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Für 27 Sterzhäuser gab es keine Rückkehr

Erster Weltkrieg Für 27 Sterzhäuser gab es keine Rückkehr

Über Einzelschicksale verstorbener Soldaten, örtliche Ereignisse und zeitgenössische Quellen sprach Ortsvorsteher Dirk Geißler in seinem jüngsten Forschungsbericht zur Zeit von 1914 bis 1918.

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1. Ortsvorsteher Dirk Geißler neben einem Foto seines verstorbenen Großonkels Jacob Engel, dessen Schicksal er während seiner Forschungen über die Ereignisse in Sterzhausen während des Ersten Weltkrieges recherchierte.

Quelle: Ina Tannert

Sterzhausen. Wie in Sterzhausen aus anfänglicher Kriegsbegeisterung, „Siegeszuversicht und Kampfeseifer“ im Verlauf des Ersten Weltkrieges schließlich „Ohnmacht und Resignation“ entstand - darüber referierte Dirk Geißler in Sterzhausen.

Zeitgenössische Briefe, Fotografien, Gedenkblätter, Schul- oder Gemeindechroniken dienten dem historisch versierten Ortsvorsteher als Quellen für seinen Bericht. Seine Forschungsergebnisse stellte er rund 20 interessierten Bewohnern in der historischen Hofreite „Krafts Hof“ vor. Wie im ganzen Land herrschten bei Kriegsbeginn auch innerhalb der Sterzhäuser Bevölkerung eine große Euphorie, ein starkes Gemeinschaftsgefühl und Siegesgewissheit. Berichte aus der Heimat, wie etwa der stete Briefwechsel des damaligen Pfarrers Wilhelm Waas mit den Sterzhäuser Soldaten an der Front, zeigten einen Ausschnitt der örtlichen ­Ereignissen vor 100 Jahren.

Neben guten Wünschen, Informationen und Grüßen aus der Heimat richteten die Verfasser ebenfalls gerne Hohn und Spott an die Kriegsgegner. So müssen etwa die Engländer „tüchtig und derbe verhauen“ werden, schrieb Pfarrer Waas zu Kriegsbeginn motivierend an die „tapferen Helden von Stadt und Land“ an der Front.

„Ich bin gefangen“

Per Post informierten die Daheimgebliebenen ihre Verwandten regelmäßig über aktuelle Ereignisse im Dorf, schrieben über Geburten „zukünftiger Vaterlandsverteidiger“, über Auszeichnungen, Hochzeiten und Todesfälle.

Auffallend in den Sterzhäuser Briefen sind die stets positiven Berichte über eine reiche Versorgung des Ortes während der mageren Kriegsjahre, sagte Geißler. „Völlig frei von Nahrungssorgen“ sei man durch stets gute Ernten und „trotz Englands Aushungerungsplan“, schrieb Pfarrer Waas.

Im Verlauf des Krieges wandelte sich der Tenor der Feldpost, denn der erhoffte „Sieg und Frieden“ blieb aus. „Aus Hoffnung wurde Resignation und Ohnmacht“, erklärte der Referent. Immer häufiger trafen Nachrichten über Verluste von der Front ein. „Ich bin gefangen“, lautete etwa die kurze Botschaft eines in Gefangenschaft geratenen Soldaten an die Familie in Sterzhausen. Frustriert schrieb wiederum ein Bewohner: „Die schöne bunte hessische Tracht sieht man kaum noch - fast alles um uns herum geht in schwarz.“

Lebensschicksale der Verstorbenen sollen aufgezeigt werden

Die Schicksale zahlreicher im Krieg gefallener Soldaten und Vorfahren vieler Sterzhäuser dokumentierte Geißler durch seine umfangreiche Ahnenforschung. Er wolle damit nicht das Soldatentum verherrlichen, sondern die Lebensschicksale der Verstorbenen sowie ein Stück Sterzhäuser Geschichte aufzeigen, sagte der Ortsvorsteher.

Insgesamt fielen während des Ersten Weltkrieges 24 Soldaten aus Sterzhausen, die größtenteils in Frankreich und Russland begraben wurden. Drei Sterzhäuser Soldaten gelten als vermisst. Rund 130 kehrten aus dem Krieg in die Heimat zurück. In detaillierten Gedenkblättern dokumentierte der Referent neben Geburtsdaten, Beruf, Familie sowie den örtlichen Wohnhäusern ebenfalls den überlieferten Todestag und -ort sowie Nachkommen der Gefallenen, die teilweise bis heute in Sterzhausen beheimatet sind. So stellte er etwa das Schicksal des Bahnarbeiters und Gefreiten Michael Laukel vor, der im Haus Nummer 19 lebte und im August 1917 im Alter von 24 Jahren nach einer Arm-und Beinverletzung an der Westfront verstarb. Im Gegensatz zu vielen anderen Gefallenen wurde der Tote jedoch in der Heimat bestattet, im ersten Kriegergrab von Sterzhausen.

Neben den Vorfahren heutiger Bewohner stieß Geißler während seiner Recherchen auch auf die Geschichte seines eigenen Großonkels, Jacob Engel. Der Holzarbeiter verstarb im April 1915 im Alter von 21 Jahren während eines Gefechts in einem Schützengraben in Wattweiler, wo er begraben wurde.

von Ina Tannert

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