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Flecken, Scherben und ein Pfeifchen

Ausgrabungen bei Wetter Flecken, Scherben und ein Pfeifchen

Die ersten Arbeiten zur Umsetzung der neuen B 252 zwischen Lahntal-Goßfelden und Wetter sind getätigt. Die freigeschobenen Trassenteilstücke werden derzeit archäologisch untersucht.

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Grabungshelfer Helmut Lux und Britta Stiesch bei Ausgrabungen in Wetter. Das trockene Wetter kommt ihnen absolut entgegen. So trocknen die geöffneten Erdschichten schneller ab und die dunklen Verfärbungen von Vorratsgruben treten schneller zu Tage.

Quelle: Thorsten Richter

Wetter. Stellen wir uns vor, irgendein Tag in der so genannten Latènezeit, also zwischen dem 5. und 1. Jahrhundert vor Christus. Eine kleine Siedlung auf einer leichten Anhöhe. Bis hierher gut vorstellbar. Doch wie sahen die Menschen aus, die damals auf einem Platz vor den Toren der heutigen Stadt Wetter siedelten? Wie hörte sich ihre Sprache an? Was für Kleider trugen sie? Waren sie friedliebend oder eher kriegerisch, und was wussten sie von ihrer Welt? Wie weit kamen sie rum? Fragen über Fragen, deren Antworten wohl weit tiefer in der Erde eingegraben sind als die wenigen Überreste, die von ihrer Existenz zeugen. Überreste? Was denn? Mauern, Häuser, Kleider, Waffen? Äh, nein, eher Flecken. Dunkle Flecken, mitten im Erdreich. Ja, die Verfärbungen rühren von Menschenhand her. Archäologen wissen sofort, was die Stunde geschlagen hat, wenn sie so etwas zu Gesicht bekommen. „Wir können dabei von Vorrats- oder Abfallgruben sprechen“, sagt Christa Meiborg von der Abteilung hessenArchäologie. Nicht, dass irgendwie mehr zu sehen wäre als ein etwas dunklerer Fleck, der sich kugelförmig vom übrigen Erdreich abhebt. Egal, es ist der klare Beweis für menschliche Präsenz auf dem Areal. Und wer es nicht glauben kann, den überzeugen dann die ersten richtigen Fundstücke, die man in der Hand halten kann: Tonscherben.

In den Wintermonaten wurden für den Bau der ersten Brückenbauwerke im Zuge des Neubaus der B 252 mit schwerem Gerät die oberen Erdschichten abgetragen. Bernd Marquord von HessenMobil erläutert dazu: „Aus naturschutzrechtlichen Gründen, können wir nur in den kalten Monaten diese Arbeiten ausführen, um nicht unnötig am Boden nistende Tiere zu verschrecken beziehungsweise deren Nester zu zerstören. Es verstehe sich von selbst die Abteilung Archäologie und Paläontologie vom Landesamt für Denkmalpflege, die eine Außenstelle in Marburg besitzt, in die Planungen mit einzubeziehen. „Wir sind hier seit Mitte Februar zugange“, sagt Grabungsleiterin Marie Wenske. Im März wurden die Archäologen fündig. Seither arbeiten sie mit bis zu sechs Personen in verschiedenen Verdachtsgruben auf dem Baustellenareal. Ausführende Firma ist der Verein Wissenschaftliche Baugrund-Archäologie, ein Zusammenschluss von Archäologen an den Universitäten Marburg, Frankfurt und Gießen. Die Absprachen zwischen HessenMobil und den Archäologen funktioniert reibungslos, nicht zuletzt deshalb, weil auch ein Verständnis für die jeweiligen Anliegen und Zwänge vorhanden ist. „Was machbar ist, machen wir machbar“, sagt Marquordt und so dauerte der offizielle Termin zwecks Absprache für die kommende Woche nur wenige Minuten.

Übrigens: Nicht alles, was gefunden wird, ist prähistorischen Ursprungs. Auf einer Anhöhe bei Wetter wurden Reste von mehreren Lagerfeuern gefunden, Knochenreste eines Pferdes oder Maultieres sowie ein Pfeifchen, wie es Soldaten aus dem Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) nutzten. Historisch interessant sind sie deshalb aber auch.

HINTERGRUND:

Und so funktioniert‘s: Wenn HessenMobil Straßen baut, tritt die Landesbehörde auch mit dem Landesamt für Denkmalpflege, beziehungsweise mit der Abteilung Archäologie in Kontakt. Da das Landesamt keinesfalls das Personal für etwaige Grabungen vorhalten kann, vermittelt es entsprechende Firmen, die dann im Auftrag von HessenMobil im Fall der Fälle die Grabungen vor den Bauarbeiten ausführen. Im aktuellen Fall bei Wetter ist der Verein Wissenschaftliche Baugrund-Archäologie beauftragt worden, der auch schon in der Gemeinde Weimar aktiv war. Den Verein vertritt unter anderem Professor Claus Dobiat vom Vorgeschichtlichen Seminar der Philipps-Universität Marburg. Die fachliche Oberaufsicht verbleibt allerdings immer beim Landesamt für Denkmalpflege, in diesem Fall bei Dr. Christa Meiborg, von der Abteilung hessenArchäologie.

von Götz Schaub

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