutschen Geschichte nach und den literarischen Helden, die man auch in der Ferne stets in Ehren hielt. Sohn Ricardo schwärmt vom Besuch des Goethehauses in Frankfurt, obwohl er zu einer Generation gehört, die kaum noch deutsch spricht. Auch der Vater entdeckte Neues: „Mit 13 Jahren habe ich Grimms Märchen gelesen, und jetzt stand ich in Marburg vor dem Haus, in dem die Brüder Grimm gewohnt haben“, strahlte der 76-Jährige in perfektem Deutsch mit Hunsrücker Dialekt-Einschlag.

Wenn es nach ihm geht und die Gesundheit mitspiele, komme er wieder, sagt er. Und wirbt mit der gleichen Begeisterung für sein Land: „Es ist sehr schön bei uns in Rio Grande do Sul.“

Hintergrund

  • Deutsche, die in den USA oder in Australien ihr Glück suchten – das ist uns geläufig, viele Geschichten erzählen davon, vom Erfolg und vom Scheitern. Viel weniger präsent ist, dass im 19. Jahrhundert viele Deutsche auch in Richtung Südamerika aufbrachen, angeworben im Auftrag der  dortigen Herrscher. Die Siedler folgten zum Beispiel dem Ruf des brasilianischen Kaiserpaares Dom Pedro und Leopoldine, einer Habsburger Kaisertochter, die mit dem damaligen portugiesischen Prinzen verheiratet war und die Kolonie regierte.
  • Sie und ihre Nachfolger warben Siedler aus Europa an, versprachen gutes Land und Religionsfreiheit. Wie das aber oft ist: Nicht alle Versprechungen wurden eingehalten, die deutschen Auswanderer aber nahmen ihre neue Heimat an, bestellten das Land und hielten weiter an der deutschen Sprache fest. Je nachdem, woher die Auswanderer kamen, blieben bis heute typische Sprachfärbungen erhalten. So stammten Olarios Urgroßeltern zwar aus Hessen, sein Deutsch ist aber durchsetzt von Hunsrücker Platt, das die größte Gruppe deutscher Siedler in die neue Heimat mitbrachten. Die Minderheitensprache heißt heute „Riograndenser Hunsrückisch“. 
  • Ganz aktuell beschäftigt sich der neue Film „Die andere Heimat“ von Regisseur Edgar Reitz mit der Auswanderung von Bauern aus dem Hunsrück nach Brasilien.

von Michael Agricola

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